Essen und Sex

Ich hasse es, dass es diese Verbindung überhaupt gibt. Ich hasse, hasse, hasse es, dass Sex und insbesondere -- machen wir uns nichts vor -- Frauen zu Objekten von Konsum herunterstilisiert werden und ich hasse es genauso, dass Essen, dieser rudimentären lebenserhaltenden Tätigkeit, etwas Anrüchiges angedichtet wird. Ich hatte lange ein vages Gefühl, dass es kein Zufall ist, dass ich Feministin und Vegetarierin (uh-oh, ich Spaßbremse, ich) bin, aber ausgerechnet über Nelly McKay bin ich auf ein Buch gestoßen, das die von mir vermutete Verbindung näher beleuchtet: The Sexual Politics of Meat von Carol J. Adams.

Das TL;DR des Buches ist ungefähr dieses: Fleisch war schon immer ein als "Männeressen" gegendertes Nahrungsmittel, Frauen und (insbesondere weibliche) Tiere werden zu Objekten des Konsums verdinglicht, weswegen Essen (und besonders eben Fleisch) häufig sexualisiert wird, während Frauen als bloßes "Fleisch" und somit als Konsumware dargestellt werden.

In beiden Fällen gibt es eine "is asking for it"-Narrative und wenn ich Freud mal bemühen darf und eigene Erfahrungen hinzuziehe, dann reagieren Männer extrem empfindlich auf den Vorschlag einer fleischlosen Ernährung (wir erinnern uns alle an die Veggie-Day Debatte), als wäre Fleischkonsum eine Messlatte für Virilität. Messlatte. See what I did there?

​Kastrationsängste hin oder her: Frauen werden in ihrer Gleichsetzung mit Fleisch Objekte des männlichen Konsums, sie werden buchstäblich entmenschlicht und geschlachteten Tieren gleichgesetzt. Das könnte mit ein Grund sein, warum männliche Homosexualität aus irgendeinem Grund immer wieder mit Sex mit Tieren gleichgesetzt oder zumindest in Verbindung gebracht wird ("Und als nächstes dürfen wir Schafe heiraten, oder was?"): Homosexuelle Männer machen sich selbst zum Objekt des "Konsums", sie begeben sich auf eine Stufe mit dem gewöhnlichen Lustobjekt von Männern, nämlich Frauen, und in der Konsumnarrative ist das ganz offensichtlich dieselbe Stufe wie ein Tier. 

Irgendwie ironisch, dass es für viele Männer so eingängig zu sein scheint, dass alles, dem man eine sexuelle Konnotation geben kann, zum Objekt degradiert wird. Viel ironischer noch, wenn Frauen das Argument bringen. "Warte, Sex mit Männern macht einen also zum Tier? Und das heißt du bist ...?" (Ich spreche hier absichtlich im Gender-Binary, da ich auf die konservativen Rollenbilder referiere, außerdem haben LGTBQ-Menschen meist eine etwas reflektiertere Perspektive auf den ganzen Komplex.)

Können wir uns bitte darauf einigen, dass Sex (im Normalfall) zwischen Menschen, also vollwertigen Subjekten mit Gefühlswelt und allem drum und dran passiert, kein Akt des Konsumierens ist und das einzig Tierische daran ist, dass Tiere es auch tun? Und dass es bitte nichts mit toten Dingen zu tun hat?

Und im Gegenzug ist Freude am Essen nichts Unanständiges, nicht mal für Frauen.

Totes Fleisch ist einfach nicht sexy. Denkt mal ganz scharf drüber nach, was es über die eigene Sexualität aussagt, wenn man sowas mit Sex gleichsetzt.

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