Eine Post-Scarcity-Parabel

Ich hab mich häufiger mal mit der Frage beschäftigt, wie sich Geld und unser Wirtschaftssystem entwickelt haben. Und es fängt immer mit einer Schilderung von Tauschwirtschaft an: Stell dir vor, du hast einen Apfelbaum und dein Nachbar hat Milchkühe. Du hast zu viele Äpfel und dein Nachbar hat zu viel Milch. Also gibst du ihm Äpfel und du gibst ihm im Gegenzug Milch. So einfach, so sinnvoll, so fern von jeglicher Lebensrealität im Europa des 21. Jahrhunderts! Darum eine kurze Erzählung von meiner Nachbarin, Frau H.

Frau H. und ihr Mann wohnen im selben Haus wie ich. Sie besitzen im Park gegenüber einen Schrebergarten und in diesem Schrebergarten steht ein Quittenbaum. Eines Tages treffen mein Freund und ich beim Spazieren auf Frau H. in ihrem Garten und merken an, dass ihr Quittenbaum dieses Jahr ja wirklich sehr schön voll hängt. Sie stöhnt und sagt, ja, aber schwer zu verarbeiten seien sie. Und so viel können sie und ihr Mann ja gar nicht essen. Sie habe aber jemanden, der die Quitten ernte. Das ist gut, sagen wir. Quitten sind ja wirklich schwer zu verarbeiten. Aber auch lecker.

Einige Wochen später fängt Frau H. mich im Treppenhaus ab. Sie habe uns Quitten zur Seite gestellt. Ich, ein wenig perplex, bedanke mich und nehme 3,5 kg Quitten in Empfang. Wir kochen die Quitten ein, damit sie nicht verderben. Eines der Gläser möchte ich als Dankeschön zu Herr und Frau H. bringen. Aber als ich bei ihr an der Tür stehe, schaut sie mich ratlos und ein bisschen elend an und sagt: "Ich hab noch Quittenmus und -gelee der letzten fünf Jahre unten im Keller. Und Johannisbeeren, eingefrorene. So viele Johannisbeeren. Mögt ihr Johannisbeeren? Und das Quittenmus nimm mal wieder mit! Esst ihr das mal! Wir haben so viel und können so wenig davon essen."

Wir haben keinen Garten, keine Lebensmittel, die wir im Gegenzug anbieten könnten. Nicht mal meine Arbeit in Form der verarbeiteten Quitten will Frau H. im Gegenzug haben. Aber wir sind glücklich über die Quitten und Frau H. ist glücklich, dass das Obst nicht auf dem Rasen gammelt. Sie hat ja genug davon. Ein gutes Geschäft für beide Seiten.

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