Ohnmacht

"Würde der Mensch erkennen, dass auch das Universum lieben und leiden kann, er wäre versöhnt."
Albert Camus

Menschen sind nicht gut dafür ausgerüstet, mit ihrer Existenz klar zu kommen. Manche spüren das mehr, manche weniger. Das ist keine tiefenpsychologische Einsicht, das ergibt sich aus der menschlichen Veranlagung, die Welt nach den eigenen Wünschen und Bedürfnissen zu ordnen. Darin sind Menschen vergleichsweise gut. Wir haben die Welt zu Städten und Feldern und Smartphones geordnet. Unsere große Stärke dabei ist, dass wir in großen Zahlen koordiniert zusammenarbeiten können. Wir haben Sprache. Wir haben Logik. Wir haben Argumente.

Die Grenzen unserer Ordnungsfähigkeit schmerzen darum um so mehr. Katastrophen lassen sich von Worten nicht beeindrucken. Hass gehorcht keiner Logik. Der Tod hat kein Ohr für Argumente. Die Unbeherrschbarkeit der Welt, das Absurde, die unendliche Gleichgültigkeit des Universums beißt sich mit unserer sozialen Logik des Überzeugens. Das menschlichste aller Worte ist und bleibt: Warum?

Wir fragen es ständig. Die Welt, unsere Körper, diejenigen, die zu Agenten der universalen Gleichgültigkeit gegenüber menschlichem Leben geworden sind. Warum? Warum hast du das getan? Und das Ausbleiben der Antwort, die Unbeweglichkeit durch Argumente und das Ignorieren der Fragen sind uns so unbegreiflich, dass sie unmenschlich werden. Das Schweigende, die Dinge, die sich unserer kommunikativen Sphäre entziehen sind wie grausame Gottheiten: Still, allmächtig und unendlich weit entfernt.

Ohnmacht, buchstäblich ohne Macht. Unserer wichtigsten Fähigkeiten, der Kommunikation beraubt, sind wir macht- und damit hilflos. Es gibt einige Übersprungshandlungen, auf die kommunikative Ohnmacht zurückwirft. Eine davon ist Gewalt. Gewalt ist immer ein Zeichen für das Versagen von Kommunikation. Orientierungslosigkeit, Hilflosigkeit, Frustration. Wenn Argumente versagen, sehen manche keine Alternative, um sich Gehör zu verschaffen. Gewalt kann nicht ignoriert werden. Und häufig verhindern die Gewalttäter, dass sie die Frage nach dem Warum jemals erreicht. Sie richten ihre Gewalt gegen sich selbst, entheben sich der kommunikativen Sphäre, bleiben in ihrer Unbelangbarkeit still, unendlich weit entfernt – und für den Moment des Gewaltakts allmächtig.

Die andere Übersprungshandlung ist das Gebet, die unerschütterliche Verhandlung mit dem unkommunikativen Anderen. Die Religionen haben den Menschen Gesprächspartner gegeben, genauso still und schwer zu überzeugen wie ein Berg, ein Sturm, der Tod. Aber Beten nimmt viele Formen an. Es ist nichts anderes, wenn wir Fragen an Tatorte heften. Kommunikation mit dem Schweigen. Die Unerträglichkeit der Stille.

Das ist das Attraktive am Traum von Magie: Sag einfach das magische Wort und die Welt hört zu. Die Hoffnung, gehört zu werden und eine Reaktion zu bekommen.

Ich habe meine Timeline heute beten gesehen. Sie haben keine Antwort bekommen. Keine Ordnung, die wieder hergestellt wäre. Es sind diese sinnlosen Tragödien, die Zweifel am ganzen Projekt Menschheit aufkommen lassen: Wir können ein Herz austauschen, aber nicht die Verzweiflung heilen, wenn die Kommunikation mit dem Selbst versagt.

Die Kommunikation hat in der letzten Woche oft versagt.

Wir trauern in Schweigeminuten. In der kollektiven Akzeptanz der argumentativen Unbelangbarkeit von Katastrophen und der Wirkungslosigkeit der Worte. Lasst uns schweigen. Für einen Moment. Für eine Minute.

Aber dann redet weiter. Und vor allem: Hört zu. Ein offenes Ohr, eine einfühlsame Geste, eine Reaktion zur richtigen Zeit sind ein kleines Stück Magie. Das große Schweigen kommt bald genug.

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