Die Erfindung des erwachsenen Menschen

In kulturwissenschaftlichen Kreisen wird immer wieder von der "Erfindung der Kindheit" gesprochen. Gemeint ist damit, dass die Kindheit als vom Rest des Lebens unterscheidbare, schützenswerte Phase erst relativ spät in der Geschichte aufgekommen. Wenn man bedenkt, wie lange es selbst im Fortschrittlichen Europa™ selbstverständlich Kinderarbeit gab. Aber wenn die Kindheit erst erfunden werden musste, wurde der erwachsene Mensch als dessen Gegenstück dann nicht auch erfunden?

Zunächst scheint der Gedanke logisch, dass die Kindheit entstanden ist, indem ein Teil des Lebens vom "Erwachsensein" abgespalten wurde. Dass es Erwachsene immer schon gab und Kinder davor einfach kleine Erwachsene waren. Dass Erwachsensein einfach der Default ist, der ohne einen Gegensatz in der Kindheit einfach nur nicht benannt werden musste. In letzter Zeit habe ich allerdings das Gefühl, dass Erwachsensein keine allzu klare Kategorie mehr ist. Und wenn Kulturwissenschaftlerinnen das Gefühl haben, dass eine Kategorie nicht klar ist, haben sie in der Regel das Gefühl, dass diese Kategorie historisch noch nie klar war.

Ähnlich wie bei Zuschreibungen von Geschlechtseigenschaften (Männer sind so, Frauen sind so), sortieren die Kategorien "Erwachsene/r" und "Kind" menschliche Eigenschaften in eine Dichotomie, die relativ schnell dekonstruiert werden kann. Ich sehe das Sentiment, dass "erwachsen" eine sehr arbiträre Geschichte ist, inzwischen vor allem in den Sozialen Medien immer und immer wieder ausgedrückt. Wenn die Grenze willkürlich ist, ist die ganze Kategorie willkürlich, aber ich finde tatsächlich, dass "Erwachsen" eine ziemlich problematische Kategorie ist, weil sie -- zumindest hier im westlichen Kontext -- einen Haufen Annahmen mit sich bringt: Wie die Welt zu sein hat, wie ein Mensch zu sein hat, wie dieser zu denken hat und was für ein Leben er zu führen hat.

Zum Beispiel wird von Erwachsenen ein gewisses Maß an emotionaler Abgeklärtheit erwartet. Zu viel Mitgefühl ist kindisch, naiv, irrational. Das macht egoistisch und stumpft ab. Gegenüber anderer Menschen, gegenüber Tieren und eigentlich allem was atmet. Es wird erwartet, dass Erwachsene unabhängig sind. Dieser Anspruch entwertet z.B. die Leben von Leuten, die sich um pflegebedürftige Familienmitglieder kümmern anstatt eine eigene Wohnung und Karriere zu haben. Es wird Stringenz erwartet. Kohärenz. Rationalität. Spontanität, Impulsivität und ständige Neuerung -- das ist einer Riege von "Kreativen" vorbehalten. Der Rest soll bitte einen richtigen™ Job haben. Irgendwas mit einem Schreibtisch und mindestens acht Stunden am Tag. Das Leben eines erwachsenen Menschen ist in erster Linie Erwerbsleben. 

Ich finde das alles sehr schade. Ja, Menschen entwickeln sich im Laufe ihres Lebens, aber es gibt keine magische Grenze. Ich glaube, dass "Erwachsene_r" ähnlich wie die Geschlechterklischees eine einschränkende Kategorisierung von Menschen ist, die unerfüllbare -- und häufig eigentlich nicht erstrebenswerte -- Anforderungen an Leute stellt.

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