Meine Hobbys: Chilis, Schnittlauch und kulturelle Aneignung?

Lasst es hiermit offiziell sein: Wenn ich auf Twitter schreibe "Ich gehe zum Sport" oder "tanzen", dann meine ich damit Bauchtanz. Ich tanze bauch. Oder bauchtanze. Oder wie auch immer. Angefangen habe ich eigentlich aus Gründen von Orthopädie ("Sie müssen dringend was für Ihren Rücken machen. Ich empfehle Kampfsport oder Tanzen." Ich hab mir die Handgelenke beim Kampfsport als Jugendliche zerstört, also Tanzen) und einer Jugend in der Gothic Szene (vgl. Tribal Fusion). In meiner Nähe war eine Bauchtanzschule, perfekt.

Was mich am Anfang jedoch massiv gestört hat, war der eklatante Mangel an arabischstämmigen Menschen in meinem Kurs. Weder meine Lehrerinnen noch die Mittanzenden hatten offenkundige Verbindungen zur arabischen Kultur, aus der diese Tanzform stammt. Und in meinem Intersectional Feminist Avenger Hirn formte sich Widerstand: Ist, was wir hier tun, okay? Ist das hier kulturelle Aneignung (cultural appropriation)? Bin ich respektlos gegenüber einer ganzen Kultur?

Das Fenster nach außen

Ich hatte nie das Gefühl der kulturellen Aneignung, als ich diverse asiatische und philippinische Kampfsportarten verfolgt habe. Oder beim Yoga. Ich habe mich allerdings dabei auch nie als in irgendeiner Weise asiatisch, philippinisch oder indisch gefühlt. Für mich war die Ausübung von Sportarten aus anderen Kulturkreisen nie ein Einverleiben dieser Kultur, sondern ähnlich wie das Erlernen einer Sprache ein Einstieg in ein Interesse. Der Kampfsport hat mich für Asien begeistert, der Bauchtanz für den Orient.

Würdet ihr euch respektlos fühlen, wenn ihr Arabisch lernen würdet? Wahrscheinlich nicht. Eine Sprache zu erlernen ist gemeinhin als Versuch des Verständnisses gewertet. Selbst wenn ihr es von einer/m Europäer/in lernen würdet. Menschen in ihrer eigenen Sprache ansprechen zu können gilt als respektvoll. Man darf sich nur nicht mit den ersten paar Brocken, die man lernt, der Kultur zugehörig verstehen. Ähnlich sehe ich es beim Tanzen: Mein Interesse für die Kultur, die durch den Tanz geweckt wurde, ist so lange nicht schädlich, so lange ich mich dadurch nicht als der Kultur zugehörig oder repräsentativ wahrnehme. Und dieses Gefühl ist etwas, was bei mir an der Tanzschule permanent erhalten bleibt:

Wenn ein neuer Tanz gewählt wird, tendieren wir zu instrumentalen Stücken. Falls Sprache vorkommt, ist die erste Frage: "Hast du eine Übersetzung der Lyrics gefunden? Ich tanze nicht zu einem Lied, das ich nicht verstehe." Unser Zugang zum Tanz ist immer ein gehemmter, problematischer, weil wir uns der kulturellen Barrieren durchaus bewusst sind. Bauchtanz ist ein Skill, den wir erlernen, aber genauso wie bei Sprache ist auch immer bewusst, dass man keinen originären Zugang zu seinen kulturellen Wurzeln haben, wenn man nicht längere Zeit in der entsprechenden Kultur gelebt hat.

Und selbst dann blieben wir doch immer Außenseiter: Kartoffeln, die bauchtanzen. Das heißt jedoch nicht, dass man es ohne Respekt und Bewusstsein tut. Sich eine kulturelle Ausdrucksform anzueignen kann respektlos sein, wenn man denkt, dadurch die Kultur zu verkörpern. Aber wie eine Sprache kann es eben auch ein sehr bewusster Einstieg in die Beschäftigung mit einer Kultur sein und das eigene Denken zu mehr Verständnis und Interesse anregen.

Das Fenster nach innen

Und tatsächlich finde ich Bauchtanz einen äußerst interessanten Gegenstand, um meinen westlichen Verstand dagegen zu hauen. Zu Beginn hatte ich immer das Gefühl, mich verteidigen zu müssen, wenn Menschen in meinem Umfeld mir unterstellt haben, Bauchtanz wäre in irgendeiner Weise ein Selbstfindungstrip. Das war Sport für mich. Habt ihr gesehen, was die mit ihren Oberkörpern machen? Die haben bestimmt keine Rückenschmerzen.

Aber Tanzen ist da komisch. Tanzen lässt dich nicht in Frieden, in deiner kleinen verkopften Welt. Da ist einerseits der Performance-Aspekt: Du musst präsent sein, selbstbewusst, die Arme müssen weit und groß sein, Brust raus, sonst wirkt das alles nicht. Das macht Dinge mit einem
Auf einmal wird mein Muskelgedächtnis gefordert, das ich sonst nur fürs Zehnfingerschreiben brauche. "Man kann nicht tanzen, wenn man denkt", sagt meine Lehrerin uns häufig, wenn die Choreografien nicht im Kopf bleiben und irgendwie ist das für mich der größte Grund geworden, dabei zu bleiben: Es ist eine Form der Betätigung, die meinem verschulten akademischen Kopf vollkommen zuwider läuft, und aus einer milden Form von Masochismus heraus liebe ich alles, was meine Denkmuster gegen den Strich bürstet.

Und dann ist da noch der Elefant im Raum: Bauchtanz. Das ist das mit den knappen Glitzerkostümen, gell? Wo man die Brüste und den Hintern schüttelt. Mit nacktem Bauch. Höhö.

Das hat was von Frauen im mittleren Alter, die versuchen, sich mit ihrem langsam zerfallenden und auseinandergehenden Körper zu versöhnen. (Tatsächlich war die ein oder andere initiale Reaktion auf das neue Hobby: "Aber da fehlen dir noch ein paar Kilo zu, oder?") Es war am Anfang befremdlich, von so vielen ausgepackten weiblichen Körpern in allen möglichen Formen und Lebensabschnitten umgeben zu sein. Flache Bäuche, dicke Bäuche, schwangere Bäuche, Bäuche, aus denen schon zwei bis drei Kinder gekommen waren.

Am Anfang war ich quasi nur damit beschäftigt, meinem Kopf das Shamen abzugewöhnen. Sowohl von mir als auch von den anderen. (Bei den anderen war es, wie immer, leichter.) Immer wieder war da die Frage: "Schämen die sich nicht? Schämst du dich nicht?"

Und das ist der Aspekt, der Bauchtanz für mich als westliche Frau so interessant macht: Mein ganzes kaputtes Bild von meinem Körper und von Weiblichkeit muss sich auf einmal mit einer anderen Ästhetik und einem anderen Verständnis des weiblichen Körpers auseinandersetzen. Bauchtanz, so viel sei gesagt, ist per se keine erotische Tanzform. Kann es sein. Muss es aber nicht. Und das, obwohl viel Haut gezeigt wird und sekundäre Geschlechtsmerkmale dominant in Szene gesetzt werden.

(Was mir im Zusammehang mit islamischer Kultur immer noch einen Knoten im Hirn verursacht. Aber historische Infos zu Entstehung und kulturellem Kontext zu bekommen, ist super schwer. Es hat mich aber dazu gebracht, mich mit dem feministischen Potenzial des Islams auseinanderzusetzen und es tut immer gut, das eigene Verständnis von einer Kultur zu dekonstruieren.)

Der Umgang mit dem weiblichen Körper mit all seinen Fetteinlagerungen ist verspielt, die Rundungen werden genutzt, um Bewegungen zu akzentuieren. Shimmys, mein Gott, Shimmys, eine der prominentesten Bewegungen im Bauchtanz, basieren darauf, dass man das eigene Körperfett zum Vibrieren bringt! Bauchtanz ist eine einzige Anti-Shaming-Kur, vor allem, wenn man wie ich schon immer Probleme mit seinem westlich überformten Körperbild hatte.

Wie alles Fremde fordert Bauchtanz eingefahrene Denkmuster heraus und da liegt ja eigentlich das Schöne und Produktive daran, sich mit anderen Kulturen auseinanderzusetzen: Es kann dem eigenen Denken nur gut tun, eine andere Perspektive einzunehmen.

Wichtig dabei bleibt eben das Bewusstsein, sich niemals als Urheberin dieser Perspektive zu verstehen, sondern als Nutznieserin. Und manchmal gucke ich in den Wandspiegel im Tanzsaal, kichere innerlich und denke: You go, potato. You go.

Culture has always traveled

Der letzte Moment, der bei mir die Bedenken weggespült hat, war die Erkenntnis, dass Bauchtanz ohnehin keine irgendwie homogene kulturelle Praxis ist. Die Übergänge in den spanischen Tanz, Tribal und in den indischen Tanz sind fließend, es wird hemmungslos voneinander kopiert, übernommen, angepasst und neu interpretiert. Gäbe es in Deutschland eine nennenswerte Tanzkultur, sie hätte sich schon mit Bauchtanz gekreuzt. (Schuhplattler Fusion!)

Bauchtanz ist kein Gegenstand aus einer Kultur, den man einfach nehmen und sein eigen nennen kann, genausowenig wie Yoga oder Kung Fu, wie Salsa oder Flamenco. Es ist eine Bewegungs- und Ausdrucksform, die in einer Kultur entstanden ist, sich schon mit zig anderen vermischt und angebandelt hat, die aber in einem eigenen Verständnis von Körperlichkeit getränkt ist.

Es ist kein Kostüm, keine Deko, die man sich ohne Kontext in den Raum hängen oder tragen kann. Tanz ist Körpersprache und wie mit verbaler Sprache kommt man nicht umhin, sich mit der Kultur auseinandersetzen, aus der sie kommt, weil man die eigenen Denk- und Bewegungsmuster hinterfragen muss.

Das ist zumindest das Ergebnis, zu dem mein Denkprozess mich gebracht hat.

Was meint ihr? Habt ihr Hobbys, die aus anderen Kulturen entlehnt sind? Wie geht ihr mit der Problematik um?

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Kommentare

überlegungen..

vielen Dank für den Artikel.
Was mir bei deinen Gedanken ein wenig gefehlt hat, ist, dass es bei der kulturellen Aneignung ja nicht nur den Respekt/Respektlosigkeits Aspekt gibt. Sondern auch den Aspekt, dass wenn Menschen aus der jeweiligen Kultur die Dinge tun würden, dass es dann irgendwie anrüchig wäre. Oder dass sie exotisiert würden.
Also eine arabische Frau, die Bauchtanz macht, indische Yogi_ni_s, oder U.S. Natives, die zum Powwow fahren, das wird alles nicht ganz so willkommen geheißen wie weiße die Bauchtanz machen, weiße Yoga-Sportler_innen, oder weiße Indianer-Enactment-Vereine.
Vorhin las ich einen Text der NAAoG (Native American Association of Germany) über das Tanzen in Tracht auf ihren Powwows. Sie haben letztendlich ein Verbot ausgesprochen für Nicht-Natives in Tracht zu tanzen, obwohl sie wissen, dass es viele sehr respektvoll taten. Einfach weil es für sie zu problematisch wurde, dass es so trendete, und auf Powwows in der Mehrheit Weiße in traditionellen Gewändern tanzten, und dass es in Europa auch eine Powwow Bewegung gab, wo fast nur Weiße in trad. Gewändern tanzten.
Also da kann ich den Verein verstehen, dass selbst bei der respektvollsten Teilnahme es dann blöd ist, wenn die US Natives Kultur fast nur noch von Weißen repräsentiert wird. Beim Yoga ist es ja auch so gekommen. Die Globale Yogakultur ist inzwischen halt mehrheitlich weiß oder wenn nicht, dann haben Weiße das meiste Sagen und sind im Internet ganz vorne angesiedelt.

Ich selber mache Yoga und empfinde das als kulturelle Aneignung, obwohl ich natürlich auch versuche, über Yoga mehr zu lernen und mich nicht als Autorität auf diesem Gebiet zu gebärden. Ich kann aber als Einzelperson alles mögliche an Bescheidenheit an den Tag legen, die Strukturen, in denen unsere Gesellschaften Kulturgut transferiert, sind nun mal kolonialistisch und rassistisch verzerrt und das wird mir immer irgendwie überm Kopp hängen. Für die erkennbare Zugehörigkeit zu der Kultur, deren Yoga ich mache, werden indische Leute heute auf der Strasse zusammengeschlagen.

Also trotz allem möchte ich Dinge aus anderen Kulturen erfahren und lernen.
Dass von rassistischen und kapitalistischen Ausbeutungssystemen Mauern aufgebaut werden, kann ich nicht abschaffen und damit irgendwie umgehen ist immer auch ein Scheitern an den Verhältnissen. Dafür kenne ich keine Lösung. Leider.

Es ist nie so einfach

Das ist wahr und das meine ich auch, wenn ich sage, mein Zugang zum Tanz ist problematisch und gehemmt. Beim Bauchtanz kommt ja noch dazu, dass das eine Praxis ist, die auch in den Herkunftsländern zum Teil nicht ganz unproblematisch ist. Ich hab auch immer wieder ein komisches Gefühl, wenn ich bei einer Bauchtanzmesse fast nur Weiße aus dem westlichen Kulturkreis auf der Bühne sehe, insbesondere, wenn die dann auch noch in Richtung Folklore gehen. Das ist … verstörend.

Für mich ein Grund, weswegen ich mir die Regel aufgestellt habe: Niemals öffentliche Auftritte, niemals Repräsentativität beanspruchen. Das ist das große Problem davon, in historisch und gesellschaftliche Strukturen hineinzutreten: Man kann die ganze kolonialistische und rassistische Problematik nicht wegdiskutieren, man kann nur für sich selbst einen Weg finden, damit umzugehen. Für mich ist der Weg eben der der Demut und der Zurückhaltung ins Private. Vielleicht wäre der Verzicht auf die jeweilige kulturelle Praxis der konsequenteste Umgang damit, aber ich bin in der Hinsicht ein bisschen egoistisch und zu verliebt in den Tanz (und z.B. auch in Yoga), als dass ich es übers Herz bringe, es zu lassen.

Aber ich gebe dir absolut recht: Nur, weil man einen persönlichen Umgang damit gefunden hat, hebt das die Problematik nicht auf.

(Kein Betreff)

hm, "Bauchtanz" ich habe schon mit dem Begriff ein Problem.

Aber von vorn: ich habe diese Art des Tanzens schon sehr früh (so irgendwas um 14 Jahre herum) von Menschen mit arabisch/türkisch/kurdischen Hintergrund gelernt. Die Bewegungen gehören zu meinen tänzerischen Bewegungsabläufen und ich verstehe sie als Teil von mir und ich glaube, wenn ich darüber nachdenke, habe ich dieses Bewusstsein, dass ich nicht die üblichen westlichen tänzerischen Bewegungsabläufe gelernt habe.

Was ich damals auch lernte, war, dass in den jeweiligen Kulturen dieser Tanz oft Geschlechtersegregiert getanzt wurde. Aber was noch vie wichtiger ist, das, was wir heute "Bauchtanz" nennen, war eine imperialistische Übernahme durch amerikanische Truppen. Der nackte Bauch usw. entstand so in den 50ern im Westen. Die Idee der sexuell aufgeladenen Animation von Männern in dieser Form ist nicht originär orientalisch. (Das sind jetzt alles Infos, die gut 30 Jahre alt sind und zu denen ich derzeit über keinerlei Quellen verfüge, obwohl es damals Publikationen dazu gab)

Für mich ist dieses Tanzen orientalischer Tanz (obwohl dieser Begriff sicher auch schwierig ist) ich vermeide den Begriff "Bauchtanz", weil er eben mit der westlichen Umdeutung dieser Tänze verbunden ist.

Literaturtipps?

Danke für die Info! Ich versuche immer wieder, fundierte historische Hintergründe dazu zu finden und stolpere irgendwo zwischen "Es wird angenommen, dass ..." und esoterischer Lobhudelei göttlicher Weiblichkeit herum. Du hast nicht zufällig einen Literaturtipp für mich, was das angeht?

Es ist die Frage, ob man die westliche Bastardisierung dann noch orientalischen Tanz nennen kann, ohne die Orts-/Kulturnennung nicht vollkommen zu entwerten. Vielleicht ist "Bauchtanz" eben genau das: Ein Wort, in dem die kolonialistische Aneignung bewusst wird oder zumindest werden sollte. Noch schwieriger finde ich das alles beim Tribal Fusion, da kann ich mir gar kein Bild mehr von den kulturellen Aneignungsprozessen mehr machen, die da stattgefunden haben.

Ich lehne die Sexualisierung der Tanzform auch ab, da ist wieder schlichte Objektifizierung weiblicher Körper am Werk und die ist sehr, sehr westlich. Die Vorstellung, dass Frauen alles "Schöne" immer für Männer machen müssen, ist so eine hartnäckige Meinung, die sich auch im Bereich Fitness/Mode/Make-Up hält. Ich wünschte, ich wüsste mehr darüber, wie andere Kulturen damit umgehen, gerade wenn es so eine starke Geschlechtersegregation gibt.

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