11x die Wahrheit

Ich wurde von Steffen dazu angehalten, ein paar Fragen zu beantworten. Und ich könnte jetzt schnippisch tun und sagen: Bei solchen Dingen mach ich nicht mit und ach und sowieso, aber da ich neulich erst random Informationen über mich via Twitter gepostet habe, wäre das irgendwie hohl. Und da ich schon lange mal wieder den Blog hier beleben wollte: Warum nicht so? Ich sage nur gleich, dass ich das Schneeballsystem nicht ganz weitermachen kann, einfach aus dem Grund, dass ich keine 11 Blogger*innen kenne, an die ich die Aufgabe weiterreichen könnte. Aber fangen wir an:

Gibt es einen Menschen, dem du schon immer mal die Meinung sagen wolltest, es aber noch nie getan hast? Und wenn ja: warum?

Tausend davon. Ich habe das Gefühl, dass ich niemandem je die Meinung sage. Einfach weil ich es häufig kleinlich und unnötig konfrontativ finde. Ich bin nicht besonders streitlustig und knicke in Argumentationen viel zu schnell ein, weil ich häufig so damit beschäftigt bin, den Standpunkt des Gegenübers nachzuvollziehen, dass ich vergesse, meinen eigenen zu vertreten. Das, oder ich werde bockig. Beides nicht elegant, deswegen gehe ich Konfrontationen eher aus dem Weg. Ich kann das im professionellen Umfeld besser als privat, aber trotzdem.

Ich würde jedoch sehr gerne dem Dozenten, der mir mal ne 4 in Literatur reingewürgt hat, mein finales Transcript of Records unter die Nase halten und singen: "One of these things is not like the others, one of these things just doesn't belong …" Aber das wäre kleinlich und unnötig und zeugt lediglich von meinem verletzten Stolz.

Was ist deiner Meinung nach der Weg zu einer zukunftsfähigen Welt?

Verzicht und Empathie. Verzicht klingt ja erstmal immer unsexy, aber ich glaube, er ist nötig, um noch irgendetwas reißen zu können. Wir haben viel hier. Viel zu viel. Und es macht Leute nicht nur gierig und egoistisch, sich an materielle Dinge zu klammern, es macht sie dabei auch noch unglücklich. Zumindest ist das mein Eindruck. Auch das, was dem materiellen Wohlstand vorausgeht, nämlich die Karriere, brennt Leute aus und bringt sie häufig nahe an die Verzweiflung. Insbesondere, weil viele unserer Jobs Bullshit-Jobs sind. Dafür den Großteil unserer wachen Zeit aufzuwenden, muss zwangsweise in der Sinnlosigkeit und damit Verzweiflung enden. Weniger wollen, weniger haben müssen -- das würde den meisten Menschen guttun.

Empathie ist da einfacher und auch irgendwie sexyer. (Mein englisches Sprachgefühl sagt mir, es muss "sexier" heißen, aber Deutsch?) Das hat mit anderen Menschen zu tun und sich selbst nicht als das Alpha und Omega zu sehen. Und so gut wie alle mögen irgendwelche Menschen, daher ist das Prinzip in seinen Grundzügen bekannt. Der große Schritt ist, Mitgefühl auf Menschen aller Art auszuweiten und sie nicht aufgrund irgendwelcher merkwürdiger Kategorien abzuwerten. Also weder wegen Hautfarbe, noch Religion, noch Sexualität oder Geschlechtsidentitäten und deren Ausdrucksform, aber auch nicht aufgrund von (wahrgenommenem) Bildungsstand oder solchen Sachen.

Ich glaube, wenn wir die beiden Sachen in den Griff bekommen, könnten wir vieles schaffen.

Unter allen Emotionen, die dir eigen sind: Welche ist deine schwierigste und wie versuchst du, sie in dein Leben zu integrieren?

Angst. Angst vor allem und jedem, Angst davor, nicht genug zu sein, nicht gut genug zu sein, nie irgendwas zu schaffen, Angst vor Krankheiten und Verlust und der generellen Gleichgültigkeit des Universums … In mein Leben integrieren geht so semi gut, aber ich arbeite daran, indem ich eine Angst nach der anderen adressiere und die anderen so lange ausblende. Aber manchmal brandet dann doch die Kakophonie ihrer gesammelten Worst-Case-Szenarien auf und dann ist die Welt sehr groß und ich sehr klein.

Das EINE Ding im Leben, das du anders machen würdest, wenn du die Zeit zurückdrehen könntest?

Das ist eine sehr gemeine Frage, weil ich gerne fast alles anders machen würde. Aber das, was mir wahrscheinlich am meisten gebracht hätte, wäre, ab dem Kindesalter schon mehr Sport gemacht und die Gewohnheit aufrecht gehalten zu haben. Dann wäre die viele freie Zeit, die ich damals hatte, sinnvoll investiert, mein Körper wäre jetzt nicht die Ruine, die er ist, und Sport und Bewegung ist das einzige, was wirklich ernsthaft gegen Stress hilft. Und es ist sehr viel einfacher, Sport weiter zu machen, als damit anzufangen.

Welcher Wesenszug des dir nächsten Menschen ist für dich die größte Herausforderung?

Ich schreibe nicht online über meinen Partner, da das seine Privatsphäre verletzt und sonst sind mir Menschen eigentlich nicht auf vergleichbare Art und Weise nahe.

Was ist für dich der Schlüssel zum Glück?

Den Kopf ausschalten und vergessen, dass ich ein Mensch bin.

Welche fünf Bücher sollte jeder Mensch gelesen haben?

  1. Meine erste Wahl ist offensichtlich: Das Haus von Danielewski. Weil es einen darüber nachdenken lässt, was Bücher eigentlich sein könnten.
  2. Der kommende Aufstand vom Unsichtbaren Komitee. Ein linkspolitischer Essay, der viele Wunden salzt.
  3. Wir sind nie modern gewesen von Bruno Latour. Um uns selbst besser zu verstehen
  4. Ein Buch -- irgendein Roman, egal welcher -- von Kameron Hurley. Um zu sehen, wie nebensächlich Welten radikal sein können.
  5. Und einen richtig großen Klassiker. Faust oder Hamlet oder sowas. Aber weil man nie alle lesen kann, will ich mich hier nicht festlegen.

Das ist offensichtlich zu wenig und diese Frage ist ohnehin nur für jeden Menschen einzeln beantwortbar, da es immer ganz auf die Lebenssituation ankommt, welcher Text jetzt genau einen Nerv trifft, inspiriert, stärkt, tröstet oder beeindruckt.

Was sind deine bisherigen Erfahrungen beim Treffen von Menschen, die du über das Internet kennengelernt hast?

Das hat sich mit dem Alter stark geändert. Ich habe gute Freundinnen über das Internet kennen gelernt, was sich dann auch in die Offline-Welt übertragen hat. Inzwischen hab ich Probleme mit den Leuten, die deutlich jünger sind als ich, weil ich ruhiger geworden bin und mit den üblichen Bonding-Ritualen von 20jährigen (Pokémon-Witze und übermäßigem Alkoholkonsum) nicht mehr viel anfangen kann und auch in Großgruppen nicht zurecht komme. Wenn ich Leute einzeln treffen kann, geht es meistens besser. Diejenigen, die älter oder ähnlich alt sind, habe ich noch nie getroffen, daher kann ich das nicht sagen.

Generell bin ich in diesen Situationen zu schüchtern und muss ein wenig aus meiner Schale herausgelockt werden.

Gibt es Dinge, die du mit ins Grab nehmen wirst, weil niemand anderes sie kennt?

Viele Texte, die ich geschrieben habe.

Was nimmst du dir für’s nächste Leben vor?

Offener sein, mich mehr trauen, mehr fragen, neugieriger sein, mehr lesen, mehr lernen, mehr musizieren, weniger grübeln und besser zuhören. Und all den Sport.

Wieviele Stunden bräuchte dein Tag, damit du alles unter bekommst, was du gern erledigen/erleben würdest?

Das ist nicht ohne weiteres zu sagen, da man ja immer noch mehr gerne tun würde, je mehr Zeit man hat. Aber ich mach es mir mal einfach und nehme das Doppelte: 48 Stunden. Dann könnte ich ausreichend schlafen, schreiben, einer Erwerbsarbeit nachgehen, viele Dinge lernen, die bisher immer hintenan gestellt wurden, wieder mehr zeichnen und malen UND ich hätte auch noch Zeit für meine Beziehung und andere Menschen. Ja, ich glaube, mit 48 Stunden wäre das, was ich alles will, sehr viel realistischer zu erreichen.

So, wie gesagt werde ich keine Fragen weitergeben. Ich hoffe, das gibt kein schlechtes Karma.

Kommentare

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Liebe Alena,

alles, was ich so von dir mitbekomme, verdient meiner Meinung nach mehr Zeit zwischen den Ohren vieler Menschen. Ich bin ehrlich gesagt nicht mal davon ausgegangen, dass du dem Aufruf folgst - dafür aber umso dankbarer, dass du es tatest.
Und, wie üblich, ist es die Haltung, die sich zwischen den Zeilen findet, vor der ich mich in Demut verneige.
Ich hoffe, in 2016 die Chance und Ehre zu haben, dir mal persönlich begegnen zu dürfen.

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