"Gut"

Ich hatte gestern vollkommen überraschend und unbeabsichtigt eine kleine Kontroverse mit Lotso, die ich irgendwann abgewürgt habe, die mich aber ein bisschen zum Nachdenken über die wahrgenommene Qualität von Medien angeregt hat. Ganz unabhängig vom persönlichen Geschmack, den man nicht wirklich hinterfragen und als Kriterium heranziehen kann: Wann nimmt man ein Buch/Film/Videospiel, kurz eine Geschichte als "gut" wahr? Zur Illustration meiner Gedanken werde ich bewusst drei Texte nehmen, die ich nicht "gut" finde: Effie Briest, Avatar -- Aufbruch nach Pandora und The Witcher 2.

Zunächst mal das literarische Beispiel: Effie Briest, dieses Miststück, das es fast geschafft hätte, mir die Lust am Lesen zu verleiden. Effie Briest ist so langweilig, es gibt gar keine Worte dafür. Man weiß, wo welche Blume im Garten steht, aber einschneidende Erlebnisse der Protagonistin wie z.B. eine fucking Schwangerschaft werden nur am Rande in einem flauschigen Euphemismus erwähnt. (Zumal nie ganz deutlich wird, wie das eigentlich passiert ist, weil sie und ihr Mann getrennte Schlafzimmer haben und ... na ja.) Das, was mich an Effie Briest aber am meisten gestört hat, ist, dass ich mir eingestehen musste, dass es nicht schlecht gemacht ist. In der Analyse ist es dankbar, der Stil spiegelt die beschriebene Gesellschaf wieder, die Blumen im Garten sind natürlich super wichtig und so ...  aber es war immer noch nicht "gut".

Effie Briest hat als Unterhaltung den Charme einer Mathevorlesung. Natürlich macht das alles Sinn, was da erzählt wird. Natürlich sind das hochkomplexe Zusammenhänge. Aber das macht das Lesen noch nicht zu einem Wohlgenuss. Es hat nicht die ziselierte Schönheit der Sprache, die mich selbst in der Mittelstufe zur Goethelektüre motiviert hat, und auch nicht die rohe Emotionalität eines Schillerschen Kabale und Liebe, das trotz der veralteten Konfliktkonstellation immer noch mitreißt. Effie Briest ist wie eine lieblose Übung auf der literarischen Klaviatur: Technisch hoch anspruchsvoll, aber für den unbedarften Hörer vollkommen reizlos.

Ganz anders Avatar, diese epische Neuerzählung von Pocahontas/der mit dem Wolf tanzt IN SPAAAACE und der Farbpalette des "letzten Einhorns". Erwartungen in unserem Studiengang waren hoch. Die Technik war neu und aufregend, das Budget zu der Zeit unerhört und Cameron ist ein großartiger Storyteller. Als wir ihn schließlich gesehen hatten (ich erinnere mich an einen langen Marsch durch den Schnee, weil wir das unbedingt auf dem damals einzigen guten Projektionssystem in der Nähe schauen wollten), war die Stimmung diffus.

Der war doch nicht gut, oder?

Einer meiner Kommilitonen fragte Vinzenz Hediger, unseren filmwissenschaftlichen Guru. "Fanden Sie den gut?"
Unser Dozent pausierte kurz. Dann sagte er: "Es ist ein Film, der all seine Versprechen erfüllt hat. Ja, es ist ein guter Film."
Atemloses Entsetzen. Dieser Connaisseur der Filmkunst fand Avatar, diese mikrowellenwarme Restverwertung ausgelutschter Stoffe und Tropen, gut?

Meine intellektuelle Unsicherheit darüber, wie ich den Film beurteilen sollte, kam daher, dass mein akademisches Verständnis -- all das Wissen über Monomythos, über Genrebildung und Rezipientenerwartungen -- mit meinem persönlichen Empfinden kollidierte. Das war ein handwerklich guter, ein sogar sehr guter Film. Und ich mochte ihn nicht, weil die Geschichte, die er erzählte, zu durchschaubar und zu unoriginell war. Weil er zu kitschig für meinen Geschmack war. Weil er schlicht und ergreifen nicht für mich gemacht worden war, sondern ein anderes Publikum. Viele meiner Nicht-Medienwissenschaftler-Kommilitonen waren begeistert von dem Film. 

{Manchmal wünschte ich mir eine Warnung am Anfang von Filmen: Das hier ist nicht für dich.}

Und was ist mit Videospielen? Als ich auf meinem alten Blog eine Rezension zu The Witcher 2 geschrieben habe, habe ich es so formuliert: The Witcher 2 ist nicht schlecht, es ist nur schlecht definiert.
The Witcher 2 ist grandios angelegt und in jedem Teilaspekt gescheitert: Die Grafik und Texturen sind großartig, aber die Environments linear und starr. Die Charaktere sind detailreich und individuell, aber ihre Gesichter leblos. Das Storytelling ist prominent und originell, aber die Story ist schwerfällig und unzugänglich. Das Kampfsystem ist einzigartig, aber in Scriptet Events vor jedem Boss Fight out of order und überhaupt hat das Tutorial einem nicht wirklich gesagt, wie es funktioniert.

Die meisten Spiele haben einen Teilaspekt, den sie perfektioniert haben. Diablo 2 Balancing, Skyrims Erkundungsmechanismen, die Gesichtsanimationen in Monkey Island V ... diese Spiele haben alle Schwächen, aber sie brillieren in diesem einen Aspekt so sehr, dass man ihnen die Schnitzer in anderen Bereichen verzeiht. The Witcher 2 war zu ambitioniert. Nichts an dem Spiel war so gut, dass es als Alleinstellungsmerkmal funktioniert hätte. (Disclaimer: Ich habe gehört, dass Patches viele dieser Issues zumindest ausgebessert haben, ich berichte hier von meinen Erfahrungen mit der Release Version.)

Im Konglomerat war es nicht schlecht. Aber es war eben auch nicht gut.

TL;DR: Das Qualitätsurteil "gut" hängt weniger mit der technischen Ausführung eines Textes zusammen als mit der Rezeptionsästhetik und dem Umgang mit Erwartungen. Wenn etwas theoretisch funktioniert, muss es noch nicht mitreißend sein (Effie Briest), wenn es handwerklich einwandfrei gestrickt ist, muss es nicht neu und originell sein (Avatar) und wenn viele Dinge bedacht, aber nur halb gut umgesetzt wurden, bleibt der Eindruck eben auch halb gut (The Witcher 2).

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