Angekündigte Spontaneität

Du musst auch mal spontan sein. Klar. Wenn etwas Unvorhergesehenes passiert, wenn sich ein unverhofftes Zeitfenster auftut, wenn du auf den letzten Drücker von einem interessanten Event erfährst, ist Spontaneität eine probate Reaktion auf diese veränderten Umstände. Was Spontaneität nicht ist, ist der heilige Gral der Beziehungsgestaltung, egal von welcher Art sozialer Beziehung wir sprechen. Das hier ist ein Lob fester Pläne.

Es ist eine romantische Vorstellung: Ein Leben im Moment, die Wellen der Ideen reiten wie ein Surfer auf Hawaii, sich nichts vorschreiben lassen, kurzum: Freiheit. Die Welt ist allerdings, wie ich auch in meinem frisch begonnen Angestelltendasein feststellen musste, weniger romantisch, als wir sie gerne hätten. Wir leben nicht in den immerwährenden Sommerferien unserer Schulzeit. Jede_r von uns hat ein Leben voller Mechaniken, Rhythmen und Strukturen, die sich nicht ohne Weiteres aushebeln lassen. Dazu kommen die Dinge, die wir zwar zeitlich frei einteilen können, aber trotzdem erledigen müssen. Körperhygiene, Einkaufen, Haushalt, solche Sachen. Und je starrer und ausgedehnter die festen Strukturen werden, desto enger werden die Zeitfenster für diese Verpflichtungen, desto weniger werden die Potenziale für Spontaneität im Leben.

Ich würde jetzt gerne die Füße hochlegen, aber ich muss noch einkaufen. Ich würde gerne noch eine Serie gucken, aber ich muss noch duschen. Ich würde das Wochenende über gerne einen Ausflug machen, aber ich muss die Wohnung putzen. Ihr kennt das.

Mehr Spontaneität im Leben klingt erstrebenswert! Aber ohne den Raum dafür, klingt es wie der pure Horror:

  • "Wir kommen spontan vorbei!" Verdammt, die Wohnung ist nicht geputzt.
  • "Lass uns essen gehen!" Wenn ich heute nicht koche, vergammelt das Gemüse.
  • "Was machst du heute Abend?" Zu müde sein, um mich zu bewegen, weil ich so lange gearbeitet habe und morgen schon wieder eine Verabredung habe.

Ich fühl mich immer ein bisschen schlecht dafür, spontane Ideen abzuwürgen, aber sie stressen mich häufig. Entweder deswegen, weil ich noch zu viele Pflichten zu erfüllen habe, oder aber, weil die Spontaneität anderer Leute mir meine nimmt.

Lasst mich erklären.

Jane McGonigal hat mal geschrieben, dass Spiel der Gegensatz zu Depression ist. Nehmen wir mal an, dass Depression hier für die seelenzermürbende Eintönigkeit des Alltags steht. Eine meiner liebsten Minimaldefinitionen von Spiel ist "freie Bewegung in festen Strukturen". Lass das mal kurz sacken. Dreh es in deinem Geist hin und her. Nimm es auseinander und setze es wieder zusammen. Das ist eine elegante Definition. Eine, mit der zumindest ich immer viel anfangen konnte. Übersetzt in Alltag sind unsere Rhythmen und Pflichten die festen Strukturen und unsere Freizeit bzw. das, was wir daraus machen, ist das Spiel. Eine weitere wichtige Komponente von Spiel ist Selbstwirksamkeit oder eleganter mit dem englischen Begriff: Agency.

Agency ist das Gefühl, die Kontrolle über das eigene Handeln zu haben und dass das eigene Handeln Bedeutung hat. Viele Aspekte von Lohnarbeit nehmen uns Agency: Wir haben einen Boss, der uns sagt, was wir tun sollen und wie wir es zu tun haben. Ob uns die Arbeit dabei etwas bedeutet, ist zunächsteinmal zweitrangig. Was mir zum Beispiel zusätzlich ganz massiv meine Agency versaut, ist das Pendeln. Ich bin auf die Bahn angewiesen und habe es nicht unter Kontrolle, ob ich pünktlich bin, ob ich einen Sitzplatz bekomme, ob und wie lange ich warten muss.

Und das ist die schlimmste, die offensichtlichste Tätigkeit ohne Agency: Warten.

Warten

Warten ist unproduktiv. Warten ist untätig. Wenn ich warten muss, nimmt mir das Erwartete die Möglichkeit, mich mit etwas zu beschäftigen, was für mich Bedeutung hat. Und die schlimmste Form des Wartens ist zeitlich nicht eingedämmtes Warten. Ich komme damit klar, wenn ich weiß, dass ich zehn Minuten auf den Zug warten muss. Das ist ein Zeithorizont, mit dem ich vielleicht nichts Produktives anfangen kann, aber in dem ich mich wenigstens unterhalten kann, weil ich ungefähr weiß, was in zehn Minuten möglich ist und was nicht. Zeitlich unbegrenztes Warten hingegen lähmt mich. Lohnt es sich noch, mit dem Lesen eines langen Artikels anzufangen? Kann ich noch jemanden anrufen? Das schlimmste Warten ist das Warten auf die Spontaneität von anderen.

"Wir treffen uns dann heute einfach irgendwann. Ich sag dir bescheid, wenn ich kann."

Mein persönlicher Albtraum. Mittag? Nachmittag? Abend? Kann ich noch die Wohnung putzen? Kann ich noch was schreiben? Kann ich noch in die Stadt gehen und was erledigen? Wann esse ich dann heute was? Stehst du in einer Dreiviertelstunde hier und ich bin noch nicht geduscht? Angekündigte Spontaneität, diese semantische Perversion, diese faule Ausrede für Planungsunfähigkeit! Wenn feststeht, dass etwas passieren wird, dann lass es fest stehen! Gieß es in Formen! Gibt mir Zahlen! Gib mir eine feste Struktur, in deren Zwischenräumen ich spielen kann!

Angekündigte Spontaneität stülpt ein Nebelfeld des Potenziellen über einen ganzen Tag, manchmal über eine ganze Woche. Und das schränkt mich ein, weil meine Verpflichtungen und meine Freizeit nicht mehr orchestrieren kann. Ein gut durchgeplanter Tag mit Zeiten für Pflichten und Zeiten für Spaß ist ein Lied, angekündigte Spontaneität eine Kakophonie aus "Das sehen wir dann" und "Und jetzt?".

Freiheit für wen?

Es gibt diesen schlauen Spruch, dass die Freiheit des einen aufhört, wo die Freiheit des anderen anfängt. Warum können wir das nicht auf Zeitmanagement übertragen? Denn wer sich die Freiheit nimmt, spontan zu sein, nimmt die Möglichkeit demjenigen, der mit dieser Spontaneität rechnen muss. Eine Art kategorischer Imperativ der Verabredungen:

Handle nur in einem Zeitrahmen spontan, der anderen keine längerfristige Unsicherheit aufzwingt. Deine Spontaneität endet an der Planungsfähigkeit anderer Leute.

Spontaneität ist eine romantische Idee, aber sie ist nur romantisch, wenn sie sich selber treu bleibt. Denn die Magie, der Spaß, das Schöne an Spontaneität ist, dass sie eben spontan entsteht. Bitte kündigt sie nicht an. Jede_r erinnert sich an das eine Mal, als man spontan beim Spazierengehen im Kanal schwimmen war. Niemand erinnert sich daran, dass wir uns dann am Wochenende sehen, keine Ahnung wann, das schauen wir dann spontan.

 

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