Die Tribute von Panem - Zwischenbetrachtung Band 1

Feministisches Potenzial und weibliche Erlöserinnennarration

Der erste Band der Tribute von Panem zeigt viel Potenzial, was eine feministische Lesart angeht. Ob das Potenzial erkannt und ausgeschöpft wird, wird sich jedoch erst nach der Lektüre der anderen beiden Bände zeigen.

Das Setting funktioniert auf jeden Fall als eine Problematisierung von Unterdrückung im Allgemeinen und einer patriarchalen Gesellschaft im Speziellen.

Panem ist eine Gesellschaft, in denen Menschen in willkürlich abgegrenzte Distrikte aufgeteilt werden und aufgrund der Zuordnung zu diesen Distrikten bestimmte Rollen zugewiesen bekommen. Die Diskriminierung bzw. Unterdrückung, die sie aufgrund dieser Umstände erfahren, kann als Analogon zu der willkürlichen Konstruktion sozialer Kategorien gelesen werden. Die erschwerten Umstände, unter denen die Menschen in den äußeren Distrikten leben, werden von den Menschen im Kapitol ignoriert, z.B. findet Effie den Mangel an Tischmanieren ekelhaft, scheint aber nicht zu reflektieren, dass aufgrund der schwierigen Ernährungssituation in Distrikt 12 darauf keinen Wert gelegt wird/gelegt werden kann. Privilege at work here.

Die Aufteilung der Distrikte ist (zumindest im ersten Band, ich ignoriere hier alles, was ich über Distrikt 13 von spoilerigen Twitterern weiß) als von hinten aufgezäumte Zivilisationsleiter zu lesen, die sich vom Bergbau (arbeiten in Höhlen, Katniss und Gale als Jäger und Sammler) über Landwirtschaft bis hin zur Produktion von Luxusgütern und letztlich zur ultimativen Medien- und Unterhaltungsgesellschaft steigert.

Der "Naturzustand", den Distrikt 12 in dieser Logik darstellt, ist, dass Männer und Frauen gleichberechtigt sind (Gale und Katniss) und beide Geschlechter über die überlebensnotwendigen Fähigkeiten verfügen. Dabei gibt es in dieser Gesellschaft unterschiedliche Lebensentwürfe für die Geschlechter: Sowohl Männer als auch Frauen leisten körperlich harte Arbeit, Peeta hat als Konditor, also als Torten-Dekorateur und Nahrungszubereiter ein eher feminin konnotiertes Alltagsleben und auch Katniss' Mutter und Tochter haben traditionell weibliche Rollen inne, während Katniss von allen auch selbstverständlich als Ernährerin ihrer Familie wahrgenommen und akzeptiert wird.

Katniss wird aus diesem "Naturzustand" gerissen und in die Medienwelt des Kapitols gesteckt, in der sie in die Rolle eines "romantic Interest" für ihr männliches Pendant gezwungen wird, weil ihre eigentlichen Fähigkeiten für das Medienpublikum untauglich ist. Man könnte also sagen, dass die Aussage ist, dass die Präsentation von Frauen als Objekt der Begierde eine Funktion von Medienaufmerksamkeit ist.

In der Arena übernimmt Katniss schließlich eine Doppelrolle, indem sie sowohl Jägerin/Waldläuferin als auch Pflegerin/Liebhaberin für Peeta ist. Letzteres zwingt sie, ihre Tätigkeiten in ersterer Rolle einzuschränken oder ganz aufzugeben, wodurch sie sich hilflos und verletzlich fühlt. Der gesellschaftliche Druck, manifest in der Allmacht der Spielemacher, zwingt sie jedoch, eine Liebesbeziehung vorzutäuschen, die für sie keinen Bestand hat. In ihrem inneren Monolog wird ihre Zerrissenheit darüber deutlich: Einerseits geniest sie die Nähe, andererseits ist ihr unwohl dabei, sich zu verstellen.

Hierin kann man eine Problematik wiedererkennen, die Frauen, die sich als Feministinnen identifizieren, kennen dürften: Ist man zu "männlich" (Katniss: Eigenständig, abweisend, eigenbrötlerisch) ist man die Emanze, Kampflesbe, was auch immer und wenn man traditionell weibliche Eigenschaften pflegt, wird die Authentizität als Feministin (Katniss: Darf nicht zu emotional werden, weil sie vom Publikum als souveräne Kämpfernatur auftreten muss) in Frage gestellt. Die Anforderungen an sie sind ein gefährlicher Balanceakt zwischen Existenzsicherung (gleichzusetzen mit ökonomischer Unabhängigkeit) und Erwartungserfüllung (Frau braucht Mann und Romantik mögen die doch und aussehen müssen die auch irgendwie).

Am Ende spielt der erste Band mit einer, wenn man sie erstmal gesehen hat, recht offensichtlichen biblischen Metapher: Katniss wird mit Eva gleichgesetzt, indem sie Peeta und sich das Entkommen aus der Arena durch den vermeintlichen Selbstmord über die giftigen Früchte ermöglicht. Dieser Akt der Rebellion macht sie jedoch in den Augen des allmächtigen Kapitols zu einer Bedrohung, weswegen sie, nachdem sie wieder aus der Arena draußen sind, die Rolle des kleinen unschuldigen und zugleich liebestollen Mädchens spielen muss -- ein Frauenbild, das die christlichen Religionen sehr gerne sehen: Rein und unschuldig, aber gleichzeitig dem Mann ergeben. (Vergleicht mal die Bedeutung von traditionellen germanischen Frauennamen mit denen biblischen Ursprungs, es ist schon irgendwie auffällig.)

Die Kontextualisierung dieser Metapher birgt jedoch ein gewisses feministisches Potenzial für die weiteren Bände, denn wenn wir in dieser religiösen Metapher bleiben, die anscheinend Katniss' "Origin Story" markiert, so entfaltet sich ein bunter Strauß an möglichen Weiterführungen: Steht das Kapitol nicht nur für unsere sexistische Mediengesellschaft, sondern auch für die Religion und damit für das traditionelle Patriarchat par exellence, liest sich Panem auch als Kritik an Religion und damit der männlichen Narration.

Wenn wir die typisch männliche Heldenreise, die für gewöhnlich eine Erlösernarration à la Jesus, (Luke, Simba, ihr wisst schon) ist, betrachten, so ergibt sich das Narrationsschema A-B-A': Es gibt eine gute Ausgangssituation, diese gerät aus dem Gleichgewicht und muss am Ende durch den Helden wieder hergestellt werden. In der Religion ist diese Vorstellung die des Garten Eden, doch dieser ist in Panem die Kampfarena und daher nicht wiederherstellungswürdig. Katniss' Erlöserinnennarration kann also in dieser Logik nicht die einer Wiederherstellung, sondern die einer absoluten Rebellion und Zerstörung des Systems sein, das diesen Garten Eden hervorgebracht hat. Frei nach dem Motto: Deine Rippe? My Ass!

Der feministisch konsequente Umgang mit dieser religiösen Metapher kann nicht die Apotheose von Katniss sein, sondern muss einen aufklärerischen Ansatz verfolgen: Die Allmacht des Kapitols (und damit des Patriarchats) muss in Frage gestellt, entkräftet und schließlich verneint werden, um das aufklärerische Ideal des autonomen, selbstsouveränen Subjekt zu verwirklichen, welches Katniss als Jägerin und Selbstversorgerin bereits teilweise erfüllt.

Zu Beginn des Buches sagt Gale zu Katniss, dass die beiden es könnten. Durchbrennen. Zusammen im Wald überleben. Nur sie und er.

Das könnten sie. Aber Katniss hat noch ein ganzes Land zu säkularisieren. Sie hat einen Aufklärungsauftrag. Das ist, was ich mir von den nächsten Bänden zumindest wünsche.

Kommentare

Kritik an der männlichen Narration

Ich bin bereits sehr gespannt auf Deine weiteren Analysen - sagte ich das schon?
Der Text eignet sich offenbar ziemlich gut für eine Untersuchung der unterschiedlichen Stereotype, und der Aspekt mit der Kritik an der männlichen Narration ist absolut spannend - die Autorin schafft auf Figurenebene ja mehrheitlich männliche Spielleiter, wenn ich es noch richtig weiß.
Was mich noch interessieren würde: Erfahren wir eigentlich je, was Katniss selbst will? Ihr Handeln scheint mir in jeder Situation von außen gemacht zu sein. Klar, sie hat Werte, nach denen sie handelt. Aber von diesen Werten mal abgesehen, funktioniert sie in der ihr jeweils zugedachten Rolle - selbst, wenn diese zwischen verletzlichem Weibchen und Kämpferin changiert. Außerdem fand ich es damals unglaublich auffällig, dass ihre einzige wirklich freie Handlung die Androhung ihres Selbstmordes ist. Die sie, weil eingelenkt wird, aber abbricht. So spielt sie am Ende des ersten Bandes auch die letzte ihr zugedachte Rolle und bestätigt das bestehende System noch. Ich kenne die nachfolgenden Teile noch nicht. Bin aber extrem gespannt, ob sie tatsächlich zu der Figur wird, deren Anlagen Du hier so überzeugend herausgearbeitet hast. :)

Leider nein

Ich hab die anderen beiden Teile jetzt durch und habe leider auch festgestellt, dass die Androhung des Selbstmordes Katniss' einziger Moment echter Selbstbestimmung ist. Ich werde den dritten Teil bald analysieren und eine Schlussbetrachtung machen, aber es ist viel verschenktes Potenzial. :(

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