Über Orientierung

Heute Morgen wurde ich von @pintawohl auf diesen Text in der NZZ aufmerksam gemacht. Kernthese: Mit dem Smartphone lässt sich nicht flanieren. Die neuen Orientierungsmöglichkeiten durch Google Maps lässt sich die Stadt nicht mehr erkunden, man ist nur noch zielstrebig unterwegs. Der Flaneur wird zum Voyeur. Wie der Zufall es so will fällt das genau in meine Beschäftigung mit Raum im Rahmen meiner Masterarbeit.

Nicht nur sehe ich hier einen dezenten Fall von Bildschirm-Bashing, nein, ich sehe auch eine gewisse Geschichtsvergessenheit. Denn das Smartphone bietet hier meiner Ansicht nach lediglich eine Lösung zu einem Problem, das ihm vorausgeht. Die Raumsoziologin Martina Löw diagnostiziert bereits in den 70er und 80er Jahren -- bevor Handys massentauglich und Smartphones auch nur ein gewagter Traum waren -- eine räumliche Verinselung bei Kindern und Jugendlichen, das heißt, dass die Raumwahrnehmung sich verändert hat: Raum wird nicht mehr als expansiv und zusammenhängend wahrgenommen, sondern als willkürlich miteinander verbundenes Netzwerk aus monofunktionalen Einzelräumen, die durch "schnelle, nicht nachvollziehbare Bewegungen" verbunden sind (aus dem Kopf zitiert). Grund hierfür ist nicht die damals noch nicht besonders fortgeschrittene Digitalisierung, sondern die Veränderung der Raumstrukturen, die sich aus der Mobilisierung der Bevölkerung (Verbreitung von Automobil, privater Flugverkehr, Schnellzüge ...) und dem Siegeszug der Nicht-Orte herleiten lässt.

Nicht-Orte sind nach dem Anthropologen Marc Augé jene Orte, die bis auf eine Nutzer_innen-Rolle keine Identität vermitteln und in denen keine genuin menschliche Kommunikation stattfindet. Gemeint sind damit insbesondere die Orte und Räume des Transports (Flughäfen, Bahnhöfe, Züge, Autobahnen etc.), aber auch z.B. Supermärkte, Fast Food Restaurants, Hotels usw. Es sind also monofunktionale Räume oder Räume des Transports -- die Voraussetzungen für das Phänomen der Verinselung.

Obwohl der Effekt bei Kindern, die auf dem Land wohnen, (und bei Mädchen) stärker ist, ist die Stadt auch davon betroffen. Ich nehme mal die U-Bahn als symptomatische Technologie: Man verlässt die tatsächliche Stadt an einer Stelle, indem man unter die Erde geht, wird durch eine schnelle Bewegung in eine nicht nachvollziehbare Richtung transportiert und betritt die Stadt wieder an einer vollkommen anderen Stelle. Dazwischen liegen häufig unpassierbare mehrspurige Hauptstraßen. Neulich habe ich noch eine großartige Illustration gesehen, die ich jetzt natürlich nicht wiederfinde, die letztendlich besagte: Wenn wir unsere Häuser planen würden wie unseren öffentlichen Raum, würden sie hauptsächlich aus Garage bestehen. 

In anderen Worten: Das Auto und die U-Bahn haben den/die Flaneur/in verdrängt. Die Karten unserer Städte waren schon lange keine Stadtpläne mehr, sie sind Fahrpläne.

Und dann tritt Google Maps auf den Plan. Google Maps hat seit einiger Zeit das Feature der Routenplanung für Fußgänger_innen. Was das ermöglicht ist, den maschinenorientierten öffentlichen Raum wieder zu Fuß zu navigieren, selbst wenn eins sich nicht auskennt. Zu bedenken ist schließlich, dass das Konzept des Flaneurs/ der Flaneurin auf der selbstverständlichen Erschließbarkeit der Stadt zu Fuß basiert. Etwas, das ich heute nicht mehr als gegeben erachte. Ich wohne seit 7 Jahren in Bochum und wäre vollkommen überfordert, wenn ich einen Fußweg zur Uni suchen müsste. Die Unistraße ist nicht für Fußgänger gemacht, ich kann höchstens mit dem Fahrrad fahren, was wieder ganz eigene Probleme bereitet.

Die Sache ist die, dass unsere Städte sich mit dem Rest unserer Kommunikation, unserer Fortbewegung und den Zyklen unseres Wirtschaftssystems beschleunigt haben. Ich sollte hier vermutlich Virilio zitieren, aber den habe ich leider noch nicht gelesen. Was Smartphones hier leisten können, ist a) über Karten und Routenberechnungen den städtischen Raum wieder als kohärent erfahrbar zu machen und b) über die eigene Zeit- und Raumstruktur entschleunigen, da die digital verfügbaren Informationen zum Schmökern, Browsen, Verlinken und Verweilen einladen. Man könnte also sogar sagen: Das Flanieren hat sich von den hektischen Straßen in den selbstbestimmten digitalen Raum verlagert, den wir dank Smartphone immer bei uns haben.

Aber das ist nur meine Perspektive. Sie soll den NZZ-Artikel nicht entkräften, nur ergänzen.

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