Spät'sche Kapitalismuskritik

Ich hab die letzten Wochen Und, was machst du so? und Die Freiheit nehm ich dir von Patrick Spät gelesen, beides Kritiken des Kapitalismus. Dabei hätte ich mir ersteres auch sparen können: Die Freiheit nehm ich dir ist eigentlich eine erweiterte und im Tonfall etwas verschärfte Fassung von Und, was machst du so? Aus historischer Perspektive und mit Blick für die Unstimmigkeiten im derzeitigen System führt Spät der_m Leser_in vor Augen, was Kapitalismus eigentlich bedeutet – sowohl für die Industrienationen als auch andere Teile der Welt. Auch wenn die Kritikpunkte mir nicht neu waren, waren es doch viele der Beispiele und geschichtlichen Anekdoten.

Post-truth politics

Wer am Montag die aktuelle Ausgabe von Last Week Tonight gesehen hat, wird darin ein erschreckendes Beispiel für Post-truth politics gefunden haben: Ein immer deutlicherer Trend in der politischen Debatte, Kampagnen an den Fakten vorbei zu machen, eine eigene, gefühlsmäßige Realität zu schaffen und Wahrheit an Befindlichkeiten zu knüpfen. Ein weiteres Beispiel wäre die Äußerung von Michael Gove während der Brexit-Kampagne, das Britische Volk hätte genug von Experten, als er nach Wirtschaftler*innen gefragt wurde, die einen Brexit für eine gute Idee halten. Ich habe zu diesem Phänomen zwei Gedankengänge. Die erklären ganz bestimmt nicht alles, aber sie helfen mir, zumindest ansatzweise zu begreifen, was eigentlich passiert und wie es dazu kommen könnte. (Kein Anspruch auf Vollständigkeit, yadda yadda yadda.)

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Ohnmacht

"Würde der Mensch erkennen, dass auch das Universum lieben und leiden kann, er wäre versöhnt."
Albert Camus

Menschen sind nicht gut dafür ausgerüstet, mit ihrer Existenz klar zu kommen. Manche spüren das mehr, manche weniger. Das ist keine tiefenpsychologische Einsicht, das ergibt sich aus der menschlichen Veranlagung, die Welt nach den eigenen Wünschen und Bedürfnissen zu ordnen. Darin sind Menschen vergleichsweise gut. Wir haben die Welt zu Städten und Feldern und Smartphones geordnet. Unsere große Stärke dabei ist, dass wir in großen Zahlen koordiniert zusammenarbeiten können. Wir haben Sprache. Wir haben Logik. Wir haben Argumente.

Die Grenzen unserer Ordnungsfähigkeit schmerzen darum um so mehr. Katastrophen lassen sich von Worten nicht beeindrucken. Hass gehorcht keiner Logik. Der Tod hat kein Ohr für Argumente. Die Unbeherrschbarkeit der Welt, das Absurde, die unendliche Gleichgültigkeit des Universums beißt sich mit unserer sozialen Logik des Überzeugens. Das menschlichste aller Worte ist und bleibt: Warum?

Über Haustiere

Als eine Person, die sich im Zuge einer Ernährungsumstellung sehr viel mit der generellen Problematik "Tier" auseinandergesetzt hat, bin ich in puncto Haustiere zwiegespalten. Einerseits sind Tiere prima. Ich bin eins, du bist eins (wenn du nicht zu einem geheimen Untergrund künstlicher Intelligenzen gehörst, die gerade überlegen, wie sie die Menschheit unterjochen können) und überhaupt: Habt ihr euch Vögel schon mal angeschaut? Oh mein Gott, Vögel sind so gut. Ich mag Tiere. Fast alle von ihnen. Und ich habe ein starkes Bedürfnis danach, Tiere in meinem Leben zu haben. Andererseits ist da immer das Bewusstsein, dass wir Menschen nicht gut für andere Tiere sind. Wir behandeln sie meist ziemlich mies, nehmen ihnen ihre Freiheit und ordnen ihre Rechte unseren unter. Sollte ich also Haustiere halten?

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How to Care when Nothing Matters

[CN: philosophische Diskussion von Suizid]

Nennt es, wie ihr wollt: Kontingenz, postmoderne Beliebigkeit, die Liberale Gesellschaft™. Die Welt ist heutzutage schwer unter einen Hut zu kriegen. Ein Mensch kann sein Leben dem queer-feministischen Aktivismus widmen, Klimawandel und/oder globale Armut bekämpfen, Tiere retten oder sich nur für die nächste Gehaltserhöhung und die Inneneinrichtung des Familienhäuschens interessieren. Das alles sind legitime Lebensentwürfe. Wenn aber alles wichtig sein kann, heißt das auch, dass nichts so richtig wichtig ist. Die gesamtgesellschaftliche Unfähigkeit zur Priorisierung führt dann zu so haarsträubenden Phänomenen wie dem deutlichen Rechtsruck der westlichen politischen Landschaft in den letzten Jahren, dessen Akteure bei moralischer Kritik gerne "Zensur!" schreien -- in einer demokratischen Gesellschaft sei ja schließlich jede Meinung zu akzeptieren. Eine demokratische Gesellschaft heißt jedoch nicht, dass es sich um eine amoralische Gesellschaft handeln muss. Und auch wenn alles gleich wichtig oder unwichtig ist, gibt es Grenzen der Beliebigkeit. Let's escalate this, shall we.

Angekündigte Spontaneität

Du musst auch mal spontan sein. Klar. Wenn etwas Unvorhergesehenes passiert, wenn sich ein unverhofftes Zeitfenster auftut, wenn du auf den letzten Drücker von einem interessanten Event erfährst, ist Spontaneität eine probate Reaktion auf diese veränderten Umstände. Was Spontaneität nicht ist, ist der heilige Gral der Beziehungsgestaltung, egal von welcher Art sozialer Beziehung wir sprechen. Das hier ist ein Lob fester Pläne.

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Liebe Uni

Der Campus der Ruhr-Universität unter bedecktem Himmel. Am Audimax hängt ein leuchtender Schriftzug: How love could be

Ja, wie könnte sie sein, die Liebe? Wenn ich aus der Erfahrung mit uns beiden sprechen müsste, ach Ruhr-Uni, würde ich vor allem sagen: Einseitig. Grau. Herzzerreißend. Du weißt, dass du nicht schön bist mit deinem grauen Beton, der gerüchteweise aber doch brennt. Aber du weißt auch, dass mir das nie wichtig war. Für jemanden, deren Schule ein eingebautes Militärkrankenhaus für den Fall eines Nuklearschlags beheimatete, warst du vielleicht sogar genau die richtige Uni. Schließlich heißt es ja, man suche sich immer Partner, die an die Eltern erinnern. Aber ich war für dich immer nur eine von vielen, RUB. Und ich kann das nicht mehr. Uni, ich verlasse dich.

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Technikutopien -- Technikdeterminismus die 2.

Wenn es nicht gerade auf Twitter ist und in 140 Zeichen passen muss, versuche ich ja immer, differenziert zu sein. Und tatsächlich hat sich ein Anlass ergeben, mal die Gegenseite zu meinem Post über Technikdeterminismus und -pessimismus zu schreiben. Es geht um den Artikel mit dem sprechenden Titel Da hilft auch das Internet nicht, von Martin Klingst auf zeit.de veröffentlicht. Allein der Anreißertext warf schon mit so merkwürdigen Formulierungen um sich, dass ich den Artikel gelesen habe, obwohl ich schon befürchtet habe, dass ich mich hinterher nur darüber aufrege.

Macht das Netz die Menschen offener und toleranter? Nicht unbedingt, zeigt jetzt eine Studie der Weltbank. Und auch die Täter von Köln hatten schließlich Smartphones.

Satz für Satz:

Macht das Netz die Menschen offener und toleranter?
Nein. Man spricht ja nicht umsonst von Filterblasen. Das ist aber schon länger und vor allem doch auch aus dem eigenen Alltag bekannt.

Nicht unbedingt, zeigt jetzt eine Studie der Weltbank.
Zeigt jetzt, jetzt! Vgl. oben.

Und auch die Täter von Köln hatten schließlich Smartphones.
An der Stelle war es bei mir vorbei. Die schiere Zusammenhangslosigkeit zwischen dem zweiten und dem dritten Satz ist erstaunlich.

Ein Windows-Rant

Sehet her, Brüder und Schwestern der Betriebssystementwickler_innen, sieben Tage und sieben Nächte habe ich auf dem Gipfel der Elektroschrottberge gebetet. In der siebten Nacht brachen die Wolken auf und ich hörte tausend Stimmen sagen: "ICH BIN DER USER UND DU SEIST MEINE PROPHETIN." Ich kehre zurück zu euch, Brüder und Schwestern, mit den Worten des USERS. Zehn Gebote gab er mir, die ihr in der Entwicklung von Betriebssystemen beachten sollt.

Der USER sprach:

  1. Ich will andere Betriebssysteme neben dir haben. Hinterfrage meinen Wunsch nicht, denn die Wege des USERS sind unergründlich.
  2. Deine Updateprozesse sollen transparent und steuerbar sein.
  3. Wahrlich, deine Updateprozesse sollen weder das Hoch- noch das Runterfahren der Maschine in irgendeiner Weise beeinträchtigen.
  4. Deine Updateprozesse sollen die Bedienbarkeit des Systems nicht einschränken.
  5. Begehre nicht deines USERS persönliche Daten.
  6. Du sollst nicht ohne meine Einwilligung neustarten.
  7. Deine Vergabe von Administrationsrechten soll mehr als der Klick auf einen "OK"-Button sein.
  8. Du sollst deine Lizenz, wenn du unbedingt so etwas brauchst, nicht mit der Hardware verknüpfen.
  9. Du sollst die Daten deines USERS lokal speichern und nicht ungefragt mit irgendwelchen Cloud-Diensten synchronisieren.
  10. Du sollst deinen USER ehren.

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