Das Haus

Es beginnt in Courier. Es beginnt als Geschichte. Und wenn da nicht das 700seitige Versprechen eines formalen Mindfucks sondergleichen gewesen wäre, hätte dieser Anfang mich nicht unbedingt zum Weiterlesen animiert.
Doch der Text bricht in Form und Inhalt: Times. Akademische Filmanalyse. Ich bemerke, wie mein Lesemodus sich ändert. Vier Jahre Kulturwissenschaft entschleunigen meinen Blick, lassen ihn vorsichtiger über die Wörter wandern und sich an Begriffe und Definitionen klammern.
"Gut lesbar", urteilt mein Kopf in pawlowschem Reflex, "zumindest im Vergleich zu Heidegger."

Fußnote.
Courier.

"Ich bin übrigens ein Buch", sagt das Buch.
"Ja", sage ich, "ich weiß. Aber danke für den Reminder."
Immer wieder tut es das. Einen daran erinnern, dass da mehr ist.

Heideggerzitat.
Ich schmunzele.

Der fiktive Film, der beschrieben wird, entfaltet sich in nüchtern-analytischer Distanz, die das Grauen, das droht, sich mit scharfen Klauen aus dem Text heraus auf einen zu stürzen, als ein kontrollierbares, weit entferntes Objekt erscheinen lässt¹.
Der Film, der Text, der Kommentar beschreibt das Haus: Ein surreales Monster, das die Regeln von Raum und Zeit außer Kraft setzt. Eine albtraumhafte Immobilie, in der sich schwarze, unendliche Flure, Kammern und Hallen öffnen, die die heiligen Gesetze der Physik schmählich missachten. Ein Erkundungstrupp bricht auf, um der Finsternis Herr zu werden².
Es ist das erste Mal, dass die Niederungen des Hauses in solchem Detail beschrieben werden. Und zwar indem es sagt, was fehlt. In einer blau umrandeten Box mitten im Text.

Auf der nächsten Seite ist die Box auch da. Spiegelverkehrt. Darin eine Auflistung von Bauelementen. Ich blättere vor, ich blättere zurück.
Okay.

Plötzlich schrumpft das Textfeld. Links eine Auflistung von Bauwerken, rechts eine Auflsitung von Bauverantwortlichen in kursiv und auf dem Kopf. Ich blättere vor, ich blättere zurück. Ich ärgere mich. Sinnfrei. Vollkommen sinnfrei.

Whatever, denke ich mir, ich konzentrier mich auf den Haupttext.

Da weniger Text auf den geschrumpften Seiten steht, blättere ich schneller. 
Fußnote oben links um 90° gedreht³. Rechts und links noch immer Architektur, in der blauen Box noch immer Innengestaltung. Mein Unterbewusstsein flüstert mir zu, dass die Filmbeschreibung neuerdings sonderbar szenisch ist.

Fußnote.
Courier.

"Nicht jetzt!", will ich fauchen, aber lese, weil ich lesen muss, um weiter zu kommen.

Fließtext.
Fußnoten.
Oben, unten, gedreht, auf dem Kopf, aufeinander, zurück und vor verweisend.
Überall.

Ich lasse mich in meinem Stuhl zurück fallen. Mein Herz rast, mein Atem geht schneller als normal. Ich weiß nicht weiter.
Zur Sicherheit sehe ich auf die Uhr. Zeit hab ich noch genug, fast eine ganze Stunde.
Weiterlesen? Unmöglich.
Ich tue das einzige, was eine Medienwissenschaftlerin tun kann, wenn ein Medium sie verwirrt. Ich analysiere mein Leseverhalten und warum ich nicht mehr kann. Und da fällt mir eine Passage von vor ein paar Seiten ein:

"Irrgartenläufer, deren Blick voraus und rückwärts strikt begrenzt und fragmentiert ist, werden von Verwirrung heimgesucht [...] Zumal man nicht vergessen darf, dass die Verausgabung [...] ein Problem darstellt, das stets untrennbar mit dazu gehört, wenn man auf einen raffiniert angelegten Irrgarten trifft. Wenn wir also entkommen wollen, sollten wir bedenken, dass wir nicht alle Pfade in Erwägung ziehen können, sondern allein diejenigen entschlüsseln müssen, die nötig sind, um wieder hinauszugelangen. Wir müssen schnell sein und dürfen uns auf keinen Fall verausgaben. Doch brigt, wie Seneca uns im 44. Brief seiner Epistulae morales mahnt, auch ein zu schnelles Vorgehen gewisse Risiken in sich:

Quod evenit in labyrintho properantibus:
ipsa illos velocitas inplicat.

[Das eben geschieht den Menschen, die in einem Irrgarten hastig werden: Eben die Eile führt immer tiefer in die Irre.]" ª

Ich kann mir sein schadenfrohes Grinsen vorstellen. "See what I did there?"
"Du mieser, selbst-referenzieller Bastard."
"Was denn? Ich bin nur ein dreidimensionales Objekt, das innen größer ist als außen."

Es hat mir Wände aus Absurdität gebaut. Es hat mein Sichtfeld eingeengt, es hat meine Idee davon, was Literatur ist in Frage gestellt. Ich bin ins Labyrinth gerannt und habe Panik bekommen. Ich bin erst stehen geblieben, als die Abzweigungen zu viele waren.

"What the Fuck!", fahre ich es an. "Du bist ein Buch!"
Scheinheiliges Schulterzucken. "Weiß nicht. Bin ich das?"

Mit zitternden Händen schlage ich es zu. Ich sehe auf. Vor mir ein undurchsichtiges Gewirr aus kahlen Gängen, Treppen, Fluren.
"Die Ruhr-Universität", denke ich mir, "ist nicht der Ort, an dem man dieses Buch lesen sollte."

Ich bin auf Seite 175. Ich habe Angst. 

___________________________________________________
¹Etwas lauert unter der verletzlichen Oberfläche aus Buchstaben. Aber noch hat es keinen Namen.
Da ist mehr.

Es verfehlt nie, einen daran zu erinnern. 
²Davor ist jedoch ein kulturhistorischer Abriss zum Thema Labyrinth in durchgestrichenen Fußnoten eingeschoben.
³Irgendetwas in mir schreit.
ªDANIELEWSKI, Mark Z.: Das Haus. House of Leaves. von Zampanò mit einer Einleitung und Anmerkungen von Johnny Truant. 1. genehmigte Taschenbuchausgabe btb-Verlag. München, 2009. S. 150ff.

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