How to Care when Nothing Matters

[CN: philosophische Diskussion von Suizid]

Nennt es, wie ihr wollt: Kontingenz, postmoderne Beliebigkeit, die Liberale Gesellschaft™. Die Welt ist heutzutage schwer unter einen Hut zu kriegen. Ein Mensch kann sein Leben dem queer-feministischen Aktivismus widmen, Klimawandel und/oder globale Armut bekämpfen, Tiere retten oder sich nur für die nächste Gehaltserhöhung und die Inneneinrichtung des Familienhäuschens interessieren. Das alles sind legitime Lebensentwürfe. Wenn aber alles wichtig sein kann, heißt das auch, dass nichts so richtig wichtig ist. Die gesamtgesellschaftliche Unfähigkeit zur Priorisierung führt dann zu so haarsträubenden Phänomenen wie dem deutlichen Rechtsruck der westlichen politischen Landschaft in den letzten Jahren, dessen Akteure bei moralischer Kritik gerne "Zensur!" schreien -- in einer demokratischen Gesellschaft sei ja schließlich jede Meinung zu akzeptieren. Eine demokratische Gesellschaft heißt jedoch nicht, dass es sich um eine amoralische Gesellschaft handeln muss. Und auch wenn alles gleich wichtig oder unwichtig ist, gibt es Grenzen der Beliebigkeit. Let's escalate this, shall we.

Ich weiß nicht, ob das allgemein bekannt ist, aber ich beschäftige mich ein bisschen mit Nihilismus. Dass Nihilismus nicht gerade ein gutes Fundament für Moral ist, dürfte spätestens seit Nietzsche allgemein bewusst sein, aber Moral komplett über Bord zu werfen, halte ich für ein klein wenig faul. Leicht macht das Denken übers Nichts es einem jedoch nicht. Das Denken über das Nichts ist das Denken in den allergrößten Maßstäben. Wenn du deinen Referenzrahmen ins Unendliche skalierst, ist selbst das grenzenlose expandierende Universum kaum mehr als eine Unregelmäßigkeit im Nichtsein. Und im Großen und Ganzen ist die Menschheit so ziemlich das Letzte, was zählt. Leider kann ich aber nichts dagegen tun, dass ich nun mal existiere und ein Mensch bin und mich irgendwie verhalten muss. Da mein Verhalten im Großen und Ganzen jedoch egal ist, muss ich meinen Referenzrahmen wieder verkleinern. Und zwar so weit, bis mein Verhalten wieder einen absoluten Wert hat: Nämlich für mich selbst. Ich bin mein eigener Referenzrahmen, an dem ich mich messen muss. Die offensichtliche und faulste Schlussfolgerung daraus wäre Hedonismus und Egoismus: Ich handele so, dass ich den größtmöglichen Vorteil und die größtmögliche Freude habe.

Diese Einstellung gibt es zuhauf. Der Kapitalismus liebt diese Einstellung. Begehren ist leicht herzustellen und lässt sich dann gewinnbringend befriedigen. Für mich ist diese Ableitung aus dem Nihilismus jedoch, na ja, wie soll ich sagen, ein klein wenig zu optimistisch. Party-Nihilismus. Was mich überhaupt erst zum Nachdenken über das Nichts gebracht hat, ist nämlich Leid. Leid ist überall. Jede_r leidet. Auf kleine oder große Weise, andauernd oder ab und zu, bewusst oder unbewusst. Wir kommen schreiend auf die Welt, fürchten uns das ganze Leben lang vor dem Tod und dem Finanzamt und dann ist es vorbei. Das ist doch kacke. Leben ist Leiden und die einzige Möglichkeit, Leid vollkommen zu vermeiden, ist, nicht zu leben. Diese Einstellung nennt man in der Philosophie Pessimismus. Ja, Pessimismus wie in "Das kann doch nur schiefgehen". Die offensichtliche Schlussfolgerung aus Pessimismus wäre Selbstmord. Das einzige ernste philosophische Problem, laut Camus. Aber Suizid ist genauso eine egoistische Auslegung von Pessimismus, wie Hedonismus eine egoistische Auslegung von Nihilismus ist. Kann man von dieser Position aus noch leben und wenn ja wie? Ich habe für mich folgende Antwort gefunden: (Und Junge, Junge, musste ich eine Antwort finden, denn ich hab mich da in eine ziemliche Misere gedacht.)

Es gibt für mich eine absolute moralische Wahrheit: Leid ist schlecht. Und jetzt kommt der Trick: Sowohl in meiner, als auch in jeder anderen Person. Und hier wird Pessimismus als moralisches Fundament interessant. Denn er führt dann zur Umkehrung des Grundsatzes "das Größte Glück der größten Zahl" des Utilitarismus: Gutes Verhalten hat als Ziel das geringste Leid der geringsten Zahl. (Wir sind hier im Bereich des negativen Utilitarismus oder auch einer Art Proto-Buddhismus. Leute mit Aggressionsproblemen könnten daraus ableiten, dass das einzig Moralische die Auslöschung sämtlicher wahrnehmender Daseinsformen ist, aber na ja, ich bin halt auch nur ein Mensch und verhindere Leid lieber mit Zimtschnecken und kleinen Präsenten.) Suizid kommt aus dieser Perspektive nicht mehr in Frage, denn das würde großes Leid für eine große Zahl von Menschen (Freunde und Familie) verursachen.

Die Maxime der Leidensminimierung ist meiner Meinung nach ein ziemlich solider moralischer Leitfaden. Vegetarische Ernährung, Inklusion, Akzeptanz der unterschiedlichsten Identitäten, nett zu sich selbst sein -- alles mit drin. Sie erlaubt mir auch, etwas als moralisch verwerflich zu beurteilen, nämlich wenn eine Haltung oder ein Verhalten Leiden vermehrt. Ganz klar sind hier jegliche Formen von Gewalt, Diskriminierung und Ausbeutung verwerflich. Ebenso verwerflich ist aber Gleichgültigkeit. Denn Gleichgültigkeit anderen oder dir selbst gegenüber, kann nur zu Leid führen. Auf Englisch könnte man schön sagen: The worst thing to do is not to care. (Oder auf Schwäbisch: S'Schlimmschde isch, net zu kehren. Hahahaha Schbässle g'macht omg es tut mir so leid.)

Anders als die Fixierung auf Glück, was immer die Befriedigung eines Verlangens mitdenkt und aufgrund der Natur von Befriedigung auf immerwährende Steigerung des Glücks hinausläuft (Hello there, Capitalism!), eröffnet die Orientierung an der Leidensminimierung die radikale Position, dass nichts zu tun, nichts zu wollen, eine moralisch gute Position ist. Denn wer nichts will, hat keinen Mangel aka Leid. Minimierung von Leid ist also auch eine Minimierung von Begehren. Wie gesagt: Proto-Buddhismus. Wenn dir der absolute Verzicht jedoch genauso schwer von der Hand geht wie mir, ist das noch nicht das Ende der Fahnenstange: Dein Leid hat genauso Substanz wie das Leid anderer. Minimiere also das Leid anderer nur so weit, wie du dein eigenes Leid ertragen kannst. Wenn du das Leid anderer minimieren kannst, ohne dein eigenes zu steigern: Perfekt!

Die Vorstellung, von der sich der_die_das geneigte Pessmist_in_lon jedoch verabschieden muss, ist, das Leid anderer dabei bewerten zu dürfen. Wenn jemand dir sagt, dass er_sie_es leidet, dann hast du das so hinzunehmen und nicht zu relativieren. Leid ist ein Boolscher Wert: Es ist entweder da oder nicht. First World Problems sind daher nicht von der Hand zu weisen und ebensowenig ist das Leiden von z.B. jungen Leuten oder psychisch Kranken zu relativieren: Nur weil das Leiden sich mir selbst nicht erschließt, heißt es nicht, dass es nicht existiert. Leiden ist für mich eine existenzielle Konstante, eine absolute Wahrheit und es ist nicht mal eine Glaubensfrage, denn ich weiß, dass ich leide und ich muss davon ausgehen, dass jedes andere Leben genauso leidet.

Wie löse ich also das Lebowski-Dilemma? How do I care when nothing matters? Ich glaube weiterhin an keine unserer großen Erfindungen. Nicht an Gott, nicht an Kultur, nicht mal an die Menschheit in ihrer Gesamtheit. Ich nehme nur das hin, was ich wahrnehmen kann: Personen und ihr Leid. Das kann ich nicht wegphilosophieren. Und das gleichgültige -- und in meiner Logik daher böse -- Universum produziert genug Leid. Das einzig Moralische ist, es für mich und alle anderen so gut im Zaum zu halten, wie es geht.

Neuen Kommentar schreiben

To prevent automated spam submissions leave this field empty.

Plain text

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
CAPTCHA
Diese Frage testet, ob du ein Mensch bist oder nicht.
n
2
m
H
2
7
Enter the code without spaces.