Identitätsurlaub

Alles, was man tut, um sich selbst als von anderen unterscheidbares Individuum wahrzunehmen, nennt man in der Soziologie Identitätsarbeit. Ich mag den Begriff ganz gerne, denn er drückt aus, was es wirklich ist: Arbeit. Wir sind über 7 Milliarden Menschen, aber irgendwie sollen wir uns von allen anderen unterscheiden, lediglich mit uns selbst identisch sein und unsere Identität auch irgendwie artikulieren können. Ich finde das ... anstrengend. Viele haben Spaß daran, sich zu stylen, auszudrücken, auszuprobieren, buchstäblich "zu sich selbst zu finden". Und da ich gerade im Zuge meiner Überlegungen zur Masterarbeit auch das Konzept der Heimat reflektiere und in diesem Zuge über Räume der Freizeit nachdenke, bin ich unweigerlich auf das Konzept des Urlaubs, genauer gesagt der Urlaubsreise gekommen, welche in meiner Arbeit leider keinen Eingang findet.

Eine Urlaubsreise ist Freizeit in der Fremde. Man erlebt viel Neues, man gewinnt Abstand zum Alltag und der Arbeit. Wozu man hingegen wenig Abstand gewinnt, ist man selbst. Zumindest habe ich das Gefühl, dass Urlaubsreisen immer häufiger mit in die Zukunft gerichteten Praktiken der Nacherzählung, der Dokumentation und der ästhetischen Aufbereitung einhergehen. Bilder müssen tagesaktuell auf Facebook hochgeladen werden, für die Freunde und Verwandten gibt es natürlich eine HD-Foto-Slideshow mit passender musikalischer Untermalung (true story!) und wehe man kommt aus dem Urlaub, ohne ordentlich Farbe bekommen zu haben. Dann gibt es natürlich auch noch Reiseblogs und diverse Möglichkeiten, das Erlebte ästhetisch zu konservieren. Souvenirs, Bildbände, solche Dinge. Das alles ist dann "mein Urlaub". "Unsere Reise". Ein Erlebnis, das man sich angeeignet hat und das in seiner symbolischen Aufladung in seiner Nacherzählung widerspiegelt, wer man ist.

Die Sache ist die: Setzt man sich in diesen Praktiken nicht immer schon unterbewusst mit der auf den tatsächlichen Urlaub folgenden Erzählung auseinander? Imaginiert man sich nicht schon wieder zuhause im Kreis der Bekannten? Projizieren die Praktiken der Dokumentation nicht die Zukunft in die Gegenwart und überlagert diese dadurch mit den sozialen Anforderungen, die einen zurück am Wohn- und Arbeitsort erwarten?

Und im Anschluss stellt sich die Frage: Wäre Urlaub nicht viel entspannter, wenn man den Alltag -- auch in Form der eigenen Identität -- zuhause lässt? Kann man sich frei von sich selbst nehmen?

Ich will hier nicht in einen "Wer-nur-durch-den-Fotoapparat-sieht-verpasst-die-Realität"-Rant münden. Ästhetische Praktiken sind durchaus nützlich, um sich mit etwas auseinanderzusetzen. Aber wie beeinflusst es die Erholsamkeit von Urlaub, wenn man diese ästhetischen Praktiken benutzt, das, was man sieht, zu untersuchen, nicht um es nachzuerzählen? Ein Impressionstagebuch statt einem Reisebericht. Detailaufnahmen statt Selfies vor Sehenswürdigkeiten.

"Du machst immer nur Bilder von Landschaften", hat mir mal irgendwer vorgeworfen. "Nie von dir oder Freunden."
Natürlich, dachte ich mir, die Leute nehme ich ja wieder mit. Und mich selbst auch. Ich bin gerne an fremden Orten und ich bereite diese auch gerne ästhetisch auf. Aber ich brauche kein Foto von mir, um mich meiner Anwesenheit an diesem Ort zu entsinnen. Aber ohne einen selbst im Bild entbehrt eine Fotografie eines fremden Orts für jene, die ihn nicht besucht haben, natürlich jeglicher Bedeutung. Man selbst ist die gemeinsame Referenz der Erfahrung. Und wenn die Bilder uninteressant sind, taugen sie nicht zur Selbstinszenierung.

Diese defizitäre Urlaubspraxis meinerseits macht aber in dem Hinblick darauf, dass ich Identitätsarbeit als anstrengend erlebe, doch Sinn: Ich mache nicht nur Urlaub. Ich mache Identitätsurlaub. Ich versuche nicht, durch Urlaub "zu mir selbst zu finden", sondern im Gegenteil, durch die neuen Eindrücke Distanz zu mir selbst aufzubauen. Dem Zwang der Ich-Artikulation zu entkommen. Anonym sein und diese Anonymität genießen. Besonders jetzt, wo gefühlt tausend Augen auf mich gerichtet sind, da bald wieder eine neue Zahl an meinen Namen gepappt wird, um meinen Wert an Fremde zu kommunizieren, hätte ich gerne mehr Distanz zu mir.

Ich hätte gerne Urlaub. Am liebsten ohne mich. Aber fragt mich hinterher nicht, wie es war. Meine Reiseberichte sind langweilig.

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