Digital Detox und Technikdeterminismus

Können wir kurz über Bildschirm-Bashing sprechen? Glotz nicht so viel, du bekommst noch viereckige Augen. Ihr kennt das. Bildschirm-Bashing ist der große Bruder von Algorithmophobie (Die Algorithmen, sie bestimmen unser ganzes Leben!!), Papierromantik (Bücher! Bücher bringen einem Denken bei!) und Face-to-Face-Fetisch (Warum redet ihr nicht einfach miteinander?). Sie alle gehören zu der Familie des Technikdeterminismus, die Vorstellung, dass die Technik diktiert, wie sie genutzt wird und wie sich unsere Gesellschaft in diesem Licht entwickelt. Die Idee ist nicht ganz abwegig. The medium is the message und so. Natürlich bedingt eine Technik, was mit ihr getan werden kann, aber darum noch lange nicht, was mit ihr getan werden muss.

Technikdeterminismus geht allerdings meistens mit einer gehörigen Portion Technik- und Kulturpessimismus einher, einer kritischen Einstellung gegenüber der Gegenwart und der Zukunft. Kulturpessimismus nimmt gerne die gemütliche Position des Früher-war-alles-besser ein. Zusammen mit Technikdeterminismus führt das zu einer Ablehnung moderner Technologien, denn die sind fast ganz eindeutig Schuld an dem Verfall der Kultur, des Abendlandes und der ganzen Menschheit.

Verzeiht die Polemik. Ich kann bei dem Thema nicht anders, ich bin Medienwissenschaftlerin. Nicht nur das, ich habe auch ein basales technisches Verständnis von Computern und digitalen Geräten. Sagen wir es mal so: Es gibt einen Grund, warum man den Computer die universelle Maschine nennt.

"Universell", das kennt man vom Universalreiniger her, heißt so viel wie "irgendwie für alles". Digitaltechnologie ist also diejenige, mit der man potenziell alles tun kann. Warum fühlen sich dann so viele von ihr gegängelt und angegriffen? Das Problem liegt, wie bei so vielen Computerproblemen, vor der Tastatur.

Neulich erst habe ich einen Artikel von Adam Elkus gelesen, der dieses Problem im Bezug auf Algorithmen und Bürokratie untersucht:

Algorithms are impersonal, biased, emotionless, and opaque because bureaucracy and power are impersonal, emotionless, and opaque and often characterized by bias, groupthink, and automatic obedience to procedure. […] “Algorithmic accountability” crusaders are talking about entrenched sociopolitical problems without really talking about them; computers become scapegoats for undesired features of capitalism, bureaucracy, and politics.

Nicht die Technik selbst diktiert, wie sie eingesetzt wird -- wie sollte sie? Digitaltechnik ist universell, sie hat kein privilegiertes Einsatzgebiet. Die sozialen Strukturen, die die Technik nutzbar machen, entscheiden, was genau mit ihr getan wird. Schauen wir uns mit dieser Perspektive gewappnet die Digital-Detox-Bewegung an.

Digital Detox ist als Technik- oder Medienfasten zu verstehen, mit all den fabulösen Effekten, die Fasten so mit sich bringen soll: Entgiftung, Entschlackung, ein neues Körpergefühl und generelle Erleuchtung. Kommerzielle Anbieter werben mit augenzwinkernden Slogans wie "disconnect to reconnect" oder "unplug and recharge" für Camps, Workshops und Seminare, auf denen gelernt werden soll -- richtig -- das Handy auch mal aus zu machen. Lasst mich kurz aus der Zielsetzung des deutschen Anbieter The Digital Detox zitieren (kein Link, ihr seid googlefähig):

Ziel ist es, anhand von Studienergebnissen und praktischen Erfahrungen bewusst zu machen, welche negativen Auswirkungen schon der als ganz normal empfundene Umgang mit digitalen Geräten auf die Konzentration und Schaffenskraft hat. Danach werden clevere Strategien in Workshops erarbeitet, die wieder mehr Flow, Zufriedenheit und Produktivität ins Leben und Arbeiten bringen und das Bewusstsein für eine nachhaltige Kommunikation schärfen. So sollen Sinnlossurfen oder drohender Internet-Abhängigkeit vorgebeugt werden.

Das klingt prima, oder? Nachhaltigkeit! Clevere Strategien! Zufriedenheit und Produktivität! Wer würde da nicht zuschlagen? Lasst mich den Pudel rasieren, um an seinen Kern zu gelangen: All der neue Flow, die Zufriedenheit und Produktivität soll wo genutzt werden? Im "Leben und Arbeiten". Nicht etwa "im Umgang mit sich und seinen Liebsten" oder "für das körperliche und geistige Wohlbefinden", nein im "Leben und Arbeiten". Da sich das Angebot darüber hinaus an "Manager, Führungskräfte und Menschen mit Personalverantwortung, die bereits die Bedeutung einer gesunden Internetnutzung und nachhaltigen Kommunikation ihrer Mitarbeiter für den Unternehmenserfolg erkannt haben" wendet, klärt sich das Bild langsam: Es geht darum, die Arbeitskraft von Menschen zu erhalten. Witzigerweise werden genau die Menschen (Manager!) dafür angesprochen, die die technisch vermittelte Überlastung ihrer Mitarbeiter*innen überhaupt erst herbeigeführt haben. Natürlich kann man sich auch prima selbst sozialen Stress mit Kommunikationsmedien machen, aber meiner Einschätzung nach haben da die meisten Nutzer*innen inzwischen patente Strategien entwickelt, wie sie das vermeiden können. Im Feld der Arbeit sieht das anders aus.

Der Anspruch auf ständige Erreichbarkeit, der sich im gängigen "incentive" (wörtlich: Anreiz, Motivation) des Firmenhandys manifestiert, ist nichts, was von dem Telefon verlangt wird, sondern von jenen großzügigen Gönner*innen, die es einem so selbstlos als Bonus statt so unattraktiven Dingen wie einem höheren Monatslohn überlassen haben. Von dem Clusterfuck der E-Mail-Kultur in Büroumgebungen sprechen wir gar nicht erst. Die weitergeleitete Gruppen-E-Mail ist für die elektronische Unternehmenskommunikation, was das Fußbild für digitale Fotografie ist: Irgendwie ein logisches Ergebnis aber es bringt die Menschheit nicht wirklich weiter.

Nicht die Kommunikationstechnologien sind es, die den Arbeitsalltag vergiften. Die herrschende Unternehmenskultur selbst ist toxisch für das menschliche Wohlbefinden und Technik ist da ein bisschen wie Tofu: Er ist dafür gemacht, beliebige Geschmäcker anzunehmen und wenn man ihn in Ekelplörre einlegt, kann er nichts dafür, dass er hinterher ranzig schmeckt.

Wer Technik pauschal ihrer selbst wegen verurteilt, ist blind gegenüber den Systemen, die sie hervorgebracht und nutzbar gemacht haben. Bürokratie ist unmenschlich, also sind ihre Algorithmen unmenschlich. Unsere Unternehmenskultur ist stressig, also stressen die von ihr genutzten Kommunikationskanäle auch. Der Kapitalismus bombardiert uns mit kurzen lauten Werbebotschaften, seit er die Möglichkeit hat, aber wahrscheinlich ist halt doch das Fernsehen der Übeltäter. 

Es gibt eine einfache Faustregel für die Analyse und Kritik von Technik: Seht euch gut an, in welchen Kulturen Medien mariniert werden. Aber sucht die Schuld nicht als erstes beim Tofu.

Kommentare

<3

Danke, danke, danke! Und ein Extra-Danke obendrauf für die Tofu-Metapher :)

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