Post-truth politics

Wer am Montag die aktuelle Ausgabe von Last Week Tonight gesehen hat, wird darin ein erschreckendes Beispiel für Post-truth politics gefunden haben: Ein immer deutlicherer Trend in der politischen Debatte, Kampagnen an den Fakten vorbei zu machen, eine eigene, gefühlsmäßige Realität zu schaffen und Wahrheit an Befindlichkeiten zu knüpfen. Ein weiteres Beispiel wäre die Äußerung von Michael Gove während der Brexit-Kampagne, das Britische Volk hätte genug von Experten, als er nach Wirtschaftler*innen gefragt wurde, die einen Brexit für eine gute Idee halten. Ich habe zu diesem Phänomen zwei Gedankengänge. Die erklären ganz bestimmt nicht alles, aber sie helfen mir, zumindest ansatzweise zu begreifen, was eigentlich passiert und wie es dazu kommen könnte. (Kein Anspruch auf Vollständigkeit, yadda yadda yadda.)

Anthony Giddens

In Die Konsequenzen der Moderne beschreibt der britische Soziologe Anthony Giddens die Moderne als eine Zeit der Diskontinuität sozialer Institutionen, in der es zur Umgestaltung aller traditionaler Typen der sozialen Ordnung gekommen ist. Ich habe den Text im Rahmen meiner Masterarbeit gelesen und hatte ein besonderes Interesse an Giddens' Entbettungsmechanismen: Das Herauslösen von Beziehungen aus ortsgebundenen Interaktionszusammenhängen. Einer dieser Mechanismen ist für ihn die Installierung von Expertensystemen. Hierzu zwei Zitate:

Alle Entbettungsmechanismen – die symbolischen Zeichen ebenso wie die Expertensysteme – beruhen auf Vertrauen. Das Vertrauen ist daher in fundamentaler Weise mit den Institutionen der Moderne verbunden. Das Vertrauen wird hier nicht in Individuen gesetzt, sondern in abstrakte Fähigkeiten. (S. 39)¹
Das Expertensystem verfährt bei der Entbettung in derselben Weise wie die symbolischen Zeichen, in dem es "Garantien" dafür liefert, daß unsere Erwartungen auch über gewisse Raum-Zeit-Abstände hinweg erfüllt werden. (S. 42)

Was in der Post-truth Politik passiert, kann nach Giddens als ein originär post-moderner Moment angesehen werden: Ein Ablehnen der modernen Institution der Expertensysteme zugunsten einer Politik der Affekte. Das Vertrauen in die Experten ist erschüttert. Die Frage ist: Warum? Ich schätze mal, dass die meisten AfD/Trump/Brexit-Befürworter_innen diese Position nicht mit einer fundierten Kritik an wissenschaftlichen Methoden und der Konstruktion der Fakten nach Latour begründen.

Ein Moment, das ich dahinter vermute, ist ein allgemeines Streben zurück zur individuellen Souveränität. Expertensysteme haben immer den Nebeneffekt, dass Verantwortung outgesourcet wird. Verantwortung für unsere Körper liegt bei Ärzt_innen, für unsere Finanzen bei Steuerberater_innen, für unser psychisches Wohlergehen bei Therapeut_innen und so weiter. Verantwortung abzugeben ist im ersten Augenblick ein gutes Gefühl, aber es ist ein zweischneidiges Schwert: Mit der Verantwortung geht aber auch die Selbstbestimmung flöten. Es kann das Gefühl aufkommen, dass Expertenmeinungen alternativlos sind und die Menschen daher gängeln. Natürlich ist das nur ein Gefühl, denn ob und in welchem Maße wir Expertensysteme annehmen, steht uns ja in aller Regel frei. Der soziale Druck dazu ist allerdings enorm und so war es nur eine Frage der Zeit, bis ein Teil der Bevölkerung sich aggressiv gegen diese wahrgenommene Gängelung sperrt.

Dieses individuelle Streben nach Selbstbestimmung wäre auch ein Ausgangspunkt, von dem aus die wieder um sich greifenden nationalistischen Befindlichkeiten erklärbar werden. Ich befürchte jedoch, dass viele, die derzeit nach Souveränität schreien, nicht zwingend auf dem Schirm haben, dass mit der Selbstbestimmung auch die Verantwortung zurückkommt. Ein bisschen wie ein jugendliches Bedürfnis nach der eigenen Wohnung, bevor die Erkenntnis einsetzt, dass sie dann selber kochen und putzen müssen und Rechnungen bekommen.

Die Abwertung der Expertensysteme geht mit einer Neuanbiederung an überkommene Formen des sozialen Vertrauen einher. Die Persönlichkeit rückt stärker in den Fokus, aber auch logisch nicht haltbare affektive Bindungen an soziale Gruppen wie ein irgendwie geartetes "Volk". Dieses Vertrauen ist vollkommen aus der Luft gegriffen, aber genau das zeichnet diese Entfernung vom Faktischen aus.

Andreas Reckwitz

(seufz.)

Andreas Reckwitz, der mich gefühlt durch den ganzen Master heimgesucht hat, hat die Moderne in drei Subjektkulturen unterteilt, die sich jeweils von der vorhergehenden abgrenzen wollen. Subjektkultur heißt: Die herrschenden Vorstellungen davon, was es bedeutet, eine Person zu sein, wie ein gutes Leben gestaltet ist, was lohnenswerte Ziele sind usw. Die Übergänge zwischen den Subjektkulturen sind dabei meistens durch Episoden des Aufbruchs und der Öffnung (Kontingenz) der Subjektkultur in einer künstlerischen Avantgarde markiert. Elemente dieser Widerstandsbewegung werden dann in den Mainstream übernommen. Das heißt: Früher.

Die Episode, in der wir uns im Moment befinden, ist durch eine generelle Offenheit und Individualität gekennzeichnet. Das Kreativsubjekt, wie Reckwitz das nennt, sucht ständig nach neuen Lebens- und Ausdrucksformen. Die Frage ist: Kann diese Episode in Reckwitz' Logik jemals enden? Kann nicht jeder Umbruch nur als weitere Spielart der charakteristischen Offenheit unserer Zeit gewertet werden? Wenn die künstlerisch-alternative Avantgarde darauf reduziert ist, in immer kürzer werdenden Intervallen neue Trends für den Mainstream ins Leben zu rufen, kann aus dieser Ecke kein tiefgreifender Wandel kommen.

Ich weiß noch, wie wir am Ende unseres Reckwitz-Lektüreseminars genau über diese Frage diskutiert haben. Und irgendwer (ich weiß nicht mehr, ob das eventuell ich war) meinte: Das einzige, was eine neue Subjektkultur wirklich abgrenzen könnte, wäre eine radikale Schließung von Kontingenz. Das hieße konkret: Die Ablehnung individueller Lebensentwürfe, die Rückkehr zu einem überschaubaren Bündel an wünschenswerten Eigenschaften, eine festgefahrene Vorstellung davon, was ein gutes Leben ist. Eine Abwendung der Moderne könnte eben durch eine Rückkehr zu traditionalen Strukturen passieren. Eine Stärkung der Konservativen.

Ich fand das schon damals im Seminar keine besonders gute Alternative zu unserem Individualkult.

Einfach, persönlich, überschaubar

Insgesamt sehe ich in der Stärkung der Post-truth Politik ein Streben nach Nachvollziehbarkeit in einer unendlich komplex gewordenen Welt. Das zählt nicht nur für die globalen wirtschaftlichen Netzwerke, die der einzelne Mensch nicht mehr verstehen kann, die bedrohlich und nicht mal im Ansatz kalkulierbar erscheinen. Das gilt vor allem für das konkrete Verständnis von Gesellschaft: Es scheint einen großen Widerwillen dagegen zu geben, eine liberale Gesellschaft aus unkategorisierbaren Einzelbefindlichkeiten zu akzeptieren. Klar: Das ist kompliziert. Das ist anstrengend. Und es macht soziale Interaktion zu einem potenziellen Minenfeld: Wer sich nicht auf allgemeine Kategorien und Regeln verlassen kann, müsste die mit jede_m_r Gesprächspartner_in neu aushandeln.

Als Konsequenz leben alte Kategorien wieder auf, die die Moderne eigentlich immer weiter aufgeweicht hat. Darum legen die rechtspopulistischen Fronten so viel Wert auf klare Geschlechtsbilder und genormte Sexualität, auf Herkunft, Religion, Phänotypen und Idealbilder wirtschaftlicher Existenz: Klare Kategorien, eine handvoll Schubladen, schwarz-weiß. Ihre Vorstellung vom guten (Zusammen-)Leben ist einfach, persönlich und überschaubar. Damit einher geht auch eine Anfeindung von Andersartigkeit und Offenheit: Die Stärkung und öffentlichen Akzeptanz von Diskriminierung.

Es ist eine genuin post-moderne Bewegung. In dem Sinne, dass sie moderne Werte ablehnt. Sogar Fakten.

Es ist zum Heulen.

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¹Die symbolischen Zeichen, von denen er spricht, sind in erster Linie Geld als kontextfreie Kommunikation von Wert.

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