In medias res

Ihr kennt das, oder? Den Rat, mitten im Geschehen einzusetzen. Weil das so super spannend ist und so. Aber mitten in den Dingen zu stecken, das ist nicht unbedingt spannend. Denn Mitten, das sind klobige Biester, die die glorreiche Einführung aller Charaktere und das furiose Finale miteinander zufriedenstellend verbinden müssen. Als Konsequenz muss die Mitte irgendwie spannend sein, aber nicht so spannend, dass der Spannungsbogen des Schluss' darunter leidet, aber sie darf auch nicht nach bloßer Überleitung und Lückenfüllern klingen.

Der Entscheidungsroman ist inzwischen Fluch und Segen für meine Schreibambitionen geworden, denn obwohl er meine ganzen anderen literarischen Projekte auf Eis gelegt hat, ist er eine unschätzbare handwerkliche Übung. Nicht nur, weil er mehr Plotarbeit benötigt, als meine bisherigen Texte, sonder auch, weil man ihn in Fragmenten schreibt, schließlich teilt sich die Schreibarbeit auf meine Koautorin Diane und mich auf.

So schreibt man nie in einem Fluss, man muss sehr viel geplanter an alles herangehen. Dadurch wird jeder Teil ein eigener Text und man hat die Spannungskurven besser im Auge und im Griff, als wenn man die Mitte in einem Rutsch mit dem Anfang schreibt. Denn dann hat man meist die großartigen Ziele vor Augen, die man noch erreichen möchte, aber vorher müssen noch dringend ganz viele Informationen in den Text gequetscht werden. Und ach ja: Die ganzen persönlichen Beziehungen müssen verhandelt werden, damit der Einsatz, der im Finale auf dem Spiel steht, deutlicher wird.

Mitten verkommen darum häufig zum Teil der Romantik und der Rührseligkeit, in der die Haupthandlung, die am Anfang ins Rollen gekommen ist und den dritten Akt bestimmt, meist in einem passiven Schwebezustand gehalten wird, weil die Eskalation sonst zu früh einsetzen würde.

Die Lösung, die ich für mich gefunden habe, ist, von der Mitte als einen zweiten Anfang unter anderen Voraussetzungen zu denken. Man hat zu dem Zeitpunkt einen anderen Wissensstand des Lesers, auf dem man aufbauen kann. Man hat wieder Dinge zu etablieren, aber man muss dabei auch die Handlung ans Laufen bekommen. Denn Anfänge sind immer irgendwie interessanter: Es gibt dramatische Auftritte, gar schröckliche Enthüllungen und die dunklen Wolken des Hauptkonflikts, die drohend über den Horizont kriechen.

TL;DR: Die Mitte gelingt spannender, wenn man sie losgelöst von den anderen beiden Teilen betrachtet. Der zweite Akt ist die Wiederholung des ersten Akts unter anderen Bedingungen.

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