Lange Texte

Man ist sich einig: die Literatur ist dem Untergang geweiht. Die Aufmerksamkeitsspannen reichen kaum mehr für einen langen Blogartikel, geschweige denn ein ganzes Buch. Die Digitalisierung hat unser Leben zu hektisch für lange Wälzer gemacht, die digitale Literatur feiert ein Comeback der Kurzgeschichte. Haben lange Texte keinen Platz mehr in der heutigen Zeit? Ist es überhaupt noch sinnvoll, lange Texte zu schreiben?

Ich würde nicht so blöd fragen, wenn ich nicht "ja" sagen wollte. Und das nicht nur aus der nostalgischen Vehemenz einer Bibliophilen heraus. Ich glaube, dass lange Narrativen durchaus ihren Platz in unserer Zeit haben, aber dass sie nicht mehr im selben Kontext funktionieren wie vor dreißig Jahren. (Als ob ich das wüsste, ich bin noch keine dreißig.)

Die heute populärste Form langer Narrativen ist wahrscheinlich die Fernsehserie. Seit den Sopranos, Lost, Heroes und dergleichen hat sich die Fernsehserie von einem Kurz- zu einem aufgeteilten Langformat gemausert. Der Erfolg von Game of Thrones legt nahe, dass die Publika von heute durchaus ein Verlangen nach epischen, komplexen Geschichten haben. Aber das ist ein audiovisuelles Medium. Lässt sich das auf Literatur übertragen?

Genau kann ich das natürlich nicht sagen, da ich noch sehr buchgeprägt aufgewachsen und ausgebildet worden bin und langes, auf Verständnis ausgelegtes Lesen mehr oder minder mein täglich Brot ist. Ich möchte aber wagen zu behaupten, dass man sich als Autorin an dem Erfolg der Serie etwas abschauen kann. Es wird einem ohnehin in jedem Schreibratgeber nahe gelegt, sich mal mit Drehbuch zu beschäftigen, um Dramaturgie und visuelles Storytelling zu lernen. Ich füge dem hinzu: Schaut euch verschiedene Langnarrativen in unterschiedlicher Stückelung an. Wie funktioniert ein Anime, das über 400 Folgen à 20 Minuten hat und doch eine durchgängige Geschichte erzählt? Wie funktioniert Game of Thrones? Agents of S.H.I.E.L.D.?

Das wichtigste Prinzip, das einem bei diesen Untersuchungen auffällt, ist das des Bogens. Anime haben "Storyarcs": Handlungsbögen, die in etwa aber nicht hundertprozentig mit Staffeln überein stimmen können. Manche Bögen bestehen aus mehreren Staffeln. In US-amerikanischen ist die Handlungsbogen-Staffel-Übereinstimmung höher. Abgesehen davon gibt es Charakterbögen, die manchmal ganze Storyarcs bestimmen, die aber auch interessante Nebenhandlungen oder übergreifende Langnarrative bieten können, und natürlich der Spannungsbogen der einzelnen Folge. Der einzelnen Szene. 

Die alte Anfang-Mitte-Ende-Logik der aristotelischen Poetik funktioniert im Singular nicht mehr. Jede Szene muss danach aufgebaut sein. Jedes Kapitel hat einen eigenen Konflikt, einen eigenen Anfang und einen eigenen Höhepunkt. Was dies bewirkt, ist, dass der Leser an mehr Stellen des Textes die Möglichkeit hat, leicht ein- und auszusteigen -- perfekt für die Kurzstreckenleserin. Diese Struktur wird manchmal auch angesprochen, wenn es um Pacing geht -- die Taktung eines Textes, in der er Spannung auf- und abbaut.

Letztendlich sollte das zum Handwerkszeug jedes Autors gehören. Eine solide Struktur hilft sowohl beim Schreiben als auch beim Lesen, lenkt die Aufmerksamkeit der Leserin und ganz ehrlich: Wenn ich Textstellen mitten im Buch als Anfänge oder Enden begreife, gebe ich mir mehr Mühe und sie machen mir mehr Spaß zu schreiben.

Also ja, ich denke, lange Texte haben auch heute noch ihre Daseinsberechtigung. Sie müssen nur mit einem Auge für die Lesesituation geschrieben werden.

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