Allgemeines

Angst als Ästhetik der Politik

„Ich wünschte, die Leute würden sich mehr für Politik interessieren“, höre ich mich noch sagen. Mein ganzes Leben lang begleitet mich das Wort Politikverdrossenheit wie ein mahnender Zeigefinger. Eure Generation, also die Jugend von heute, die interessieren sich ja nicht, die sind so politikverdrossen. Ja, vielleicht, kann sein. Ich wünschte mir auch, dass sich mehr Leute für soziale Gerechtigkeit und eine Reformation unseres Verhältnisses zu Arbeit und Wirtschaft einsetzen würden. Aber Politik ist auch so träge, so undurchlässig, so … WO KOMMEN DIE GANZEN NAZIS AUF EINMAL HER?

Gut, es ist nicht so, dass der Rechtsruck über Nacht kam. Das hat sich angekündigt. Im Erfolg Thilo Sarrazins, in der wachsenden Beliebtheit rechter Verschwörungstheorien, in der zunehmend rechten Rhetorik im öffentlichen Diskurs. Ich frage mich nur, wie ich von den 90ern als Jahrzehnt der politischen Apathie in eine Zeit der überschäumenden politischen Gefühle gekommen bin. Und bei meinen Überlegungen bin ich bei Ästhetik rausgekommen. Lasst mich erklären.

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Rituelle Höflichkeit

Steffen hat einen lesenswerten Blogeintrag über Rituale geschrieben. Das Fazit, zu dem er kommt:

Einfach und unreflektiert: Kannste machen, aber dann isses halt Kacke

So ein durchritualisiertes Leben kann einem enorm viele Entscheidungen abnehmen: Der Ablauf ist definiert, brauch ich nicht drüber nachdenken.

Ändert sich von außen etwas, wird das als Störung des Rituals empfunden – egal, ob es den Ablauf, das Ziel oder die Veränderung durch Beteiligte betrifft. Fertig ist das kleine Einmaleins des Konservativen.

Eine Alternative zu diesem ritualisierten Stumpfsinn zeigt er in Tweets auf:

Lauter unvergleichliche Situationen und Ergebnisse.

— Steffen (@tzpazifist) 18. November 2016

Ein schöner Gedanke. Aber ich würde hier nicht darüber schreiben, wenn ich damit hundertprozentig d'accord wäre. Das hier ist ein Lobeslied an Rituale. Denn so ein unstetes Leben voller spontaner Reflexion funktioniert nur, wenn man die Kraft dazu hat.

Medien als Heimat

Ein komischer Zeitpunkt, um nach mehr als einem Jahr meine Masterarbeit online zu stellen. Aber vielleicht auch nicht. Vielleicht ist meine Masterarbeit ein klein wenig mehr als nur eine akademische Fingerübung: In ihr habe ich einen Begriff, der gerne von Rechtskonservativen als Kampfbegriff genutzt wird, dekonstruiert und neu gedacht.

Wer sich gegen den scheußlichen Rechtsruck auflehnen will, der sich in der westlichen Welt gerade vollzieht, der oder die oder das muss Boden zurückerobern. Linksprogressive tun sich leicht mit dem Loslassen: Schließlich ist das ständige Hinterfragen und Überarbeiten des Status Quo ein grundlegender Bestandteil unseres Mindsets. Wer Strukturen niederreißt und keine neuen neuen baut, riskiert, dass sich etwas Unerwünschtes auf dem Brachland niederlässt.

Wir brauchen wieder zugängliche Identitäten, die durch die Veränderungen, die wir uns wünschen, nicht bedroht werden. Aber um zu bauen muss man bleiben.

Ich habe nichts korrigiert, ich habe keine Kritikpunkte geglättet. Das hier ist die Arbeit, wie ich sie abgegeben habe.

PDF-Download: Medien als Heimat.

Über Haustiere

Als eine Person, die sich im Zuge einer Ernährungsumstellung sehr viel mit der generellen Problematik "Tier" auseinandergesetzt hat, bin ich in puncto Haustiere zwiegespalten. Einerseits sind Tiere prima. Ich bin eins, du bist eins (wenn du nicht zu einem geheimen Untergrund künstlicher Intelligenzen gehörst, die gerade überlegen, wie sie die Menschheit unterjochen können) und überhaupt: Habt ihr euch Vögel schon mal angeschaut? Oh mein Gott, Vögel sind so gut. Ich mag Tiere. Fast alle von ihnen. Und ich habe ein starkes Bedürfnis danach, Tiere in meinem Leben zu haben. Andererseits ist da immer das Bewusstsein, dass wir Menschen nicht gut für andere Tiere sind. Wir behandeln sie meist ziemlich mies, nehmen ihnen ihre Freiheit und ordnen ihre Rechte unseren unter. Sollte ich also Haustiere halten?

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How to Care when Nothing Matters

[CN: philosophische Diskussion von Suizid]

Nennt es, wie ihr wollt: Kontingenz, postmoderne Beliebigkeit, die Liberale Gesellschaft™. Die Welt ist heutzutage schwer unter einen Hut zu kriegen. Ein Mensch kann sein Leben dem queer-feministischen Aktivismus widmen, Klimawandel und/oder globale Armut bekämpfen, Tiere retten oder sich nur für die nächste Gehaltserhöhung und die Inneneinrichtung des Familienhäuschens interessieren. Das alles sind legitime Lebensentwürfe. Wenn aber alles wichtig sein kann, heißt das auch, dass nichts so richtig wichtig ist. Die gesamtgesellschaftliche Unfähigkeit zur Priorisierung führt dann zu so haarsträubenden Phänomenen wie dem deutlichen Rechtsruck der westlichen politischen Landschaft in den letzten Jahren, dessen Akteure bei moralischer Kritik gerne "Zensur!" schreien -- in einer demokratischen Gesellschaft sei ja schließlich jede Meinung zu akzeptieren. Eine demokratische Gesellschaft heißt jedoch nicht, dass es sich um eine amoralische Gesellschaft handeln muss. Und auch wenn alles gleich wichtig oder unwichtig ist, gibt es Grenzen der Beliebigkeit. Let's escalate this, shall we.

Angekündigte Spontaneität

Du musst auch mal spontan sein. Klar. Wenn etwas Unvorhergesehenes passiert, wenn sich ein unverhofftes Zeitfenster auftut, wenn du auf den letzten Drücker von einem interessanten Event erfährst, ist Spontaneität eine probate Reaktion auf diese veränderten Umstände. Was Spontaneität nicht ist, ist der heilige Gral der Beziehungsgestaltung, egal von welcher Art sozialer Beziehung wir sprechen. Das hier ist ein Lob fester Pläne.

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Ein Windows-Rant

Sehet her, Brüder und Schwestern der Betriebssystementwickler_innen, sieben Tage und sieben Nächte habe ich auf dem Gipfel der Elektroschrottberge gebetet. In der siebten Nacht brachen die Wolken auf und ich hörte tausend Stimmen sagen: "ICH BIN DER USER UND DU SEIST MEINE PROPHETIN." Ich kehre zurück zu euch, Brüder und Schwestern, mit den Worten des USERS. Zehn Gebote gab er mir, die ihr in der Entwicklung von Betriebssystemen beachten sollt.

Der USER sprach:

  1. Ich will andere Betriebssysteme neben dir haben. Hinterfrage meinen Wunsch nicht, denn die Wege des USERS sind unergründlich.
  2. Deine Updateprozesse sollen transparent und steuerbar sein.
  3. Wahrlich, deine Updateprozesse sollen weder das Hoch- noch das Runterfahren der Maschine in irgendeiner Weise beeinträchtigen.
  4. Deine Updateprozesse sollen die Bedienbarkeit des Systems nicht einschränken.
  5. Begehre nicht deines USERS persönliche Daten.
  6. Du sollst nicht ohne meine Einwilligung neustarten.
  7. Deine Vergabe von Administrationsrechten soll mehr als der Klick auf einen "OK"-Button sein.
  8. Du sollst deine Lizenz, wenn du unbedingt so etwas brauchst, nicht mit der Hardware verknüpfen.
  9. Du sollst die Daten deines USERS lokal speichern und nicht ungefragt mit irgendwelchen Cloud-Diensten synchronisieren.
  10. Du sollst deinen USER ehren.

Die Erfindung des erwachsenen Menschen

In kulturwissenschaftlichen Kreisen wird immer wieder von der "Erfindung der Kindheit" gesprochen. Gemeint ist damit, dass die Kindheit als vom Rest des Lebens unterscheidbare, schützenswerte Phase erst relativ spät in der Geschichte aufgekommen. Wenn man bedenkt, wie lange es selbst im Fortschrittlichen Europa™ selbstverständlich Kinderarbeit gab. Aber wenn die Kindheit erst erfunden werden musste, wurde der erwachsene Mensch als dessen Gegenstück dann nicht auch erfunden?

Digital Detox und Technikdeterminismus

Können wir kurz über Bildschirm-Bashing sprechen? Glotz nicht so viel, du bekommst noch viereckige Augen. Ihr kennt das. Bildschirm-Bashing ist der große Bruder von Algorithmophobie (Die Algorithmen, sie bestimmen unser ganzes Leben!!), Papierromantik (Bücher! Bücher bringen einem Denken bei!) und Face-to-Face-Fetisch (Warum redet ihr nicht einfach miteinander?). Sie alle gehören zu der Familie des Technikdeterminismus, die Vorstellung, dass die Technik diktiert, wie sie genutzt wird und wie sich unsere Gesellschaft in diesem Licht entwickelt. Die Idee ist nicht ganz abwegig. The medium is the message und so. Natürlich bedingt eine Technik, was mit ihr getan werden kann, aber darum noch lange nicht, was mit ihr getan werden muss.

Die Geister, die wir schufen

Menschen sind besessen von dem, was größer ist als sie. Wenn man sich vorstellt, wie der Prozess der Bewusstwerdung einst abgelaufen ist, so kommt man immer wieder zu der Urszene: Die Menschen starren in den Nachthimmel und realisieren, wie klein und unbedeutend sie sind. Bitte stellt euch daraufhin eine frenetische Montage zu "Yakety Sax" vor, in der unsere Vorfahren Begräbnisriten, Religion, Kunst und Ackerbau erfinden. Die Sache ist die: Die Hälfte aller Dinge, die Menschen als größer als sie selbst und damit als unbeeinflussbar wahrnehmen, haben sie selbst erfunden.

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