Hansen

Ich werde einmal eine Geschichte schreiben, in der der Antagonist den Namen Mark Hansen trägt. Da bin ich mir relativ sicher. Meine anfängliche Euphorie über meine mündliche Prüfung und der damit einhergehenden Beschäftigung mit Themen, die mich interessieren, kam zu einem abrupten Halt, als ich versuchen musste, Hansen zu verstehen.

Dabei ist sein Ansatz eigentlich sehr interessant. Ich versuche mal, das hier ohne den philosophischen Unterbau kurz darzustellen:
Die herkömmliche Medientheorie beschäftigt sich verständlicherweise mit dem Einfluss, den Medien auf uns haben, nachdem wir sie wahrgenommen haben. Klingt erstmal logisch, denn wenn man ein Medium nicht wahrnimmt, hat es auch keinen Einfluss auf einen, oder? Oder?
Hier würde Hansen sagen: Au contraire! (Aufgrund seiner Zuneigung zu französischen Philosophen bin ich mir relativ sicher, dass er Französisch spricht.) Das Besondere an Medien des 21. Jahrhunderts ist eben genau, dass sie unsichtbar sind. Dies hängt vor allem mit der Verbreitung des Prinzips des ubiquitous computings​ zusammen: Wir haben nicht mehr einen Rechner pro Person. Unser Handy ist ein Rechner, unsere Musikanlage ist ein Rechner, unser Herd, unsere Waschmaschine … digitale Technologie verteilt sich in unsere Umwelt und ist darum nicht mehr als technisches Objekt wahrnehmbar.

Toll. Was heißt das jetzt, für die Medienwissenschaft? Das heißt, dass wir ein bisschen schärfer nachdenken müssen, wenn wir die Effekte von Medien auf uns, unseren Alltag, auf Politik und Macht überdenken wollen. Denn obwohl wir sie nicht sehen oder hören durchdringen die digitalen Medien unsere Umwelt. Sie zeichnen Daten über uns und die Welt auf, prozessieren diese und leiten sie eventuell irgendwann weiter an einen menschlichen Empfänger. Aber dieser menschliche Empfänger, der Zugriff auf das technisch verteilte Empfindungsvermögen, wie Hansen das nennt, hat, der hat eine privilegierten Zugriff auf die Bedingungen, die unsere Erfahrungen formen, bevor wir uns ihrer bewusst werden.

Medien speichern und übertragen also nicht mehr (nur) die Vergangenheit: Technik analysiert die Gegenwart in Echtzeit und das auf Skalen, die unserer Wahrnehmung nicht zugänglich sind. Sie können uns eine Schnittstelle zu diesen Daten öffnen, müssen sie aber nicht. Das Blöde ist, dass man durch die Gegenwart viel über die Zukunft wissen kann und das heißt, dass ein privilegierter Zugriff auf die Sphäre der digitalen Daten eine privilegierte Einschätzung der Zukunft ermöglicht. Was das im Lichte der Snowden-Enthüllungen heißt, überlasse ich jetzt mal eurer Fantasie. 

Hansen möchte aber nicht auf Gefahren hinweisen, die diese Entwicklungen mit sich bringen, vielmehr will er einen pharmakologischen Ansatz für Medien des 21. Jahrhunderts entwickeln: also dass Medien zwar, ja, traditionelle Sphären der menschlichen Wahrnehmung entwerten, aber dass sie die menschliche Wahrnehmung in gleichem Maße bereichern und hier möchte ich ihm zustimmen. Was diese Beobachtungen jedoch mit sich bringen, ist ein theoretischer und politischer Imperativ: Diese neue Handlungsmacht der Technik muss erfasst und auf mögliche Anwendungen jenseits politischer Macht und Ökonomisierung bedacht werden.

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