Die Tribute von Panem - Zwischenbetrachtung Band 2

Weiterführung der Genesis-Story

Im zweiten Band wird Katniss für ihren Akt der Rebellion, den sie in dem Moment nicht als solchen wahrgenommen hat, vom Oberpatriarchen, nämlich President Snow, gegeißelt. Und wie geißelt man diese Weibsbilder, diese teuflische Frauenzimmer? Richtig, indem man ihnen die Zähne zieht und sie per Ehegelübde an einen Mann fesselt. Können hier ja keine freien Frauen rumrennen haben, nicht wahr? Der erneute Einzug in die Hungerspiele und Peetas damit verknüpfte Behauptung, Katniss sei schwanger, vollendet diese Narration: Katniss ist für die Inszenierung vollkommen in der klassischen Frauenrolle gefangen worden.

Die Inszenierung von Katniss als "unschuldig" wird auf zwei Ebenen fortgeführt: Einerseits durch Cinnas stylistische Bemühungen für die Kameras und andererseits dadurch, dass Katniss von Peeta, Finnick und Johanna für ihre Körperscheu und Unschuld aufgezogen wird. Wisst ihr, was das in Kombination mit der fiktiven Schwangerschaft ergibt?
Boom, jungfräuliche Empfängnis.

Im Buch wird dieses ständig durch ihren inneren Monolog, der genau dieses ablehnt, konterkariert und als Farce, als zusätzliches Problem für sie dargestellt. Es ist fraglich, inwiefern die Filme diese Kritik und Ablehnung ohne Katniss' Bewusstseinsstrom überhaupt abbilden können. Und obwohl hier mit Dreiecks-Beziehung und der tragischen Liebe von Katniss und Peeta ganz biedere Erzählungsmuster reproduziert werden, hat ihre Einbettung in eine Dystopie auch ein disruptives Moment, welches nicht vergessen werden darf, aber auch erstmal reflektiert werden muss.

Die Plattitüden eines Jugendbuchs

Okay, okay. Ich hab es verstanden. Kapitol = altes Rom. I GET IT! STOP IT! NOW!!!

Eigentlich ist Hunger Games vom Konzept her extrem clever angelegt. Überall kommen Parallelen zu unserer Gesellschaft zu Tage, sei es nun in der Art und Weise, wie Katniss von ihrem männlichen Umfeld zum Romantic Interest gemacht wird, ohne es zu wollen, oder den "First World Problems" der Kapitolbewohner. Einen netten Twist finde ich hierbei diesen vollkommen überzogenen Fokus auf Kleidung und Aussehen, welcher die Erfahrungen von Frauen in Männerjobs wiederspiegelt: Katniss muss gewachst, geschrubbt, geschminkt und herausgeputzt werden (und Peeta nicht), obwohl sie dazu ausgewählt wurde, Leute zu töten. Dafür gibt es Echtwelt-Analogien noch und nöcher. Ich sage nur: Politik. Michelle Obamas Oberarme. Angela Merkels Dekolletee. Uiuiuiuiui.

Leider sind viele diese Parallelen so IN YOUR FACE angelegt, dass für mich teilweise der Spaß am Lesen vergeht. Aber man muss dabei auch sehen, dass ich nicht Zielgruppe bin und diese ganzen kulturellen und gesellschaftlichen Anspielungen springen einer 14- oder 15jährigen nicht so ins Gesicht wie mir.

Die Gefahr, die das Buch dabei läuft, ist, dass diese "bekannten" Elemente von Jugendbüchern wie die Dreiecksbeziehung als sichere Häfen aufgefasst werden könnten, wobei sie eigentlich Teil des Horrors dieser Dystopie sind. Gerade junge Mädchen, für die eine Beziehung, ob nun gespielt oder echt, meiner Erfahrung nach eine Aufwertung ihrer Person bedeutet, könnten Katniss' Situation, vor allem weil sie die beiden Jungs auch sehr gerne hat, in dieser Hinsicht noch immer als erstrebenswert lesen. Immerhin wird sie begehrt und das, wird uns Frauen ja vom Kindesalter an eingetrichtert, ist doch etwas, worüber wir uns freuen sollten.

Hunger Games muss sehr platt sein, um in relativ kurzer Zeit eine relativ komplexe Gesellschaftsreflexion vorzunehmen, aber ich befürchte, dass es in der Kritik des ständigen "Katniss-in-Romanzen-zwingen" nicht platt genug ist.

Handlungsmacht und DER BILLIGSTE STORYTELLING-KNIFF EVER!!!

Es gibt eine Sache, die in Jugendbüchern (vor allem in Jugendbüchern) total gerne gemacht wird und die ich hasse, wie die Pest. Ja, Mittelteile sind schwierig und die Höhepunkte von Mittelteilen sind noch schwieriger zu konstruieren, aber was ich einfach hasse, worüber ich CAPSLOCK-RANT-MÄẞIG* ragen kann, ist, wenn die Spannung von Mangel- oder Missinformation der Protagonistin durch ihre Verbündeten getragen wird.

Es gab keinen, ich wiederhole: keinen Grund, Katniss nicht in den ganzen "Wir-holen-euch-aus-der-Arena-Plan" einzuweihen. Lasst mich den Erklärungsdialog wiedergeben:

Katniss: "You didn't tell me."
Plutarch: Äh, ja, äh … Du hättest dich bestimmt verplappert, was ihr Frauen so tut, nä?

Katniss *lebt ihr ganzes Leben als kriminelles Element unter einem oppressiven Regime und kann überzeugend genug schauspielern, dass man ihr eine Romanze für ein ganzes Jahr abkauft*

Katniss: "I still don't understand why Peeta and I weren't let in on the plan."
Haymitch: "Ja, äh, weil wir euch ja da raus holen mussten, weil die euch ja als erstes geschnappt hätten und … äh … Je weniger ihr wusstet, desto besser."

Katniss *ist paranoid, lebensmüde und bereit, die anderen Tribute zu töten, um Peeta zu retten, bewaffnet, gefährlich und sicherlich überhaupt kein Risikofaktor in dem Plan, wenn man sie nicht einweiht*

Wirklich? "Je weniger ihr wusstet, desto besser"? Das ist alles? Das ist die ganze Erklärung? Warum, weil Menschen dafür bekannt sind, in Stresssituationen reflektierte Entscheidungen zu treffen und kryptische Anspielungen zu verstehen, wenn sie vorher nicht informiert werden?

Und dafür habt ihr Katniss' komplette Handlungsmacht in der Rebellion untergraben und sie zum bloßen Symbol anstatt zu einer vollwertigen Anführerin gemacht? Wie. Fucking. Asozial. Und. Aus. Feministischer. Sicht. Unproduktiv.
Ganz ehrlich: Wenn der nächste Band damit anfängt, dass Katniss sich bis an die Zähne bewaffnet, erst ihre ganzen "Verbündeten" meuchelt, dann ins Kapitol marschiert und President Snow mit seinen eigenen Gedärmen erwürgt, bin ich dafür. Das ist einfach so ein Dick-Move, wie wir das im Fachjargon nennen, ich bin zumindest vollkommen bei Katniss, wenn sie jetzt für immer sauer auf ihre "Verbündeten" ist.

Ihre Mangelinformation hat ihre ganzen Aktionen in der Arena entwertet, denn man hätte ja so oder so auf sie aufgepasst, und all das Potenzial, welches sie als Aufstands-Initiatorin und Führungspersona hatte, ist dahin. Sie ist nicht mehr wichtig, weil sie selbst handelt, sondern weil sie ein Symbol ist. Ein Bild. Ein Objekt des Blicks.

Wenn das im dritten Band nicht noch mal eine 180°-Wende macht, was Katniss' Bedeutung für die Rebellion angeht, kaufe ich mir Hardcopys von den Büchern, um sie gegen die Wand zu schmeißen.

Randnotiz: Weibliche Hysterie

Ich schreibe das als kurze Anmerkung, weil es bisher nicht dominant war, aber das ist so ein Ding, das sich immer noch hartnäckig hält und mir aufgefallen ist: "Verrückt" werden in Hunger Games nur Frauen. Wiress und Annie als dominante Beispiele, wobei Katniss am Ende ja auch überlegt, ob sie nicht vielleicht doch schon verrückt ist und es ihr nur keiner sagt.
Das nährt den Mythos der weiblichen Hysterie und ich wollte hier nur mal mein Missfallen diesbezüglich kundtun.

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*Kurzes anerkennendes Nicken für versales ß.

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