2015

2015, du Seelenfresser, du Schreckensjahr und Lebensweiche. 2015, von niederschmetterndem Erfolg gekrönt. Ich schaffe es immer noch nicht, zurück in die thematischen Beiträge zu kommen, daher schreibe ich, allein um zu schreiben, einen Jahresrückblick.

An sich war es kein schlechtes Jahr, dieses 2015. Der Anfang kommt mir allerdings vor, als läge er mindestens zwei Jahre zurück. Januar und Februar habe ich noch ein studentisches Seminar geleitet. Das war nicht schlecht. Nur anstrengend. Ich konnte meinen Arbeitsvertrag bei der Uni verlängern. Auch gut. Und dann habe ich meine Masterarbeit geschrieben.

Und wie immer hab ich das getan, wogegen jede logische faule Faser in meinem Körper sich gesträubt hat: Ich habe mich von den Game Studies, dem Thema, das mich seit dem 2. Bachelor-Semester begleitet hat, abgewandt und mich mit einem mir vollkommen fremden Thema befasst. Zumindest akademisch fremd. Heimat ist ein Konzept, das mich schon mein ganzes Leben lang umtreibt. Aber ich hatte vorher weder darüber gelesen noch sonst irgendwelche der theoretischen Grundlagen angeeignet. Allein die Vorstellung, noch einmal für mehrere Monate intensiv dasselbe zu tun, was ich schon seit inzwischen sieben Jahre tue, hat jedoch gereicht, um den jammernden faulen Teil meines Kopfes, der sich lieber ins gemachte Theorienest gesetzt hätte, zum Schweigen zu bringen.

Ich habe über Medien als Heimat geschrieben. Nicht über Medien der Heimat oder mediale Inszenierung von Heimat, nein, Medien als Heimat. Dafür musste ich jedoch ganz unemotional und akademisch erarbeiten, was ich unter Heimat verstehe und das war nicht nur anstrengend, weil ich mich in die Theoriekomplexe Identität und Raum einarbeiten musste, sondern weil das auch das Aufreißen alter Narben bedeutete. Aber das hat mir zu mehr Akzeptanz verholfen und das war letztendlich gut.

Auch die Masterarbeit lief gut. Sogar sehr gut. Auch wenn ich zwischendurch meinen ersten akademischen Vortrag über Animismus in einer merkwürdigen Einrichtung in der Nähe von Bremen gehalten habe. Ich war einen Monat vor Abgabe fertig mit der Erstfassung des Textes, konnte meinen Betalesern zwei Wochen Zeit gönnen und hatte danach immer noch massig Zeit, Korrekturen einzupflegen und das Ding auf Hochglanz zu polieren. Es hat sich gelohnt. Die Arbeit wurde mit sehr gut benotet.

Mitte August. Größte Sommerhitze. Eine Stressphase ist vorbei und keine Erkältungszeit? Kein Problem, der Körper findet auch exotischere Ventile, um sich komplett außer Gefecht zu setzen. Und ich war fast zwei Monate außer Gefecht, in denen ich nichts zu tun hatte, außer mir zu wünschen, wieder gesund zu werden. Zurück bleiben ein paar geschädigte Nerven und eine nachhaltig gesteigerte Angst vor Krankheiten.

Der Freundeskreis beginnt zu bröckeln. Leute ziehen weg, beginnen zu arbeiten. Vorhersehbar, trotzdem komisch. Auch hier ist momentan alles stressgetränkt. Der Abschluss schlaucht uns alle und die Aussichten von Geisteswissenschaftler*innen, hinterher zügig eine gute Stelle zu finden, tragen nicht wirklich zur Aufbesserung der Laune bei. Kaffeekränze verkommen zu Selbsthilfegruppen. Auch nicht schlecht. Nur schade.

Ich habe seither den Blog sehr vernachlässigt, weil die Prioritäten woanders lagen. Weil ich Ruhe brauchte. Weil mein Kopf mit anderen Dingen beschäftigt war.

Es gibt da ein Projekt, an dem ich seither gearbeitet habe. Einem Herzensding, für das ich die Jobsuche noch ein wenig aufgeschoben habe. Ich rede nicht über das Projekt, weil mein Mut ein scheues Reh ist und es viel Zeit gekostet hat, bis es stehen blieb, wenn ich ihm ins Gesicht sehe. Ich habe Angst, dass es davonspringt, wenn andere Leute mit dem Finger darauf zeigen.

2015 endet in der absoluten Kontingenz. Nach allen Seiten hin offen. Einen Abschluss in der Tasche zu haben, ist ein bisschen, wie über eine Türschwelle zu treten und das erste Mal seit langer Zeit die Sonne und den Horizont zu sehen und zu realisieren, wie groß die Welt eigentlich ist. Bisher gab es Wände und ein Ziel und vorgezeichnete Wege. Auch jetzt deuten alle auf eine Handvoll ausgetretener Pfade und ich sträube mich noch ein wenig dagegen, einen davon zu betreten und die neugefundene Freiheit wieder aufzugeben. Selbst wenn ich mir langsam aber sicher mehr finanziellen Spielraum vorstellen könnte. "Erwachsenengeld", wie es eine Freundin getauft hat.

Es gab viele schöne Kleinigkeiten in diesem Jahr. Die umfangreiche Chiliplantage zum Beispiel. 14 Sorten, alle auf der Fensterbank. Ich habe Welcome to Night Vale für mich entdeckt, von dem ich mich so verstanden fühle wie eine 16jährige von Liedtexten. Erfolge von Menschen in meinem Leben, die mir mindestens genauso viel, wenn nicht sogar mehr bedeuten als die eigenen. Es gab auch viele unausstehliche, schreckliche, furchteinflößende Dinge. Das politische Klima macht mir zum Beispiel zunehmend Angst. Und dann war da noch das eine Mal, als ein Datenhändler mir einen Esoterikshop angedichtet hatte und ich Briefwechsel mit Anwälten führen musste, diesem unangenehmsten aller Menschenschläge.

Witzige Geschichte eigentlich und jetzt, mit ein bisschen Distanz, kann ich mir sogar vorstellen, auch mal darüber zu schreiben.

Vielleicht ist das ein Satz, mit dem sich dieses Jahr für mich ganz gut zusammenfassen lässt.

Neuen Kommentar schreiben

To prevent automated spam submissions leave this field empty.

Plain text

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
CAPTCHA
Diese Frage testet, ob du ein Mensch bist oder nicht.
u
Y
s
y
G
8
Enter the code without spaces.