Es war nicht alles schlecht

»Es war der 14. Juli 2014«, antworte ich meiner Tochter. Sie und ihr Bruder sind dieses Jahr vierzehn geworden und arbeiten jetzt, wie alle ihre Altersgenossen und -genossinnen in den öffentlichen Gärtnereien. Nicht lange. Nicht oft. Aber als Mitglieder der Arbeiterschaft erreichen Sie die ersten Erzählungen darüber, wie es früher war und die Fragen bohren ihre Wurzeln in den Nährboden ihrer Köpfe. Natürlich hört man überall davon. In der Schule, im Fernsehen, überall. Wie es dazu kam … nein, das haben sie noch nie gehört.

»Es war der 14. Juli 2014, kurz nach Mitternacht und Deutschland war Fußballweltmeister geworden.« Sie sehen mich verdutzt über das Feuer hinweg an. Ich grinse und nippe an meinem Bier. Sie werden bald verstehen.

»Fußball war damals … anders. Die Weltmeisterschaft war ein riesiges Event. Die FIFA, die das Turnier ausrichtete, war wie ein eigener, korrupter, parasitärer Staat, der sich alle vier Jahre einen neuen Wirt suchte, um sich opulente Stadien bauen zu lassen und Geld von Sponsoren abzusaugen. Es war die Zeit der Megakonzerne. Keine Profitgrenze, kein Stecklingssystem. Fußball war riesig, eine eigene Industrie. Und das Volk hat ihn gefeiert.«

Die Zwillinge tauschen einen Blick aus, um festzustellen, ob der andere weiß, wovon ich spreche. Ich werde ihnen ein anderes Mal erzählen, wie sich unser Wirtschaftssystem von dem damaligen unterscheidet. Wenn sie älter sind und eine reelle Chance besteht, dass sie den Wahnsinn verstehen, der damals auf dem ganzen Planeten wütete. Aber nicht heute. Heute geht es um die Revolution.

»Die Weltmeisterschaft fand in diesem Jahr in Brasilien statt, darum war das Finale so spät am Abend. Deutschland ist ausgerastet. Sie hatten seit Jahren auf den vierten Weltmeistertitel gewartet. Überall knallte und jubelte es. Die Leute fuhren in Korsos durch die Stadt, hupend und grölend, bis tief in die Nacht hinein.«

»Du auch?«, fragt Nicole.

Ich pruste und schüttele vehement den Kopf. »Ich hatte am nächsten Tag zu tun, ich lag wach im Bett und habe dem Radau draußen zugehört. Irgendwann dachte ich, sie würden nie wieder aufhören. Und so war es dann auch.«

Ich erinnere mich noch glasklar daran. In unserer Straße schmiss jemand Böller. Wir wohnten so nahe am Public Viewing im Park, dass ich das Gefühl hatte, jedes Auto auf der Welt würde durch unsere Straße fahren.

»Sie fuhren zuerst zu den Rathäusern. Dort sammelten sie sich, sahen, dass sie viele waren, und fuhren nach Berlin. Die Polizei war gnadenlos in der Unterzahl. Sie stürmten die Regierungsgebäude. Heute nennt man die Leute, die gefahren sind, die Autokorsaren

Ich konnte damals nicht glauben, was passierte. Aber all die Energien, all die Unzufriedenheit, die sich jahrelang angestaut hatten, haben sich in dieser Nacht entladen. Es war wie ein Feuerwerk des Volksbegehrens. Eine nationale Katharsis.

»Sie stürzten die Regierung und wählten eine Sprecherin. Ihre erste Amtshandlung in den Tagen darauf war es, die Steuern für Reiche und Unternehmen zu erhöhen. Viele Firmen verließen das Land. Sie verstaatlichten die Wasser- und Stromversorgung sowie die Telefonnetzbetreiber. Sie rieten der Bevölkerung zu Hamsterkäufen von Unterhaltungselektronik und Nahrungsmitteln. Die Dinge würden sich ändern.«

Die Erkenntnis schleicht sich in ihre Gesichter, als sie sich in unserem Garten umsehen. Es ist Frühsommer und die weißen Erbsenblüten leuchten im Feuerschein orange.

»Dann … gibt es erst seitdem die Gärten?«, will Benny wissen.

Ich nicke einmal langsam. »Früher haben die meisten Leute alles, was sie brauchten, in großen Läden gekauft. Wir nannten sie Supermärkte.«

»Alles?«, fragt er.

»Alles. Aber die meisten von ihnen mussten schließen, als die Lieferungen nicht mehr ins Land kamen. Wir wurden wieder Eigenversorger. Unabhängig und frei.«

Sie kennen es nicht anders. Die einzigen Läden, die sie kennen, ist der Grundstockladen im Erdgeschoss, wo man sich Zucker, Mehl und andere Dinge abfüllen kann, die man nicht mit den Nachbarn handeln kann.

»Das mit den Megakonzernen klingt voll gruselig«, seufzt Nicole.

»Sie waren so groß, dass wir vergessen hatten, das wir auch viele sind. Dass wir Dinge erreichen können, wenn wir wollen. Das ist es, woran wir uns erinnert haben, damals, in den flaggengeschmückten, heisergehupten Autos.«

»Das muss echt schrecklich gewesen sein.«

»Wir hatten Twitter.« Ich verziehe wehmütig das Gesicht. »Es war nicht alles schlecht.«

Ich stehe auf und gehe an die Brüstung des Gartens. Bohnen- und Tomatenpflanzen ranken sich daran hinauf und suchen wie ich nach der kühlen Brise. Unter unserem sehe ich leicht versetzt den Garten-Balkon der Familie Malinowski. Am Fuß der Pyramide erstrecken sich die Getreidefelder und die Tierweiden. Im schwachen Mondlicht kann man die Solarfelder dahinter kaum erkennen. Es ist still, nur die Windräder drehen sich unermüdlich im Nachthimmel.

Nein, es war nicht alles schlecht. Aber es war längst nicht alles gut.

Kommentare

Niedlich

Eine witzige Vorstellung, aber vermutlich gibt der Text auch schon den Grund an, warum es eben nicht zu einer solchen Revolution kommen würde: Verzicht auf Annehmlichkeiten.
Und ehrlich: Wenn die Unterhaltungselektronik hier verschwindet, bin ich auch weg. ;)

Danke

Danke für den Kommentar. :3

Ja, das ist das Problem an allem, was mit Nachhaltigkeit zu tun hat: Wir könnten vielen Luxus nicht behalten. Auch wenn ich nicht wirklich glaube, dass das Internet nicht überleben würde. Nur die großen Firmen, die hinter sowas wie Twitter oder Facebook stehen … die mussten dran glauben.

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