Die Tribute von Panem - Feminist Reading #5

Unwille zur Romantik

Argh, was tut man nicht alles für die Wissenschaft. Ich finde die Tribute von Panem einfach zu platt für meinen eigenen Geschmack, aber gut. Aus feministischer Sicht ist auch der zweite Band bisher ganz interessant.

Katniss' Geschichte ist eine Analogie zu der Erfahrung vieler Schriftstellerinnen oder Leute, die für ein weibliches Publikum schreiben. Ich frage mich, inwieweit Die Tribute von Panem eine Reflexion von Collins' eigener Erfahrung ist. Denn von Frauen, egal in welchem Genre sie schreiben, wird Romantik erwartet. Egal, wie blutig, brutal, episch und politisch intelligent ihre Geschichten geschrieben sind: Um ein weibliches Publikum anzusprechen, muss eine weibliche Protagonistin auch bitteschön eine Romanze haben.

Auf den ersten Blick erfüllt auch Katniss dieses Klischee, aber dabei ist es wichtig, nicht zu vergessen, wie sie zu ihren Romanzen kommt: Nicht von sich aus. Das wird im zweiten Band noch viel deutlicher gemacht als im ersten. Einerseits durch ihre Gespräche mit Gale, in denen sie betont, dass sie dafür gerade keinen Kopf hat; andererseits in ihrem inneren Monolog, in dem sie Mal um Mal ausführt, dass sie niemals heiraten und keine Kinder haben möchte und die von Männern aufgezwungene Narration, die konträr zu dieser Einstellung verläuft.

Man bedenke: Sowohl die Affäre mit Peeta, als auch die Hochzeit mit ihm und die Schwangerschaft werden von Peeta und President Snow initiiert, von Katniss aber lediglich vorgetäuscht und mitgetragen, nachdem ausschließlich Männer (Peeta, Haymitch, President Snow) ihr diese Dinge vorgegeben haben. Katniss muss mitspielen, um zu überleben. Wer den Büchern diese klassische Narration vorwirft, hat die Kritik, die in der Entlarvung dieser typischen Tropes (natürlich sind sie verliebt, natürlich heiraten sie, natürlich ist sie schwanger) als Inszenierungen steckt, nicht verstanden.

Panem ist in erster Linie eine Dystopie und in diesem Licht müssen auch Katniss' Beziehungen und Romanzen gesehen werden: Keine davon ist schön, Liebe wird ihr von anderen zugeschrieben, Romantik aufgezwungen. Sie ist dabei nicht so kaltherzig, dass ihr das egal wäre. Gale und Peeta sind ihr nicht egal, sie ist nicht in erster Linie romantisch an ihnen interessiert. Und so werden ihre Annäherungsversuche nur zu einem weiteren Hindernis, einer weiteren Einengung, einem weiteren Käfig für Katniss. Sie zeigen auf, dass nicht alle Schwierigkeiten von oben herab kommen und in Hierarchien verankert sind, sondern dass viele der unrealistischen und tradierten Herausforderungen, mit denen junge Frauen zu kämpfen haben, aus ihrem privaten Umfeld kommen. Aus Angst, Freunde zu verletzen, macht Katniss dabei immer wieder Zugeständnisse, die sie für sich im inneren Monolog eigentlich verworfen hat. Ihre Romanzen sind nur ein weiteres Element ihrer Unfreiheit.

Die Tribute von Panem treffen eine wichtige Aussage: Frauen sind nicht von Haus aus romantisch veranlagte Wesen, die egal in welcher Situation auf der Suche nach ihrer großen Liebe sind. Das sind Eigenschaften, die ihnen von außen und vorwiegend von Männern zugeschrieben werden.

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