Die Tribute von Panem - Feminist Reading #7

Weibliche Hysterie

Erinnert ihr euch an meine Zwischenbetrachtung des 2. Teils? An meine Randnotiz am Ende zum Thema weibliche Hysterie? Sie sollte sich als prophetisch entpuppen.

Es ist faszinierend, wie sehr sich manche sexistische Denkmuster so tief in die Psyche eingraben, dass selbst Frauen sie nicht mehr zu reflektieren scheinen. Einer dieser Vorbehalte ist die konsequente Verteufelung von Emotionen außerhalb der gesellschaftlich akzeptierten Norm. Das Korsett mag für Männer sogar noch enger geschnürt sein als für Frauen, aber noch immer hält sich die Vorstellung der "hysterischen Frau", die aufgrund ihrer unkontrollierbaren Emotionen nicht mehr in der Lage ist, rationale Entscheidungen zu treffen.

"Hysterie" ist eine von männlichen Ärzten konstruierte Krankheit, die bis in die Anfänge des 20. (!!) Jahrhunderts so erklärt wurde, dass die Gebärmutter, wenn sie nicht regelmäßig einen Penis zu Gesicht bekommt, ihren Platz im Körper verlässt (?!?!) und sich am Gehirn festsaugt. Ihr kennt die Argumentation: Zickige Frauen müssen nur mal wieder ordentlich durchge… I think you get the idea.

Überschwängliche Emotionen sind daher seit jeher ein weibliches Stigma, ein Anzeichen für Schwäche und Wahnsinn. Männliche Wut fällt interessanterweise nicht unter dieses Stigma, Wut ist anscheinend unproblematisch, weil das Virilität, Willensstärke und Durchsetzungsvermögen signalisiert. Emotionen wie Trauer und Verzweiflung sind hingegen ungewollt und von daher ein Krankheitsbild.

Der dritte Band fängt genau damit an, macht damit weiter und hört damit auf, dass Katniss verständlicherweise emotionale Zusammenbrüche erleidet. Fassen wir zusammen: Sie wurde von einem oppressiven Regime zu Kämpfen auf den Tod in einer Arena zur Belustigung anderer Leute gesteckt, musst dafür töten, hat ihre Freunde sterben sehen, musste ihre komplette Privatsphäre aufgeben, sich in eine Beziehung begeben, die sie nicht wollte, wurde schwer verletzt und von allen ihrer Verbündeten belogen. Ihr einziger echter Vertrauter ist in Gefangenschaft und wird gefoltert und ihr Zuhause wurde zerstört.
Selbst Chuck Norris würde eine einzelne Träne der Qual vergießen.

Nicht so die Menschen in Distrikt 13, den es -- Überraschung -- gibt und die die Führung der Rebellion übernommen haben. Aus irgendeinem Grund, der sich mir nicht ganz erschließt. Katniss darf unter deren wachsamem Auge nicht einen Moment der Schwäche haben. Am deutlichsten wird dies wohl, nachdem es einen tagelangen Angriff auf ihre Basis gegeben hat und Katniss sicher weiß, dass Peeta gefoltert wird: Sie fängt an zu weinen, obwohl sie für die Kameras stark sein soll, bis sie "keine andere Wahl" haben, als sie mit einer Spritze zu sedieren.

Das ist anscheinend, was man mit weinenden 17jährigen tut. Sie sedieren. Medikamentös. Mit einer Spritze. Anstatt … ich weiß nicht, sie zu ihrer Familie zu bringen, ihr einen Tee zu geben, sie von ihren Lieben trösten zu lassen und zu warten, dass sie sich von selbst beruhigt, dass sie auf jeden Fall noch klar genug denken kann, dass sie tröstliche Worte überhaupt wahrnimmt. Stattdessen wird sie auf Morphling gehalten, was wahrscheinlich Morphium sein soll.

Obwohl ich um die Wichtigkeit von Psychopharmaka in Heilungsprozessen von psychischen Erkrankungen weiß, finde ich die Darstellung als Behandlungsmethode akuter Gefühlsausbrüche in verständlicherweise stressigen und emotional zermürbenden Situationen höchst problematisch. Das ist weniger eine Behandlung einer Krankheit als eine Bekämpfung ungewollter Verhaltensmuster, also eher vergleichbar mit der Sedierung "anstrengender" Kinder. Das ist umso verstörender, als dass das Lager der Rebellen für Katniss doch ein Ort der relativen Sicherheit und Freiheit sein sollte. Tatsächlich habe ich das Gefühl, dass sie unter der Herrschaft des Kapitols alles in allem mehr Freiheiten hatte.

Man könnte als Argument hervorbringen, dass Finnick ja dasselbe aufgrund seiner Sorge um Annie durchmacht und er ein Mann ist, aber das ist nur dasselbe in Grün: Egal, welchen Geschlechts die Person ist, die das unerwünschte Verhaltensmuster an den Tag legt: Es bleibt ein unerwünschtes Verhaltensmuster, das weiblich konnotiert ist, nämlich die lähmende Sorge um geliebte Menschen. (Finnick ist durch Attribute wie Schönheit und Prostitution ohnehin sehr weiblich konnotiert.) Diese Emotionen offen zu zeigen, sich von ihnen überwältigen zu lassen und nicht etwa in Wut und in eine blutige Vendetta zu kanalisieren, ist feminin konnotiert und wird als "Krankheit" behandelt, während Gales zunehmendes Abrutschen in sadistische Gleichgültigkeit vollkommen in Ordnung ist.

Distrikt 13 belohnt also den stereotyp männlichen Weg, mit Emotionen umzugehen (Wut, Gewalt), während feminine Bewältigungsstrategien wie sich zurückziehen und sich ausweinen bestraft und stigmatisiert werden.

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