Geert Lovink - Das nihilistische Moment im Bloggen

Blogs bringen Verfall. Jedes neue Blog soll seinen Teil zum Untergang des Mediensystems beitragen, das einst das 20. Jahrhundert dominierte. Diese Entwicklung hat nichts von einer plötzlichen Explosion. Die Erosion der Massenmedien kann nicht einfach an stagnierenden Verkaufszahlen und einer schwindenden Leserschaft abgelesen werden. In vielen Weltregionen ist das Fernsehen weiterhin auf dem Vormarsch. Was jedoch deutlich abnimmt, ist der 'Glaube an die Botschaft'. Das ist das nihilistische Moment, und Blogs fördern diese Kultur wie keine andere Plattform vor ihnen. Was von den Positivisten als Kommentare in Bürgermedien verkauft wird, unterstützt in Wirklichkeit die Nutzer dabei, den Schritt von der Wahrheit zum Nichts zu gehen. Die gedruckte und gesendete Botschaft hat ihre Aura verloren. Nachrichten werden als Waren konsumiert, die einen gewissen Unterhaltungswert besitzen. Statt über die ideologische Färbung der Nachrichten zu klagen, wie es frühere Generationen taten, bloggen wir als Zeichen einer wiedergewonnenen Macht des Geistes. Als mikroheroischer, Nietzscheanischer Akt der 'Pyjama-Menschen' erwächst Bloggen aus einem Nihilismus der Stärke, nicht aus der Schwäche der Pessimismus. Anstatt Blogs immer wieder von Neuem als Instrumente der Selbstvermarktung zu präsentieren, sollten wir sie vielmehr als dekadente Artefakte interpretieren, die aus der Ferne die verführerische Macht der Sendeanstalten demontieren.

Aus: Lovink, Geert: Zero Comments. Elemente einer kritischen Internetkultur. Transcript/Bielefeld, 2008. S. 53.

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