Animismus und Animationsfilm

Wenn man die Politik der Black Box auf die dionysische Reaktion auf den kybernetischen Kapitalismus sehen kann, könnte man den Animationsfilm als die apollinische Reaktion auf den fordistischen Kapitalismus sehen. 
[Ich halte hier kurz inne, um diese These für sich stehen zu lassen.]

Bevor ich erläutere, was ich damit meine, sollte ich vielleicht einen kurzen Schwenk zur Ethnologie machen und erläutern, was es sich mit dem Animismus auf sich hat. Animismus wurde von Tylor, dem Urvater der Anthropologie, als Antithese zur Wissenschaft entworfen. Damit wurden Praktiken bezeichnet, die zumeist aber nicht nur ausschließlich bei "primitiven" (Anno-Dazumal-Lingo) also indigenen Kulturen beobachtet werden konnten. Das wesentliche Merkmal des Animismus ist es, dass Dingbeziehungen als soziale Beziehungen behandelt werden. Damit einher geht der Glaube/Gedanke, dass alles auf der Welt, besonders Tiere und Pflanzen, über eine Seele verfügen. Das Konzept wurde in den letzten Jahren wieder aufgegriffen und neu konnotiert, denn um das Brünchen* zu zitieren: Wir sind nie modern gewesen.

Interessant am Animismus ist, dass sein Nichtvorhandensein bzw. seine Leugnung in der Moderne ein kulturhistorisches Einzelphänomen ist. Es scheint ein menschlicher Reflex zu sein, alles um einen herum (Computer, Auto, Telefon, Haustiere, Topfpflanzen …) mit Namen, Persönlichkeiten und Eigenleben zu versehen, egal wie unkommunikativ das Gegenüber sich gibt. Ich kann wirklich jedem, der sich für die Hintergründe, wie uns das in der Moderne abhanden gekommen ist, interessiert, Bruno Latour ans Herz legen.

Kommen wir zum Animationsfilm. Der Trickfilm wurde bereits in frühen Analysen z.B. von Sergei Eisenstein als animistisch bezeichnet. Und das nicht wegen der offensichtlichen lexikalischen Ähnlichkeit oder der Technik: Etwas Unbewegtes bewegen. Vielmehr sah Eisenstein in den vibrierenden unsteten Formen des frühen Zeichentricks etwas, was dem metaphorischen Unbewussten unserer Gedanken entspricht. Alles bewegt sich und lebt, Charaktere und Objekte morphen in andere und nichts im Bild ist fest. Die Akteure sind häufig Tiere, Pflanzen, Skelette -- Dinge, denen die Modernen keine Subjektivität zusprechen. Der Animationsfilm ist -- wie die Ontologie der Amazonas-Indianer, die Eduardo Viveiros de Castro auf ihre spezifische Form des Animismus hin erforscht hat -- anthropomorph aber nicht anthropozentrisch.

Nachdem das Bild mit der zunehmenden Industrialisierung der Trickfilmproduktion ruhiger geworden ist, hat sich das zumeist auf die narrative Ebene verlegt. Nehmen wir als zeitgenössisches Beispiel Wall-E: Die erste halbe Stunde gibt es im Film keine menschliche Sprache bis auf mediale Aufzeichnungen. Die drei Handlungsträger, die wir kennenlernen, sind ein Roboter, eine Küchenschabe und eine Pflanze. Zwei der niedrigsten Lebensformen, die letzten, die wir für gewöhnlich mit Subjektivität ausstatten, und ein menschengemachtes Objekt,das -- wie wir das aus unserem Alltag kennen -- ein Eigenleben entwickelt hat.

Das ist meiner Meinung nach das, was den Zeichentrick- und Animationsfilm als Medium so unendlich universell anziehend macht: Er spricht zu uns auf einer Ebene, die uns so instinktiv verständlich ist. Er erzählt Geschichten von den Dingen, wie wir sie uns vorstellen, bevor man uns Objektivität eintrichtert. Sie rühren an eine grundlegende Verbundenheit, zu der alle Menschen fähig zu sein scheinen. Eine Verbundenheit, die für die Moderne nicht tragbar ist, denn wenn man die Welt der Objekte und der Natur als dem Menschen ebenbürtig anerkennt, bringt das eine moralische Verpflichtung diesen "Dingen" gegenüber, die für unsere Gesellschaft nicht tragbar ist.

Darum muss der Animismus, dieser nicht primitive, nicht prämoderne, dieser einfach nur nicht moderne Glaube daran, dass wir in einer sozialen, moralischen Verbindung zu unserer Umwelt stehen und Kultur und Natur nicht getrennt sind, infantilisiert werden. Diese Magie ist nicht wirklich. Sie ist naiv. Sie ist nur ein Trick. Sie ist nicht wahr. Sie darf nicht wahr sein, sonst müssten wir einsehen, dass wir mit der modernen Gesellschaft ein Monster erschaffen haben.

Und darum, liebe Leserinnen, werden Animationsfilme in der westlichen Welt dominant für Kinder produziert.

Er ist ein Tagtraum, unproduktiv und sentimental. Fantasie ist ein Vorrecht der Kindheit. Und so schaffen Erwachsene in einem extrem durchindustrialisierten Prozess diese traumartigen und verträumten Geschichten für Kinder. Damit sie auch heimlich an dieser Nische des Animismus in unserem Alltag teilhaben können.

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*Bruno Latour

Kommentare

wie wunderbar

ein sehr schöner text, liebe alena!
du hast mir damit bewusst gemacht, warum mich animationsfilme, ganz unbewusst, so sehr (be-)rühren, auch jenseits der kinderstube :)

in der tat denke ich, dass uns, den "modernen" gesellschaften des euro-amerikanischen kulturraums diese abwendung vom animistischen denken nicht gut getan hat - dies zumindest war die schlussfolgerung in meiner auseinandersetzung mit der frage, warum so viele menschen im westen vom schamanismus fasziniert sind.

interessant fände ich jetzt, welche erklärung es für die animes in japan gibt? diese werden ja für erwachsene produziert. wenn es hierzu interessantes zu lesen gibt, würde ich mich über tips freuen :)
lg julia

Jaaaa!

Genau das habe ich mich auch gefragt! Ich würde darum total gerne den asiatischen Kulturraum mal auf sein animistisches Erbe untersuchen und ob es sich im Verhältnis zum Animationsfilm in irgendeiner Weise wiederspiegelt. Aber dazu fehlt mir im Moment noch der kulturhistorische Background. ^^ 

Seufz

Liebe Alena,

Du hast mir gerade anschaulich und ohne es zu beabsichtigen erläutert, aus welchem Grund genau ich bis heute offenbar nicht erwachsen geworden bin. Interessant, die Verbindung von Animationsfilm zu einem nicht-modernen Bewusstsein einer (auch moralischen) Verbindung zu Natur und Mitwelt. Und interessant auch die Anschlussfrage von Julia, ausgehend von einer Art "Boom" des Schamanismus" im Westen.

Die Rede von diesem Boom verstört mich, ehrlich gesagt, völlig. Ich habe die These wie folgt verstanden: Kinder verstehen instinktiv bestimmte Inhalte, die im Animationsfilm angesprochen werden. In der Adoleszenz werden den Heranwachsenden, zumindest in modernen Gesellschaften, diese instinktiven Wahrnehmungen abtrainiert - vermutlich durch Entfremdung. (Ich hatte hier sofort eine Schlachthöfe-Assoziation. Aus den Augen, aus dem Sinn) Als Erwachsene in modernen Gesellschaften dann eine Umkehr. Wir wissen, irgend etwas fehlt uns, und gehen mit jedem Hype. Steine-Auflegen, Yoga, Achtsamkeitsmeditation, 3 Wochen Selbsterfahrung im Kloster, Therapie mit Blutegeln (ist grad schwer im Kommen) und, ganz gefährlich, die völlige Abkehr von der Schulmedizin und die "Heilung" von Tumoren mithilfe von Globuli.
Ja, ich denke, die These stimmt. Ist als nicht allzu spirituelle Yogi, die noch um jeden Käfer versucht, einen Bogen herum zu fahren, um ihn nicht unabsichtlich zu töten, allerdings enorm schwere Kost. So hatte ich "meine" Abkehr von der modernen Gesellschaft, die ich ebenfalls als moralisch nicht haltbar empfinde, noch nie gesehen ;)

Psychologisch empfinde ich es als eine unglaubliche Leistung des menschlichen Verstandes, sich einer derart komplexen Verdrängung zu bedienen. Wenn das alles so stimmt, können wir uns einen Teil des Wesens, das auf der Ebene, auf der auch Animationsfilme funktionieren, angesprochen wird, bewahren (und offenbar steuern), während die meisten anderen Teile sich der modernen Welt unterordnen und sie als normal und funktionierend betrachten. Dass es dabei nicht viel mehr innere Brüche gibt, ist einfach kollosal. Als allererstes fällt mir meine Tante ein, bei der es zu jedem Essen Berge von Fleisch geben muss, und die jedes Mal, wenn wir uns sehen, mit mir über meine Ernährung diskutiert. Gleichzeitig teilt sie jedes Bild eines vermissten Hundes via facebook und betrachtet Menschen, die Hunde essen, als "krank" und als "potentielle Gefahr für die Umwelt".

Nur eine der vielen Assoziationen, die ich hatte, als ich das hier las. Ich werde mal via twitter nach Anime-Expertinnen anfragen, ich erinnere mich, jemanden im Profil zu haben, der sich da ganz gut auskennt.

Danke für die Denkanstöße ... *grübeltweiternach

Entwurzelung und Entfremdung

Wir wissen, irgend etwas fehlt uns, und gehen mit jedem Hype. Steine-Auflegen, Yoga, Achtsamkeitsmeditation, 3 Wochen Selbsterfahrung im Kloster, Therapie mit Blutegeln (ist grad schwer im Kommen) und, ganz gefährlich, die völlige Abkehr von der Schulmedizin und die "Heilung" von Tumoren mithilfe von Globuli.

Da sagst du was, Juna. Tatsächlich gibt es hier extrem interessante Hintergründe, wie die Moderne sich mit Spiritualität arrangiert hat. Eines der It-Themen bei uns am Institut ist nicht umsonst Spiritismus: Mit der Industrialisierung, der Mechanisierung des menschlichen Körpers, hat sich eine entgegengesetzte Steigerung des Geisterglaubens eingestellt. Zufall? Ich glaube eher Überlebenstrieb des menschlichen Bewusstseins. Verfolgt man den Spiritismus durch die Zeit, so ist er in genau den esoterischen Nischen gelandet, die du da beschrieben hast.

Dazu gesellt sich die Postmoderne mit ihrem verlorenen Glauben an die Ideale der aufgeklärten Moderne. Viele der neuen Wicca, Pagan und was nicht alles Kulte speisen sich genau aus dem Zynismus, der mit dem Solipsismus einhergeht, der seit Descartes in den Köpfen haust: Ich kann die anderen nicht erkennen, die Welt ist aus jeder Perspektive anders, es gibt keine Wahrheit und wenn es keine Wahrheit gibt, ist es egal, an was ich glaube. (Relativismus ist hier das Stichwort.)

Alf Hornborg argumentiert, dass wir mit der Fähigkeit zur Verbundenheit geboren werden und sie uns selektiv abtrainiert wird. Er spricht zum Beispiel von Holzfällern, die ihre Gärten hingebungsvoll pflegen oder Metzgern, die ihren Hund abgöttisch lieben -- ganz ähnlich wie deine Tante. Wir werden alle als Animisten geboren und durch unsere Biografien entwurzelt. Genau in dem Umfeld, in dem sich unsere soziale Handlungsmacht konzentriert, wird Objektivität von uns verlangt: In unserem Arbeitsumfeld. Ich paraphrasiere hier, aber such mal seinen Artikel "Animismus, Fetischismus und Objektivismus als Strategien der Welt(v)erkennung". Genau das ist seine Denkrichtung.

Ich glaube, dass die Moderne mit ihrer moralischen Entbindung zwar einen gewaltigen Entwicklungsschub gebracht hat, dass ihre inneren Brüche allerdings immer stärker und unvereinbarer werden. Selbst der Zynismus der Postmoderne läuft sich langsam tot und manchmal, wenn ich mir die zarten Pflänzchen ansehe, die vor allem hier im Netz wachsen, möchte ich an eine Rückkehr des Primats des Sozialen glauben. Aber dafür halten sich viele noch für zu modern.

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