Liebe Uni

Der Campus der Ruhr-Universität unter bedecktem Himmel. Am Audimax hängt ein leuchtender Schriftzug: How love could be

Ja, wie könnte sie sein, die Liebe? Wenn ich aus der Erfahrung mit uns beiden sprechen müsste, ach Ruhr-Uni, würde ich vor allem sagen: Einseitig. Grau. Herzzerreißend. Du weißt, dass du nicht schön bist mit deinem grauen Beton, der gerüchteweise aber doch brennt. Aber du weißt auch, dass mir das nie wichtig war. Für jemanden, deren Schule ein eingebautes Militärkrankenhaus für den Fall eines Nuklearschlags beheimatete, warst du vielleicht sogar genau die richtige Uni. Schließlich heißt es ja, man suche sich immer Partner, die an die Eltern erinnern. Aber ich war für dich immer nur eine von vielen, RUB. Und ich kann das nicht mehr. Uni, ich verlasse dich.

Seit Jahren lockst und becirct du mich. Promotion -- so ein schönes Versprechen. Aber du versprichst allen dasselbe und wie häufig hältst du dich daran? Ich habe deine anderen Opfer gesehen. Die, die nach sechs Jahren gehen müssen, obwohl sie so brillant, so gute Lehrer_innen sind. Die, die ihre Promotion mit Arbeitslosengeld planen. Die, die oben angekommen sind und so verstört sind von dir, dass sie nicht mehr anders können, als nach unten zu treten. So will ich nicht enden. So will ich nicht sein.

Oh, wir hatten schöne Zeiten zusammen, keine Frage. Die Wochen und Monate in der Bibliothek -- jener, die ich für anderthalb Jahre erweitern, sortieren und pflegen sollte -- die haben mir so viel Spaß gemacht. Nichts ist befriedigender, als wenn die wirren Puzzelteile einer Theorie Kontur annehmen und mit einem geistig fühlbaren Klack ineinandergreifen. Ich hatte Spaß und ich war nicht schlecht darin, das weißt du. Du hast es mir immer wieder gesagt. Wissenschaft ist großartig und ich habe so viel Spaß am Denken! Aber du hast die Angewohnheit, Menschen nicht gut zu behandeln. Ich weiß: Das liegt in der Familie. Aber versteck dich nicht hinter Traditionen! Ich stehe jetzt vor dir! Und du winkst mit Komplimenten und Begeisterung, aber im nächsten Moment hast du schon vergessen, dass du mir eine Chance geben wolltest.

Da war die Chance auf ein Stipendium und ich konnte nicht. Ich war ausgelaugt und krank und traurig vor lauter Stress und in dem Moment hattest du die Dreistigkeit zu sagen: Jetzt oder nie. Und ich, traurig, krank und ausgelaugt, hauchte "dann wohl nie" und zog mich zurück in mein kleines Büro über dem Lottental. Mit dem Blick auf Stiepel hab ich Bücher gestempelt und mir eingeredet, es sei noch Zeit. Ich habe ein Seminar gegeben, nur um dir zu zeigen, dass ich wirklich Interesse habe. Du hast mich immer wieder dazu gebracht, mich mit Themen auseinanderzusetzen, die ich nicht mochte, die ich nicht verstand. Wie sehr ich über die philosophische Ausrichtung deines Masters geschimpft habe! Und Jahre später saß ich im Zug zurück nach Hause von meinem ersten wissenschaftlichen Vortrag über das Verhältnis von Animismus und Tod im Animationsfilm und las Deleuze für meine Masterarbeit. Du hast mich verändert, Uni. Ich mochte das an dir.

Aber du, du hast mich immer nur wohlwollend angeschaut, wenn ich mich so problemlos in deine Maschinerie integrierte. Wenn ich in deinen ausgetretenen Pfaden noch ein wenig Platz für meine eigenen Ideen fand -- umso besser! Du schmückst dich gerne mit Leuten, die selber denken. Dank dir? Trotz dir? Ich weiß es nicht. Aber ich hätte ein_e Mentor_in gebraucht, als du mir das Haifischbecken gezeigt hast. Mehr als nur vage Ermunterungen und Versprechen. Klar kann ich schwimmen. Aber ich gehe nicht in gefährliche Gewässer, wenn ich kein Land sehe.

Teile von dir fehlen mir jetzt schon. Aber ich werde sie woanders wiederfinden. Du hast kein Monopol auf Gedanken.

Wie könnte sie sein, die Liebe? In unserem Fall, liebe Uni, muss ich leider sagen: vorbei.

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