Die Tribute von Panem - Schlussbetrachtung

Frau, bleib bei deiner Familie

Es dürfte keinen überraschen, wenn ich hier das Fazit ziehe, dass Die Tribute von Panem weit hinter seinem feministischen Potenzial zurückbleibt. Tatsächlich ist und bleibt der Höhepunkt von Katniss' Handelsmacht die Szene des angedrohten Selbstmordes in der Arena im ersten Band. Im Folgenden scheint es der gesamten Welt, auch Freunden und Familie, nur noch darum gehen, Katniss Entscheidungsfreiheit zu nehmen. Wir erleben Katniss nie wieder so souverän, so selbstbestimmt und so frei wie in diesem Moment. Selbst die Wahl des Selbstmords wird ihr am Ende des dritten Bandes zweifach verwehrt (einerseits dadurch, dass ihr die Nightlock-Pille weggenommen wird, andererseits dadurch, dass sie unter Drogen gesetzt und aufgrund ihres Suchtverhaltens lebendig gehalten wird, obwohl sie nicht will).

Anstelle der Aufklärerin wird Katniss mehr und mehr von sowohl dem Kapitol als auch Distrikt 13 instrumentalisiert. Die Rolle, die sie in dem Konflikt spielt, ist somit nicht selbstgewählt sondern oktroyiert… äh, ähm aufgezwungen meine ich natürlich.
Sorry, kurzer Unianfall.
Katniss wird im ganzen Verlauf der Trilogie nicht mehr frei, selbst die Mutterschaft zum Schluss hat sie nicht gewählt, sondern lediglich als Wunsch von Peeta akzeptiert.

Die erfrischende Umkehrung der Sündenfalldeutung, die ich im ersten Band ausgemacht habe ("Scheiß drauf, ich esse jedes Obst, um hier raus zu kommen, selbst wenn es mich umbringt"), wird leider zurückgelenkt in alte Strukturen: Der ursprüngliche Akt der Rebellion führt zu Strafe und Unterwürfigkeit im zweiten Band und der totalen Entmachtung im dritten Band. Katniss wird zuletzt in den unproblematischen Kontext der Familie verbannt, während man über das Schicksal der Nation, die einst Panem war, nichts mehr erfährt.

Die Manipulatorin

Dass ich Snow als Bösewicht nicht so richtig ernst nehmen konnte, hat sich im dritten Band bestätigt. Zwar nur ganz am Ende und dann irgendwie so halb, aber mit dem ersten Auftritt von Coin war klar, wer Katniss' echte Widersacherin werden würde. Kommt schon. Coin. Fantasy-Lingo für Geld. Dystopie. Go figure.

Wenn Snow als der Vertreter der Patriarchats gelesen werden kann (was ich finde), muss Coin als auch seine Gegnerin betrachtet werden. In dieser Logik spricht die Narration sich allerdings dafür aus, dass Frauen und Allies sich nicht von den Methoden ihres Gegners lösen können. Oppression und Manipulation werden von Coin genauso als Waffen benutzt wie von Snow. Eine moralische Motivation scheint daher nicht ihr Antrieb zu sein, die Rebellion verkommt von einer Bottom-Up-Bewegung zu einem bloßen Machtspielchen zweier Menschen in Beratungsräumen, die ab und an in eine Kamera sprechen und das Geschick der Bevölkerung von dort aus lenken.

Katniss' Beziehung zu ihr bleibt problematisch, genauso wie die zu Johanna. Zwar wird der zu Prim noch ein wenig mehr Bedeutung zugesprochen, aber nur, um sie zum absoluten Opfer des Konflikts zu stilisieren. Positive, bedeutende Beziehungen zwischen Frauen bleiben bis zum Ende Mangelware, obwohl Collins mit Coin und Katniss die Möglichkeit hatte, eine spannungsgeladene und am Ende im Kompromiss doch wünschenswerte Beziehung zwischen zwei machtvollen Frauen aufzubauen. Stattdessen artet es in einen Kleinkrieg des "wer kann die andere besser bedrohens" aus.

Coin bleibt ein durch und durch negativer Charakter. Alle positiven Merkmale, die sie in ihre aktuelle Position gebracht haben, werden ausgeblendet oder schlicht und ergreifend nicht erwähnt. Sie ist die böse Manipulatorin, die böse Stiefmutter und die Unterdrückerin, die sofort die Macht an sich reißt, als das Kapitol fällt. Ihr Tod war zwar irgendwie als Strafe in der Narrationslogik okay, aber hat auch nicht mehr wirklich irgendwas geändert.

Dystopie bleibt Dystopie bleibt Dystopie

Die Tribute von Panem bleibt bis zum Ende Dystopie und ich weiß nicht, ob ich das gut oder schlecht finden soll. Ich finde es zumindest nicht gut in Kombination mit der Aussage des Epilogs, dass es trotzdem ein irgendwie geartetes Happy End gibt. Die neue politische Struktur in Panem wird kurz als Republik benannt, aber mehr über Politik und was sich ändert erfahren wir nicht mehr. Wie auch? Katniss wird sämtliche Handlungsmacht in der öffentlichen Sphäre entzogen. Es ist fast so, als wolle die Autorin sagen, dass Frauen Erfüllung nur im Rahmen der Familie finden können, während Involvierung mit Politik und Macht sie nur korrumpiert und ihnen schadet.

Natürlich könnte man hineinlesen, dass das genau ein Teil, eine Spielart des dystopischen Elements der Bücher ist. Es gibt nicht immer das gute Ende, das man sich wünscht. Die Zukunft ist dunkel und selbst die gute Zukunft ist mehr so mittelgrau. Aber ich kann das als Argument in einem Jugendbuch nicht einfach so hinnehmen, denn ich werde den Eindruck nicht los, dass die Autorin uns das Ende als irgendwie gut verkaufen will. Was ist dann die Aussage? Dass man auch in einem dämlichen System persönliches Glück finden kann, wenn man sich nach innen orientiert? Dass man gar nicht erst versuchen soll, etwas zu ändern, weil irgendwer kommt immer und verhunzt es? Bleib zuhause, alles andere bringt eh mehr Schaden als Nutzen? Ich werde damit einfach nicht warm.

Der extreme Fokus auf Katniss' zermürbtes Innenleben im dritten Band nimmt uns als Leser die Möglichkeit, die weitere Entwicklung von Panem mitzubekommen und echte Hoffnung aufzubauen. Aber er verhindert auch, etwaige drohende neue Konflikte zu erkennen, denn Katniss bekommt nicht mehr viel mit, wird ausgeschlossen und interessiert sich auch nicht weiter für das, was außerhalb ihrer kleinen Blase geschieht. Die Ich-Perspektive, die am Anfang noch nötig war, um die volle Grausigkeit dessen, was geschieht, zu reflektieren, ist am Ende nur noch Scheuklappe und hat zumindest mich mit einem latenten Hass auf Katniss zurückgelassen, weil ich in ihrer wirren Gedankenwelt gefangen war und nichts mehr von dem mitbekommen habe, worum es eigentlich ging: Die Entwicklung des Systems.

Feministische Figur?

Ist Katniss also aus feministischer Sicht als Vorbildscharakter akzeptabel? Schwingt in den Hunger Games Büchern eine feministische Note mit? Meine Antwort nach der Gesamtlektüre ist ein entschiedenes "Na ja, geht so". Obwohl zu beginn ein wahnwitziges Potenzial an Systemkritik aufgebaut wird, implodiert dieses spätestens am Ende des zweiten Bandes, indem die vermeintliche Aufklärerin vollkommen entmachtet und in ein anderes, aber ähnlich oppressives System gezwungen wird. Ihr einziges Mitspracherecht speist sich fortan aus ihrem Symbolcharakter, sie wird auf Äußerlichkeiten reduziert. Echte Handlung wird von ihr nicht mehr erwartet, wird ihr geradezu verboten, weil sie sich als Symbol dadurch gefährden könnte.

Katniss selbst geht an ihrer Rolle mehr und mehr kaputt, entspricht also nicht unbedingt den Vorstellungen eines souveränen Charakters. Zwar ist die Reflexion der Auswirkungen extremer körperlicher und emotionaler Gewalt ein valider Punkt, trotzdem fühlt sich das in der Logik des Buches wie "Schwäche" an, da ihr Umfeld kontrollierter ist und sie bei emotionalen Ausbrüchen sediert. Ihr Umgang damit wird also nicht als legitime Bewältigungsstrategie gezeigt, sondern als unerwünschte Dysfunktion ihres Charakters. Ich lese hier die Aussage "Ja, sowas kann dich zerbrechen, aber rechne damit, dafür bestraft zu werden".

Katniss hat einen negativen Charakterbogen. Einer, der nicht zu größerer Stärke führt, sondern sie so sehr zusammenstaucht, dass sie bis ins unermessliche bis hin zum Märtyrertum aufgeblasen wird, um dann in sich selbst zu kollabieren und in einem Zustand endet, der letztendlich eine Spiegelung des Anfangs unter verbesserten Umständen darstellt: Die Kleinfamilie ist wieder intakt und es gibt keine Hungerspiele mehr. Die Wahl des kleinen Lebens anstelle einer politischen Führerinnenrolle hätte sogar noch irgendwie funktionieren können, wenn es tatsächlich eine Wahl gewesen wäre und nicht ein von außen geordertes Exil.

Von Katniss' Figur abgesehen fällt es schwer, die Trilogie mit feministischen Ansätzen zu lesen. Das Worldbuilding basiert auf einem strikten Ideal männlicher Tugenden: Emotionale Kontrolle, körperliche Kraft, Einsatz von Gewalt zur Konfliktlösung und sogar zur Entspannung (Katniss jagt bis zum Ende). Traditionell weiblich konnotierte Eigenschaften wie Einfühlungsvermögen werden als belastend dargestellt und quasi als Hysterie behandelt.

Das Problematischste ist wahrscheinlich allerdings die Überfrachtung der "Bösen" Kapitolbewohner mit feminin bis queer kodierten Attributen: Make-Up, schöne Kleider, die Fokussierung auf körperliche Schönheit, Gesprächigkeit, Albernheit, schrille Farben und Klamotten. Dagegen ist Katniss als die "Gute" und selbst Distrikt 13 als die "na-ja-so-semi-guten" strikt männlich, organisiert, gewaltbereit und schlicht gehalten. (Wie Movie Bob auf The Escapist so schön sagte: "Katniss is so macho, she even hates the cat." Ich kann sein Video über die Problematik nur noch mal empfehlen.) Damit werden typisch "weibische" Verhaltensweisen negativ markiert, was sowohl für Frauen* als auch Männer*, die sich im traditionellen Rollenbild unwohl fühlen ein weiterer Tritt in ihre ohnehin sehr betretenen Gesichter darstellt.

Fazit

Ganz ehrlich? Ich weiß es nicht. Vor allem die Genrezuordung zur Dystopie lässt zu, all diese problematischen Dinge mit dem Argument "Ja, ich weiß, das ist dystopisch" zu entkräften. Dafür bekomme ich aber nicht genau genug raus, ob Collins die Dystopie jetzt am Ende aufgehoben hat oder nicht. Für mich ist sie noch immer da, aber ich kann mir durchaus eine Lesart vorstellen, in der man dieses Ende als irgendwiegeartet "gut" wahrnehmen kann. 

Das Einzige, wobei ich mir sicher bin, ist die Feststellung, dass Katniss nicht unbedingt das feministische Powerhorse ist, als das sie gerne präsentiert ist. Sie ist machtlos und hat lediglich Symbolcharakter im großen Plan der Dinge und ihr eigentlicher Kampf ist es, sich halbwegs menschenwürdige Konditionen von ihren Verbündeten zu erbetteln und erpressen. Mehr Handlungsmacht hätte dem Charakter ab dem 2. Band deutlich besser getan.

Ich ziehe daher zunächst mal ein dreifaches Fazit je nach Lesart: Als Dystopie funktionieren die Bände hervorragend, aus feministischer Sicht ist das Worldbuilding schmu und die Figuren enttäuschend und als Jugendbuch finde ich sie deswegen problematisch, weil ich nicht ganz glaube, dass eine 14- oder 15jährige überhaupt auf die Idee kommt, das Ende als Katniss' absolute Zerstörung und damit dystopisch zu lesen. Vielleicht unterschätze ich da aber auch die Zielgruppe. Was meint ihr?

Es fällt mir total schwer, den dritten Band wirklich einzuordnen, darum wüsste ich gerne von euch: Ist das ein gutes Ende? Ein schlechtes Ende? Ein offenes Ende? Bekommt ihr ein Gefühl der Abgeschlossenheit? Ich bin gespannt auf eure Meinungen.

Kommentare

(Kein Betreff)

Ich weiß ehrlich gesagt auch nicht wirklich, was ich von dem dritten Band halten soll. Schon von den ersten Kapiteln an hatte ich kein gutes Gefühl dabei. Stets fragte ich mich, was denn nach Snows Fall kommen würde. Distrikt 13 hat keine bessere Lebensstruktur als das Kapitol; was würde sich also ändern? Und es ist genau das passiert. Nämlich nichts. Nichts hat sich wirklich geändert, mit Ausnahme der Abschaffung der Hungerspiele. Und selbst das wurde noch einmal aufgegriffen, als Racheakt an das Kapitol. Dementsprechend ist Distrikt 13 mit seiner Repräsentantin Coin keinen Deut besser als das Kapitol mit Snow. Ich möchte nicht behaupten, dass Katniss' Kampf vollkommen wertlos war. Würde man aber eine Pro- und Contra-Liste erstellen, wäre die Pro-Seite ziemlich arm dran. Ich kann mich mit dem dritten Buch einfach nicht anfreunden. Wie könnte ich auch? Für ein Jugendbuch ist das Ende unglaublich düster und hinterlässt bei mir selbst mit seinem Epilog nichts positives. Kann man sein privates kleines Glück immer noch genießen, selbst nachdem man so viel verloren hat? Ich weiß es nicht. Für Katniss reicht es wohl aus.

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