Angst als Ästhetik der Politik

„Ich wünschte, die Leute würden sich mehr für Politik interessieren“, höre ich mich noch sagen. Mein ganzes Leben lang begleitet mich das Wort Politikverdrossenheit wie ein mahnender Zeigefinger. Eure Generation, also die Jugend von heute, die interessieren sich ja nicht, die sind so politikverdrossen. Ja, vielleicht, kann sein. Ich wünschte mir auch, dass sich mehr Leute für soziale Gerechtigkeit und eine Reformation unseres Verhältnisses zu Arbeit und Wirtschaft einsetzen würden. Aber Politik ist auch so träge, so undurchlässig, so … WO KOMMEN DIE GANZEN NAZIS AUF EINMAL HER?

Gut, es ist nicht so, dass der Rechtsruck über Nacht kam. Das hat sich angekündigt. Im Erfolg Thilo Sarrazins, in der wachsenden Beliebtheit rechter Verschwörungstheorien, in der zunehmend rechten Rhetorik im öffentlichen Diskurs. Ich frage mich nur, wie ich von den 90ern als Jahrzehnt der politischen Apathie in eine Zeit der überschäumenden politischen Gefühle gekommen bin. Und bei meinen Überlegungen bin ich bei Ästhetik rausgekommen. Lasst mich erklären.

Ich hab im Studium nicht viel Ästhetik gemacht, aber so viel ist hängen geblieben: Im Kontext von Medien wird Ästhetik oft als Produkt von Störungen analysiert. Früher Film: Das Flackern des Bildes, Farblosigkeit, Artefakte auf der Filmrolle. Fernsehen: Scanlines, Bildrauschen, Bildqualität. Digitale Ästhetik: Pixel, Glitches, Bluescreens. Das Ziel eines Mediums ist, unsichtbar zu sein, hinter dem Inhalt zu verschwinden. Medienästhetik kommt dann zustande, wenn das Medium in seiner Absicht, die Welt darzustellen, an seinen technischen Einschränkungen scheitert, sichtbar wird, dem Inhalt eine spezifische Form aufzwingt.

Vielleicht ist Politik ähnlich. Vielleicht ist ein politisches System eine soziale Technologie, die unsichtbar bleibt, solange sie ihren Zweck erfüllt: Die Lebensqualität ihrer Subjekte zu sichern und unterschiedliche Interessen miteinander in Einklang zu bringen. Natürlich lief in den 90ern und 2000ern diesbezüglich nicht alles glatt. Aber mit dem Ende des Kalten Kriegs war für einen großen Teil der westlichen Bevölkerung eine greifbare Bedrohungssituation zu Ende.

Ich hab mich immer gefragt, warum sich so viele Leute beim Thema Politik so auf Steuern versteifen, aber es ist offensichtlich: Es ist der Teil ihres Lebens, in denen der politische Prozess für sie sichtbar wird, wahrnehmbar, ästhetisch. Die politische Maschinerie, die im Hintergrund ihr Leben regelt, dringt störend ins Bewusstsein.

Marginalisierte Bevölkerungsgruppen haben da ein ganz anderes Verhältnis: Für sie ist Politik omnipräsent. Ständig greifen politische Entscheidungen tief in ihr Leben ein: Wo sie wohnen dürfen, wen sie heiraten dürfen, was sie verdienen, wie sie angesprochen werden … Politik ist hier keine geölte Maschine, die im Hintergrund läuft, sondern ein grobschlächtiges und gewalttätiges Instrument der Einschränkung. Die Gesellschaft, die unsere Politik hervorbringt, befähigt nur dann zur Selbstentfaltung, wenn man sich in vorgegebene Normformen auffaltet. Entspricht man dieser Normform, fällt einem die Maschine nicht auf. Alle anderen bleiben darin stecken.

Was also in den letzten Jahren passiert ist, ist eine Steigerung der Sichtbarkeit politischer Prozesse. In Form der Wirtschaftskrise und auch und vor allem in Form von tausenden Menschen, deren politische Maschinerie komplett zusammengebrochen ist und die nun in unserer einen Platz suchen. Und dann gibt es da noch die Fortschritte, die marginalisiert Bevölkerungsgruppen mit ihrem dauernden Engagement erzielt haben: Plötzlich wird in der Maschine Platz gemacht für andere Formen und die alten Normformen laufen nicht mehr so reibungslos, weil nicht mehr alleine auf ihren Schienen. Und durch diese Reibung bemerken sie Politik an Stellen, an denen sie vorher nie welche erwartet hätten. Die Aufgabe der Politik ist die Lösung gesellschaftlicher Konflikte. Die Störung, die Ästhetik der Politik ist Angst.

In einer perfekten Welt wäre Desinteresse an Politik ein erstrebenswertes Ziel: Wenn Menschen Politik nicht wahrnehmen, ist das ein Zeichen dafür, dass alles sehr gut läuft. Leider ist die Welt und vor allem der Mensch nicht perfekt und Politik braucht einen wachsamen, kontrollierenden Blick aus der Bevölkerung, damit die Steuerung nicht gegen die Interessen der Bevölkerung läuft.

Wir haben eine groteske Situation, in der ein großer Teil der Menschen zum ersten Mal seit Langem wieder politische Konflikte sieht und ein anderer Teil ratlos die Schultern hebt und sich fragt, warum alle so überrascht davon sind. Und große plakative Bedrohungen verlangen nach großen plakativen Lösungen, während diejenigen, die sich seit Jahren mit dem Mikromanagement politischer Entscheidungen und gesellschaftlicher Rahmendbedingungen beschäftigen, entsetzt vor dem Wiederaufleben grobschlächtiger Positionen stehen, die basale Konsense wieder zur Debatte stellen. Politik und Ästhetisierung – da klopft der Faschismus fast schon automatisch an die Tür.

Und ein Teil von mir denkt sich: Vielleicht sollte Politik grau und langweilig bleiben, vielleicht sollte sie unattraktiv sein, langatmig und kompliziert. Denn das heißt, dass keine Grundwerte zur Debatte stehen. Ich glaube, ich hätte meine Politik lieber dröge und friedlich als ästhetisch und gewalttätig.

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