Die Politik der Black Box

Die Black Box kennen die meisten als dieses kleine Aufzeichnungsgerät, das alle nach Flugzeugabstürzen suchen. Die Black Box ist jedoch auch eine Denkfigur, die im zweiten Weltkrieg aufgetaucht ist und eng mit der kybernetischen Theoriebildung zusammenhängt. Die Black Box ist in diesem Sinne ein Gegenstand oder eine Entität, über deren Inneres nichts bekannt ist. Man kann eine Black Box nicht öffnen, das ist eines ihrer definitorischen Merkmale. Die Black Box hat jedoch Ein- und Ausgänge, man kann sie also als Funktion verstehen.

Nun sollte man kurz etwas zur Kybernetik als solcher sagen. Die Kybernetik ist die Wissenschaft der Steuerung und sollte nach dem zweiten Weltkrieg als Metawissenschaft alle anderen Forschungszweige vereinen und überdauern. Die Kybernetik geht davon aus, dass alles menschliche Verhalten programmiert und neu programmierbar, also steuerbar ist. Sie konzipiert Netzwerke und Automaten, die in sich geschlossen sind und in denen Akteure durch Rückkopplungen mit den anderen Bestandteilen des Netzwerks in Verbindung stehen. Ratet mal, wer von den Ideen der Kybernetik vollkommen angetan war. Richtig, die Wirtschaft.

Die Wirtschaft liebt Vorhersehbarkeit und Steuerbarkeit. Tatsächlich sind das utopische Vorstellungen, die sie sich selbst aufgebürdet hat. Irgendwann hat mal jemand die Figur des sich selbst regulierenden Marktes erfunden und die These aufgestellt, dass ein wirtschaftliches System sich durch die ausgleichenden Kräfte der unterschiedlichen Interessen zu einem harmonischen Gesamtsein entwickelt. Dies hat auch die Idee hervorgebracht, dass eine Ökonomisierung aller Lebensbereiche zu allgemeinem Frieden, Freude und erdumspannender Heiterkeit führt. Das ist die wirtschaftliche Utopie. Ihr merkt schon. Für andere Leute könnte das eher nach Dystopie klingen.

Die Knotenpunkte in einem kybernetischen Netzwerk sind dabei immer Black-Box-Knoten: Was genau in ihnen passiert, ist vollkommen egal, solange man weiß, was rein- und rausgeht. Dementsprechend hat die Ökonomie inzwischen sogar das Subjekt selbst als Black Box definiert: Innenleben egal, aber man bekommt, was man von ihnen will, wenn man sie nur richtig "programmiert".

Nun haben sich diverse Gruppierungen gebildet, denen die Utopie von allumfassender Ökonomisierung, Transparenz und Kontrolle sauer aufstößt. Eines der eingängigsten Zitate in der Richtung habe ich bei Hartmut Böhme gefunden: 

[D]enken wir uns eine Gesellschaft, in der (wie in vielen Utopien) jedes Geheimnis verbannt wäre; denken wir uns ein wissenschaftliches Universum, in welchem es kein Geheimnis mehr gäbe; denken wir uns eine Liebe, in der die Liebenden sich wechselseitig kein Geheimnis wären; denken wir uns die Künste, die nicht mehr über den Zauber und die Magie des Unerklärlichen verfügten; denken wir uns ein Leben in schattenloser Ausleuchtung; denken wir uns die vielen Kulturen ohne ein Verhältnis der Fremdheit zueinander;  es wäre ein Himmelreich aus Licht, schlimmer als der fuchtbarste Alptraum. Es wäre der absolute Staat. Es wäre die Wüste der Langeweile. Es wäre der augenblickliche Verlust aller Spannkraft. Es wäre eine Welt ohne Liebe, ohne Eros, ohne den Zauber der Attraktion. Es wäre Terror. Es wäre das Wissen als lückenloses Gefängnis. Es wäre Folter wie schattenloses Licht Folter ist. Wir benötigen zum Leben das Dunkel und die Nacht so elementar wie das Geheimnis das Leben erst lebenswert macht. (Hervorhebung A.D.)

Die politischen Gruppen, die sich gegen die Kybernetik stellen, sind daher gerade daran interessiert, Transparenz abzubauen, was denjenigen merkwürdig vorkommen dürfte, die sich für offene Systeme und Standards einsetzen. Die Sache ist die: Geheimnis ist mit Georg Simmel gesprochen eine Funktion von Freiheit, von Autonomie. Ziel dieser politischen Gruppen ist es, das Geheimnismonopol des Staates, der von einer Transparenz fordernden politischen Ökonomie bestimmt ist, aufzulösen und den Menschen das Recht auf Anonymität, auf Unerreichbarkeit und Unsichtbarkeit wiederzugeben.

Tiqqun und das Unsichtbare Komittee, zwei dieser ominösen Gruppierungen, haben also ein Black-Box-Profil, aber in einem anderen Sinne, als die Kybernetik die Black Box für sich nutzt. Sie wollen systemische Schnittstellen des Menschen maskieren, um ihm so Autonomie vom Staat zurückzugeben. Dabei sprechen sie von Guerilla-Taktiken und Strategien der Sabotage, des Enthalts und der Panik. Sie sprechen davon, ein so starkes Rauschen zu erzeugen, dass die darin enthaltenen Signale für das System nicht mehr lesbar werden. 

Maskierung, Rausch, Rauschen … wir können hier also von einer Wiedereinführung eines dionysischen Moments in ein analytisches System sprechen, etwas, das mit Roger Caillois gesprochen sehr an Kulturen erinnert, die als vornehmliche Gesellschaftspraktiken nicht Wettbewerb und Glück(sspiel) betreiben (agôn und alea), sondern Macht und Strukturen über Praktiken der Maskierung und des Rausches herstellen (mimikry und ilinx). Es ist ein entschieden nicht-modernes Moment und untermauert die grundlegende These Bruno Latours: Wir sind nie modern gewesen.

Was die Betrachtung dieser gesellschaftlichen Spielformen einem deutlich vor Augen führt, ist die Abwendung von ökonomischer Bepreisbarkeit: Wettkampf und Glücksspiel sind beides Spielformen, die das Prinzip des Gewinns in sich tragen. Es geht immer um einen Lohn, einen Preis und wo es Gewinner gibt, gibt es auch Verlierer. Die Praktiken von Mimikry und Ilinx sind da anders. Eine Theatervorstellung, ein Ritual oder ein Karneval hat keine Gewinner. So kann man sich in dieser Denkrichtung wieder Motivationen und Affekte jenseits des Gewinns vorstellen und das klingt für mich -- so abschreckend die Ideen von politischer Enthaltung und Sabotage im ersten Moment klingen -- wie die Idee einer humaneren, sozialeren Gesellschaft.

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