Die Tribute von Panem - Feminist Reading #1

Ich werde die Artikel zu "Tribute von Panem" dann schreiben, wenn mir etwas aufgefallen ist. Falls die Situation später in der Geschichte neu konnotiert oder dekonstruiert wird, werde ich das in einem späteren Artikel mit Verlinkung zu dem alten besprechen. Ich möchte damit möglichst viel und möglichst transparent zeigen, wie meine Einschätzungen zustande kommen.

Dysfunktionale Mutterfigur und all-female Restfamilie

​Heute denke ich, dass meine Mutter in einer dunklen Welt der Trauer eingeschlossen war, aber damals wusste ich nur, dass ich nicht nur einen Vater verloren hatte, sondern auch eine Mutter.

Eine dysfunktionale Familie ist in den meisten Jugend- und Kindergeschichten durch das Fehlen der Mutter gekennzeichnet. Die Idee dahinter ist, dass die Mutter von Natur aus den emotionalen Kern einer Familie ausmacht, denn sie erzieht im althergebrachten Familienbild die Kinder, versorgt den Mann und kümmert sich um das gemeinsame Zuhause. Damit ist sie der Mittelpunkt des Zusammenlebens.

Ihr Fehlen bedeutet, dass das familiäre Gefüge aus der Balance ist, dass andere Familienmitglieder Funktionen übernehmen müssen, die ihnen ansonsten nicht zugefallen wären. Dieser Erzählkniff hängt eng mit dem "Women in Refrigerators"-Trope (Prä-TropesvsWomenInVideoGames Anita Sarkeesian! Yay!) zusammen. Frauen sterben oder verlieren ihre Handlungsmacht, um Rache oder persönliche Entwicklung des meistens männlichen Hauptcharakters voranzutreiben.

Wenn es ein verbleibendes Elternteil gibt, so ist das meistens der Vater oder eine Vaterfigur, zumindest, wenn es sich um weibliche Kinder als Protagonistinnen handelt. Optional kann hier eine familienfremde Frau in Form der bösen Stiefmutter als Bösewicht eingeschoben werden. Erkennt ihr, wie stark verwurzelt diese Konstellation ist? Alleine, wenn man die Disney-Prinzessinnen durchgeht: Arielle, Dornröschen, Schneewittchen, Prinzessin Jasmin … keine von ihnen hatte eine Mutter bzw. eine böse Stiefmutter, in Rapunzel erfüllt Mother Gothel diese Rolle. (Der programmatische Titel "Mother knows best" sagt eigentlich alles aus.)

Ist der Kinderprotagonist ein Junge und die Mutter überlebt, so wird die Mutter zumeist zur Schutzbedürftigen, die potenziell zur Damsel in Distress wird. In jedem Fall ist es so, dass eine fehlende Mutter emotionale Instabilität bedeutet. Denn Männer und Gefühle? Bergh. Das können die doch gar nicht. Und Kindererziehung? Auch nicht so deren Bier.

Aber Hurra, Katniss' Mutter lebt. Na ja, so halb zumindest. Dass sie noch am Leben ist, fühlt sich zumindest im ersten Band an, wie ein anerkennendes Nicken in Richtung dieses Klischees, das sich jedoch nicht bis zum Widerspruch durchringen kann. Auffällig ist, dass die gesamte Restfamilie aus weiblichen Mitgliedern besteht. Damit ist auch geklärt, warum eine von ihnen die "Männerrolle" des Ernährers übernehmen muss und nicht etwa ein Sohn, dem diese ansonsten zugefallen wäre.

Katniss übernimmt in den ersten Kapiteln eine typische Männerrolle. Sie geht zur Jagd, sie kümmert sich um ihre Familie. Prim und ihre Mutter werden zum Aufbau dieser Konstellation mit hyperfemininen Parametern belegt: Sie sind schwach, hilflos, sogar im Äußeren: Während Katniss die dunklere Hautfarbe und das schwarze Haar ihres Vaters geerbt hat, sind ihre Mutter und Prim blond und hellhäutig -- die perfekte Entsprechung der Weißen Frau.

Fragen, die ich mir stelle: Hätte die Konstellation auch funktioniert, wenn Prim ein Junge gewesen wäre? Wie wäre die Familiendynamik anders, wenn die Mutter auch tot gewesen wäre? Was, wenn der Vater überlebt hätte? Ist die komplett weibliche, hilflose Familie nötig, um Katniss' Beschützerinstinkt und ihre Fähigkeiten zu rechtfertigen?

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