Feindesland

Auf dem Akustikkonzert von Pain of Salvation, das ich neulich besuchen durfte, hat sich Frontman Daniel Gildenlöw über eine Zeile in einem Lied mockiert, das er mit fünfzehn Jahren geschrieben hatte: Although my pain is larger than the Universe. "Diese Größenordnung von Schmerz", scherzte er, "ist exklusiv für Leute in diesem Alter reserviert."
Ich bin jetzt zehn Jahre älter und mein ständiger Begleiter ist nicht der Weltschmerz der Jugend, sondern eine existenzielle Angst, die ich mir mit fünfzehn noch nicht einmal vorstellen konnte.
Fünfundzwanzig.
Ein Vierteljahrhundert. Da macht sich ein Mädchen Gedanken.
In meinem Alter war meine Mutter bereits Mutter, mein Vater bereits Vater und meine Großmutter erachtete sich als "kein junges Mädchen mehr". Mir sagt man, ich sei noch jung. Die Zukunft gehöre mir. Aber trotzdem wühlt in mir die Angst, die ich in dem gehetzten Blick meiner Altersgenossen wiederfinde: Was soll nur aus uns werden?

Stein des Anstoßes für diesen Artikel ist ein Post von @kattascha, der einem aus der Seele schreit: Unsere Generation, die der unter 35jährigen, denen es doch "so gut geht", ist eine Minderheit, die im Zustand permanenter Krisen aufgewachsen ist. Wir werden nicht bezahlt, wir sollen die Renten einer überalternden Bevölkerung finanzieren und zudem noch die Zukunft des Landes mit ausgelebter Fruchtbarkeit sichern. Wir glauben nicht an die Macht der Märkte, wir glauben nicht an Wachstum. Überall in Europa rumort es. Die Jungen lehnen sich gegen den Macht- und Meinungsmonolithen der Babyboomer-Generation auf. Und doch verharrt der Großteil von uns in ohnmächtiger Lähmung.

"Wenn es euch nicht passt, ändert was", krähen die Kommentare. "Ihr wehrt euch ja nicht! Und überhaupt: Setzt einfach ein paar Kinder in die Welt, dann wird alles besser."

Liebe Elterngeneration,
wie zum Teufel sollen wir denn Kinder ernähren, wenn sich die Arbeitgeber zieren, selbst für die gut und best ausgebildeten von uns Sozialabgaben zu zahlen? Wenn wir es uns finanziell nicht leisten können, den Studentenstatus aufzugeben, weil jenseits nichts als schlecht und nicht bezahlte Praktika und Volontariate warten? Wenn erwartet wird, dass wir alle halbe Jahre umziehen, weil Flexibilität gerade the thing ist? Was, wenn wir darüber hinaus nicht zu den Arbeitsmarkteinhörnern der mysteriösen "Fachkräfte" oder den Allzweckwaffen der BWLern gehören? Sollen wir Kinder in den Studentenbuden der Randghettos großziehen, wohin uns die große Freiheit der befristeten Arbeitsverhältnisse verbannt hat?

"Digitale Bohème", nennen sich einige von uns mit fehlplatziertem Pathos. Employability ist der wichtigste unserer Charakterzüge geworden. Wir alle sind eigenverantwortliche Teamplayer mit aussagekräftigen Praktikumszeugnissen und Auslandserfahrung. Wenn die Sprache auf ehrenamtliches Engagement und Projekte aus Eigeninteresse kommt, taucht dieser leere Glanz in den Augen auf. "Das macht sich suuuuper im Lebenslauf." Wir sollen die Generation über uns unterstützen, die uns nicht bezahlen will, die Generation unter uns aufbauen, die uns nicht bezahlen kann und nebenbei Welthunger, Klimawandel, Malaria und all die bewaffneten Konflikte auf der Welt beenden. Außerdem sollten wir unsere Work-Life-Balance im Auge behalten. Sonst wären wir ja ein Risiko für unseren Arbeitgeber. Uneinstellbar. Digitales Prekariat, das ist es, was wir sind.

"Weil ihr so politikverdrossen seid. Wehrt euch doch!"

Wie soll man sich in einer Demokratie wehren, wenn die Demografie einen entmachtet? Der demografische Wandel, diese Zwiebel des Verderbens, dieses Damoklesgemüse, das permanent über unseren Köpfen schwebt, sagt vor allem eines aus: Dass wir nichts zu sagen haben. Die Mehrheit, Macht und Finanzkraft liegt bei den gut Situierten jenseits der fünfzig Jahre, die uns Leistungen abverlangen, die sie nie erbringen mussten, und das für ein Gehalt, von dem sie sich nicht einmal vorstellen könnten, zu leben. Sie danken es uns, indem sie Steuern hinterziehen und die Sozialleistungen kürzen. Wenn wir uns nicht wehren, sind wir ja selbst schuld. Sie verhalten sich wie Raubtiere, die die Herde ausmerzen, von der sie sich ernähren. So langsam schwant ihnen das und sie drängen, dass wir uns möglichst schnell und üppig fortpflanzen, damit ihnen die Human Resources, der menschliche Grundstoff, von denen ihre Idee des Wachstums sich nährt, nicht ausgehen. Der deformierte Bevölkerungs-Rorschachklecks, in dem sich unser Dilemma niederschlägt, soll am Sockel wieder breiter werden. Das ändert jedoch nichts an der Sollbruchstelle in dem Diagramm, die unsere Generation darstellt. Nicht nur zehrt die Elterngeneration an uns, jetzt sollen wir auch noch eine große Nachfolgegeneration aufbauen, aber wenn wir unsere Kinder in Kitas stecken, sind wir Rabeneltern.

Aber Kinder, das ist das Wichtigste, sollen wir auf jeden Fall in die Welt setzen. Wenn das so leicht ist warum gibt es dann so wenige von uns? Warum haben die Babyboomer nicht mehr Kinder bekommen, wo sie doch unter den schützenden Fittichen des Marktes und der Politik großgeworden sind, die sich nach ihren Bedürfnissen, den Bedürfnissen der Mehrheit gerichtet hat und immer noch richtet? Do ut des, habe ich in der Schule gelernt, das ist unser Generationenvertrag: Ich gebe, damit du gibst. Aber Demokratie ist die Macht der Mehrheit und wenn die sich gegen eine ganze Generation richtet, dann geht einer leer aus. Meine Generation wurde in die Mühlen der Babyboomer gespannt und hat es treudoof in der Hoffnung auf einen warmen Stall und eine tägliche Portion Hafer hingenommen. Doch anstelle von Schutz und Sicherheit, wurden wir nie wieder ausgespannt, sondern dafür ausgepeitscht, dass wir nicht die Muße finden, uns neben der Arbeit ausreichend fortzupflanzen.

Beim Pläne Schmieden sagt mein Freund, dass Überleben alleine nicht reicht. Dass das keine Perspektive ist.
Ich gebe ihm Recht. Aber die Angst, nicht einmal das zu schaffen, macht zumindest mich zu einem nervösen Wrack, wie es nicht einmal der pathos- und hormongeschwängerte Weltschmerz einer Fünfzehnjährigen aus mir gemacht hat.

Das Unheimliche ist nach Heidegger das verstörende Gefühl, nicht zuause zu sein. Es ist die Angst vor der Unsicherheit, also die Angst vor der Angst selbst.

Dieses Land ist mir unheimlich geworden.

Neuen Kommentar schreiben

To prevent automated spam submissions leave this field empty.

Plain text

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
CAPTCHA
Diese Frage testet, ob du ein Mensch bist oder nicht.
N
6
8
r
z
w
Enter the code without spaces.