Die Geister, die wir schufen

Menschen sind besessen von dem, was größer ist als sie. Wenn man sich vorstellt, wie der Prozess der Bewusstwerdung einst abgelaufen ist, so kommt man immer wieder zu der Urszene: Die Menschen starren in den Nachthimmel und realisieren, wie klein und unbedeutend sie sind. Bitte stellt euch daraufhin eine frenetische Montage zu "Yakety Sax" vor, in der unsere Vorfahren Begräbnisriten, Religion, Kunst und Ackerbau erfinden. Die Sache ist die: Die Hälfte aller Dinge, die Menschen als größer als sie selbst und damit als unbeeinflussbar wahrnehmen, haben sie selbst erfunden.

Sie haben Götter erfunden und ihnen einen Willen unterstellt. Sie haben Nationen gegründet und ihnen eine Identität gegeben. Sie haben einen Markt aufgebaut und ihm unsichtbare Hände angedichtet. Sie haben Algorithmen geschrieben, denen sie gnadenlos ausgeliefert sind. Die moderne Anerkennung dieser im wahrsten Sinne des Wortes übermenschlichen Entitäten ist die "juristische Person". Eine juristische Person unterscheidet sich von einer natürlichen Person darin, dass sie keine Person ist. Sie ist ausgedacht und existiert nur auf dem Papier. Juristische Personen können klagen und verklagt werden, haben aber keinerlei moralische Verpflichtungen, die wir üblicherweise an Menschen herantragen, wenngleich alle Taten einer juristischen Person immer auf einen oder mehrere Menschen zurückgehen. Wie ein Algorithmus, der immer nur genau das tut, wofür sein/e Urheber/in ihn geschrieben hat, kann z.B. ein Unternehmen immer nur das tun, was Menschen für es entscheiden. Es ist dabei nicht nur unseren Gesetzen unterworfen, die idealerweise noch ein fadenscheiniges Interesse am Schutz natürlicher Personen haben, sondern auch dem Gesetz des Marktes. Der Markt ist wieder so eine ausgedachte supramenschliche Entität, die ähnlich wie die ebenfalls in vielerlei Hinsicht ausgedachte "Natur" ihre eigenen unumstößlichen Gesetze hat.

Das Schöne an suprapersönlichen Entitäten ist, dass man sie vor sich herschieben kann, wenn man für etwas keine Verantwortung übernehmen will: Ich will keine Heiden töten, aber Gott will es. Ich will nicht töten, aber fürs Vaterland. Ich hätte ja auch gerne, dass Männer und Frauen gleich wären, aber die sind halt von Natur aus unterschiedlich. Und Frau Merkel kann auch keine vernünftige Sozialpolitik machen, sonst verschreckt sie noch das scheue Reh des Marktes.

Ich habe von BWLer/innen schon häufiger die eine oder andere Version der Aussage "Wirtschaftsunternehmen haben keine moralischen Verpflichtungen" gehört. Nein, haben sie nicht. Sie sind ja keine natürlichen Personen. Aber sie bestehen aus Menschen und die haben genauso wie du und ich auch bestimmte moralische Verpflichtungen, denen wir uns alle unterworfen haben, als die Menschheit beschlossen hat, sich zu einer Gesellschaft zusammenzuraufen. Wer im Namen eines Unternehmens verwerfliche Entscheidungen trifft und verachtungswürdig handelt, der ist moralisch dafür haftbar. Leider nicht gesetzlich, denn erfundene Entitäten schützen sich gerne gegenseitig, aber ganz persönlich. Darum behalte ich mir auch vor, erstmal alle Mitarbeiter/innen einer für mich moralisch fragwürdigen Firma als entweder selbst moralisch korrumpiert oder zumindest unreflektiert anzusehen, wenn sie mir nicht sehr gute Argumente dafür liefern können, warum sie trotzdem dort arbeiten.

Viele haben die romantische Vorstellung, dass Menschen sich ändern können, aber Nicht-Menschen sich nicht. Ein Computer kann nichts dafür, wie er ist, genausowenig wie ein Tier, die Natur oder der Markt. Alles Dinge, die unter die Floskel "Das ist halt so" fallen. Aber wir haben Computer gebaut und programmiert, unser Verhältnis zu Tieren ist nicht von Gott oder der Natur oder irgendetwas vorgegeben und der Markt ... geh mir weg mit dem Markt, diesem Arschloch (Entschuldigung) unter den erfundenen Riesen. Wir bauen uns weiter unsere eigenen Götter, geben ihnen legalen Status als Person und vergessen, dass wir sie erfunden haben. Frei nach Goethe: Die Geister, die wir schufen, werden wir nun nicht los.

Die Welt ist nicht so, wie sie nun mal ist. Wir haben sie so gemacht. Und darum ist das alles auch so wahnsinnig, so herzzerreißend und seelenzermürbend enttäuschend.

Kommentare

Moral

Sehr schöne Beschreibung dieser schwer zu definierenden Misere.

Ich denke viele Menschen fühlen sich nicht als Teil des Problems. "Die da" sind schuld. Diese "suprapersönlichen Entitäten" sind so abstrakt, dass man heute nicht mehr sagen kann woher sie kommen, wie sie funktionieren und wofür sie überhaupt gut sind. Aber sie sind definitiv da und irgendwie muss man mit ihnen umgehen. Wie immer gibt es da dann verschiedene Ansätze die mehr oder weniger radikal sind. Aber durch diese extreme Abstraktion herrscht auf jeden Fall keine Einigkeit was man dagegen oder dafür tun könnte damit es am Ende irgendwie besser wird.

Viele Menschen, wenn nicht sogar alle, sind sich in manchen Situationen nicht im Klaren, dass sie gerade entgegen ihrer Moral handeln. Angenommen man arbeitet als Webentwickler in einem kleinen Unternehmen, dass - neben vielen anderen Projekten - die Website eines Designers baut der Pelzmäntel vertreibt. Wenn man entschiedener Pelzgegner ist soll man dann kündigen, oder sich weigern an diesem Projekt zu arbeiten, oder gar sabotieren? Da muss jeder für sich eine Lösung finden. Aber es ist auf jeden Fall schwierig eine richtige Lösung zu finden.

Vielleicht würde es helfen so Dinge wie die "Gesetze des Marktes" komplett außer acht zu lassen und mehr mit gesundem Menschenverstand an die Sache ran zu gehen. Also zum Beispiel:"Wenn 90% der Menschen nur 5% des verfügbaren Kapitals gehört und dazu noch 60% in Armut leben ist ja auf jeden Fall etwas schief gegangen und man sollte was dagegen machen." Aber das ist erstens auch wieder abstrakt und zweitens für viele sicher ein radikaler Ansatz.

Moral und Pragmatismus

Danke, es ist wirklich eine Misere. Und es ist noch elender, dass der Vorschlag "Handle immer so, dass du Leid (von dir selbst und anderen) minimierst." als radikal durchgehen kann. Die Frage ist auch: Wann macht Moral dich handlungsunfähig? Wann stehen deine Überzeugungen so konträr gegenüber der bestehenden Realität, dass du nur noch pragmatisch handeln kannst? Ist moralisches Handeln in einer unmoralischen Gesellschaft unmöglich? Wo zieht man die Grenzen, wo man überzeugt, konträr und unbequem sein kann und wo nicht?

Ich glaube nicht, dass Menschen zu einer radikalen Durchsetzung einer Moral in der Lage sind. Dazu gibt es zu viele Einzelfälle, Zwickmühlen, zeitkritische Entscheidungen und menschliches Versagen. Deswegen heißen Idealvorstellungen ja auch Utopien: Orte, die nicht sein können.

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