Die Tribute von Panem - Feminist Reading #8

Familienbild -- Menschenbild

​Als jemand, der aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen zehn Monate ihres Lebens im Mittleren Westen der USA gelebt hat (zumindest sagt man mir das, mein Hirn weigert sich vehement, diese Zeit und Erfahrung als wirklich passiert zu verbuchen), gehe ich an amerikanische Werke mit extremer Skepsis heran. Weil ich weiß, wie bigott und sozialfortschrittsavers die Menschen dort sein können. Wie viele es einfach sind. Die USA züchtet eine merkwürdig konservative Denkkultur, die sich auch in alternativen und dystopischen Werken der Fiktion wiederfinden lassen, egal wie gut es die Autorin gemeint hat.

Ob das der Fall ist, lässt sich mit einfachen Kriterien feststellen:

  1. Geschlechterbild
  2. Familienbild
  3. allgemeines Menschenbild
  4. Umgang mit Tieren
  5. Umgang mit natürlichen Ressourcen

Da das Feminist Reading die Geschlechterbilder hier bis zum Erbrechen analysiert, will ich Familien- und Menschenbild in den Hunger Games mal näher betrachten, vielleicht verdienen die letzten beiden Punkte auch noch ein paar Worte zum Schluss.

Familienbild

Die Bücher propagieren über alle drei Bände hinweg das Idealbild der Kleinfamilie und der kleinen Kommune. Katniss' Familie ist von Anfang an als dysfunktional angelegt, was für sie einerseits als Motivation (der Schutz ihrer kleinen Schwester insbesondere) angelegt ist und als dystopischer Zustand funktioniert. Die Zerstörung von Katniss' Psyche geht mit einer nachhaltigen Zerstörung bzw. Zersplitterung der Restfamilie einher, die nur durch die Gründung ihrer eigenen Kleinfamilie im Epilog des dritten Bands wieder ins Lot gebracht werden kann. Den Tiefpunkt erleidet Katniss mit dem Tod ihrer Schwester, der Verlust der Familie ist somit als absolute Katastrophe gekennzeichnet.

Die aufgelöste Kleinfamilie zu Beginn hätte zusammengefasst mit dem starken kommunalen Zusammenhalt zwischen Familien (z.B. mit Gales Familie) ebenso gut als Modell für alternative soziale Konstellationen angelegt werden können, die anstelle der intakten Kleinfamilie Rückhalt und Geborgenheit liefert. Stattdessen wird auch der Minimalrest von Katniss' alter, dysfunktionaler Familie aufgelöst, indem ihre Mutter nicht mehr mit ihr zusammen nach hause zurückkehrt, um vollständig von ihrer intakten selbstgegründeten Familie ersetzt zu werden.

Obwohl das Buch hier ein role reversal in Katniss' Rolle als Jägerin und Peetas als Bäcker (am Ofen, das wohl eingängigste Symbol für weibliche Hausarbeit) und dem mit dem Kinderwunsch vornimmt, so schnürt es doch ein enges Korsett für akzeptable familiäre Konstellationen. Alles andere außer diese Kleineinheit von Mann-Frau-Kinder (am besten 2) wird als kaputt und dysfunktional markiert.

Menschenbild

Das Menschenbild ist ebenso konservativ angelegt wie das Familienbild: Als durchweg positives Bild wird die kleine Gemeinschaft auf dem Land gezeichnet, welche sich mit klassischem Handwerk und traditioneller Nahrungsbeschaffung beschäftigt (Jagen, Backen, Ackerbau). Die Zumutung anderer, schwerer Arbeit (wie die in den Mienen) wird als Belastung und oppressiv gekennzeichnet, große Städte oder andere hochorganisierte Siedlungskomplexe wie Distrikt 13 ebenso.

Die ganze Trilogie ist eine einzige Lobhymne an eine liberale Vorstellung von "Ich will meine Rechte, aber ich will nicht reguliert werden". Etwas, was eben nur in diesen Kleinkommunen mit genügend natürlichen Ressourcen (und Platz) funktioniert. Das Idealbild ist das einer ländlichen Gesellschaft, welche als Naturzustand des Menschen skizziert wird, wie ich in vorhergehenden Artikeln festgestellt habe. Regulierungsbestrebungen in komplexeren Siedlungssituationen werden von Katniss zwar als Notwendigkeit anerkannt, nichtsdestotrotz ignoriert und verachtet.

Diese "Ich finde es gut, dass es diese Regeln gibt, aber persönlich will ich mich nicht daran halten"-Einstellung ist eine, die auf eine zugrundeliegende Misanthropie verweist, die große Menschenmassen an sich meidet und den Großteil der Menschen als dumm und nicht vertrauenswürdig einstuft. Dieser Menschenhass wird im Text zum Teil explizit angesprochen (indem Katniss das Aussterben der Menschheit als positiv kontempliert), zieht sich aber auch durch die ganze Dystopisierung heutiger menschlicher Organisationskonzepte von der Mediengesellschaft bis zum Militär hindurch. Dabei traut Katniss sich selbst und einer Handvoll anderer Menschen den gesunden Verstand und die Moral zu, von sich aus gut zu handeln, für alle anderen muss es jedoch Regeln geben.

Problematisch finde ich dabei besonders, dass die Trilogie (als Jugendbuch!!!) keine positiven Alternativen für massenhaftes Zusammenleben skizziert oder anbietet und stattdessen auf ein prämodernes Ideal der ländlichen Kleinkommune zurückgreift. Tatsächlich werden Konzepte der nachhaltigen und lebenswerten Urbanität die Menschheit auf lange Sicht hin weiterbringen, zumindest meiner Meinung nach. Von daher finde ich diese implizite Verteufelung von großen Städten und komplexer Organisation ein wenig zu kurz gegriffen und geradezu gefährlich als Werturteil.

Behandlung von Tieren und natürlichen Ressourcen

Finde ich Katniss' Jagd zu Beginn noch äußerst unproblematisch und ihren Umgang mit Ressourcen den Umständen des erschwerten Überlebens noch angepasst, so wird auch später in der Trilogie das Töten von Tieren nie moralisch hinterfragt, nicht einmal, als explizit gemacht wird, dass es nicht mehr aus Notwendigkeit, sondern zur Entspannung und Beschäftigung betrieben wird. Obwohl Katniss extreme Hemmungen entwickelt, Menschen zu töten und pazifistisch bemüht ist (vgl. die Szene am Bahnhof von Distrikt 2) und Gales Übertrag von Jagdtechniken auf den Krieg scharf als grausam kritisiert wird, zieht Katniss niemals Rückschluss auf ihren Umgang mit Tieren.

Man hätte zum Beispiel einfach sagen können, dass sie sich nach den ersten Hungerspielen oder auch erst nachdem der Krieg vorbei ist, auf die Kultivierung essbarer Wildpflanzen als Hobby versteift, weil sie das Töten nicht mehr erträgt. (So oft wie betont wurde, dass die essbaren Pflanzen ihr das Leben gerettet haben, und dieses olle Buch beschrieben wurde, hätten die Pflanzen es weiß Gott auch verdient.) Stellt euch doch mal im Epilog die Szene vor, wie sie in dem Teich, den sie im Garten angelegt hat nach Katniss-Knollen sucht, den Blick über ihre Beete schweifen lässt und sich denkt: Wie schön es ist, überleben zu dürfen, ohne töten zu müssen.
Wäre das nicht herzerweichend gewesen? Nope. On goes the killing.

Zwar wird der heutige (also aus Perspektive der Bücher der vergangene) Umgang mit Ressourcen einmal kurz kritisiert, indem Katniss von dem "broken planet" spricht, denn die kollektiven Vorfahren zurückgelassen haben, aber in Panem selbst wird das Problem nicht weiter adressiert. Stattdessen wird eine konservative Wertehierarchie aufgebaut, die das menschliche Leben und den Schutz der Familie über alle übergeordneten Systeme stellt. Insbesondere die menschliche Überlegenheit über die Tiere und die damit einhergehende Herrschaft über die Natur allgemein ist letztendlich ein patriarchal geprägtes Machtgefüge. Glaubt ihr mir nicht? Lest mal The Sexual Politics of Meat von Carol J. Adams.

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