Die Tribute von Panem - Feminist Reading #3

Überleben durch Erwartungserfüllung -- die patriarchale Metapher

Lesen ist an sich immer schon eine Metapher, denn das Wort selbst kommt aus der Landwirtschaft, dem Weinbau, um genau zu sein. Ähnlich wie bei der Weinlese, so die Argumentation, bewegt ein Leser sich durch die Reihen von Wörtern und sammelt Bedeutung so wie der Winzer Trauben sammelt. Und spätestens seit Foucault ist uns Analytikerinnen ja herzlich egal, ob die Autorin die Bedeutungen da auch wirklich hingepflanzt hat. Wir lesen, was wir lesen. Manches davon ist Wildwuchs.

Ich glaube nicht, dass Frau Collins die Hungerspiele und die dadurch exemplifizierte Gesellschaft von Panem als Metapher für das Patriarchat geschrieben hat, sondern als Reflexion unserer Mediengesellschaft. Ich kann mir nicht helfen, ich lese die Metapher da trotzdem raus. Oder rein. Oder in eine Richtung deiner Wahl.

Eigentlich ist es einleuchtend, da eine Metapher für unsere Gesellschaft und sei es auch nur für einen Teil davon, immer eine Metapher für eine patriarchale Gesellschaft ist. Also vergessen wir für einen Moment die wackeligen Beine, auf der meine Lesart steht.

Katniss ist vollkommen in der Lage, sich und ihre Familie zu versorgen. Alle Schwierigkeiten, die sie damit hat, werden ihr durch die Macht des Kapitols aufgezwungen, Knappheit wird künstlich erzeugt. Mit der Technologie, über die die Leute im Kapitol verfügen, sollten sie eigentlich in der Lage sein, Lebensumstände zu verbessern, aber sie tun das Gegenteil.

Das Schöne ist, dass die Metapher sich sehr subtil auffächert und das aus dem Grund, dass Katniss sich nicht dessen bewusst ist, dass der Umgang mit ihr an ihr Geschlecht gekoppelt ist. Der Moment, der für mich der Beginn dieser Geschichte war, war das Interview vor dem Arenakampf, in der Katniss über Thresh denkt, dass sie so mürrisch sein könnte, wie sie wollte, wenn sie so groß wäre wie er. So groß.

Katniss ist romantisch unerfahren und hat nur ein rudimentäres Verständnis von Geschlechterdynamiken, die sie hauptsächlich aus der sehr gesunden Beziehung ihrer Eltern kennt. Das macht sie zu einem Fremdkörper in der Unterhaltungskultur des Kapitols. Ihre Weiblichkeit ist ihr selbst nicht wichtig, ihr Aussehen ist für sie irrelevant. Daher nimmt sie ja in den Wochen vor der Arena lieber noch ein paar Kilo zu, als dass sie sich als begehrenswert zeigt. Das ist das, was Peeta und Haymitch ihr angetan haben.

Katniss' eigentliche Stärken -- der Souveräne Umgang mit Pfeil und Bogen, die Fähigkeit, alleine in der Wildnis zu überleben, was ihr eigentlich schon die besten Chancen eingebracht hätte -- werden ihr dadurch genommen, dass sie in eine typisch weibliche Fürsorgerrolle gezwungen wird. Ihr Ekel vor Peetas Wunde, ihre ständige Reflexion über ihre in diesem Aspekt sehr viel fähigeren (und wie zuvor festgestellt hyperfemininen) Familienmitglieder kann als Ablehnung dieser Rolle verstanden werden.

Ich fasse zusammen: Katniss wird von einem Mann in eine Fürsorgerrolle gezwungen, kann so ihre Stärken nicht mehr ausspielen und muss sich als Überlebensstrategie als romantisches, präsentationsoptimiertes Subjekt inszenieren. Wortwörtlich. Ein Kuss ist ein Topf Suppe und so.

Wenn man das auf der Metaebene liest, klingt das so ein bisschen nach: Die Frau wurde durch Männer ihrer Unabhängigkeit beraubt. Sie kann sich nicht mehr auf ihre eigene Stärke verlassen, ihr Schicksal wird permanent an das des Mannes gekoppelt. Sie wird nun durch ihn definiert.

Mehr Metapher nötig? Ich glaube nicht.

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