Revolverheld -- Ich lass für dich das Licht an

Es kommt nicht oft, sondern sehr oft vor, dass das Genre des Deutschpops uns mit einer Perle der Lyrik beglückt, die die epischen Ausmaße von Revolverhelds "Ich lass für dich das Licht an" annimmt. In puncto dichterischer Güte ist dieser Diamant eigentlich nur mit Silbermonds "Das Beste" zu vergleichen und verdient hier gehobene Aufmerksamkeit. Darum möchte ich das Lied einer genaueren Analyse unterziehen, die die großen Gefühle, die dieses Meisterwerk transportiert, für jeden ersichtlich herausstellt.

Wenn wir Nachts nach Hause gehen
die Lippen blau vom Rotwein
und wir uns bis vorne an der Ecke 
meine große Jacke teilen 

Großartig! Es spricht entweder ein rebellischer Geist oder kolossale Gleichgültigkeit aus diesen Versen. Nicht nur, dass sich die Frage stellt, warum das Lyrische Ich seiner Liebsten nicht vorher zu einer Jacke geraten hat oder wo ihre Jacke, sofern sie denn einmal eine hatte, abgeblieben ist, nein, diese Indifférence greift der Dichter formal wieder auf, indem er "Rotwein" auf "teilen" reimt.

der Himmel wird schon morgenrot 
doch du willst noch nicht schlafen 
ich hole uns die alten Räder
und wir fahren zum Hafen

Die nächsten Zeilen stimmen versöhnlicher, gibt es doch tatsächlich zwei reine Reime. Jedoch bleibt die Frage: Warum nehmen sie die alten Räder und nicht etwa die neuen? Was tun sie am Hafen? Feiern? Oder will er sie vielleicht ertränken? Und werden sie sich beim Fahrradfahren weiterhin eine Jacke teilen müssen? Wenn ja, so ist das akrobatische Geschick des Lyrischen Ichs hier hervorzuheben.

Ich lass für dich das Licht an
obwohls mir zu hell ist

Die einleitenden und titelgebenden Worte des Refrains stehen in einem merkwürdigen Spannungsverhältnis zu dem letzten Teil der Stanza: Ist mit dem Licht, das zu hell ist, der bereits morgenrote Himmel gemeint? Wenn ja, so positioniert sich das Lyrische Ich hier als schlafende Gottheit, die die kosmischen Vorgänge kontrolliert. Bringt man dies mit der biblischen Schöpfungsgeschichte in Einklang, in der das Licht die Schöpfung per se bedeutet, so könnte man sagen, dass die Geliebte des Lyrischen Ichs diejenige ist, für die "das Licht an bleibt", also der Grund ist, weswegen Gott die Welt nicht zerstört.

ich hör mit dir Platten 
die ich nicht mag

Das zuvor gezeichnete Bild der wohlwollenden Gottheit kollabiert in diesen beiden Zeilen zugunsten einer menschlicheren, man möchte fast sagen spießbürgerlicheren Spielart der Toleranz und Gutmütigkeit. Referenziert wird hier die von Jugendlichen häufig gehaltene Annahme, dass der Musikgeschmack ausschlaggebend für die emotionale Kompatibilität zweier Personen ist, wie dieser XKCD-Comic anschaulich illustriert:

I LIKE THAT SONG TOO! I bet no two people in the history of the world have ever been so CONNECTED!

Die Toleranz, die das Lyrische Ich dem zweifelsohne grauenvollen Musikgeschmack seiner Geliebten entgegenbringt, stilisiert die Beziehung zu einer, die über die Phase der feurigen Jungliebe hinausgewachsen und zu etwas Gesetzterem, Erwachsenen gereift ist. Dies soll die geschilderte Liebe von solchen oberflächlichen Beziehungen, wie sie z.B. in "unrockbar" von den Ärzten beschrieben wird, abheben.

ich bin für dich leise 
wenn du zu laut bist

Diese beiden Zeilen hüllen sich für den Zuhörer in Geheimnis, denn was genau es bringt, leise zu sein, wenn jemand zu laut ist, muss von führenden Physikern des Instituts für psychologische Quantenmechanik in Buxtehude erst noch erforscht werden. Entfernt man jedoch die kausallogischen Verquickungen, so bleibt doch die Aussage, dass die Geliebte des Lyrischen Ichs zu laut ist.

renn für dich zum Kiosk 
ob Nacht oder Tag

Was bei dieser scheinbar so lapidaren Aussage bedacht werden muss, ist, dass nicht klar gemacht wird, in welcher Entfernung zum nächsten Kiosk das Lyrische Ich befindet. Kommt der Ruhrgebietlerin der Weg zur nächsten "Trinkhalle", wie kiosköse Etablissements im hiesigen Regiolekt genannt werden, nicht besonders weit und die beschriebene Leistung daher relativ selbstverständlich vor, so mag für den Landbewohner die Strecke, die bis zum nächsten Kiosk gerannt werden muss, marathonähnliche  Ausmaße annehmen.

ich schaue mir Bands an
die ich nicht mag
ich gehe mit dir in die 
schlimmsten Schnulzen

Nach einer Reiteration der titelgebenden Zeilen, steigert das Lyrische Ich hier seine Aussagen der Toleranz, die im ersten Teil des Chorus getroffen wurden. Das Plattenhören wird zu "Bands Anschauen" überhöht, was gar ein Verlassen der häuslichen Geborgenheit impliziert. Das Verlassen des Heims oder nicht nach Zuhause zurückkehren können scheint dem Lyrischen Ich ohnehin der größte Liebesbeweis zu sein. Die Vorstellung, beim Lyrischen Ich könnte es sich um einen bewegungsunwilligen und soziophoben Slacker handelt, manifestiert sich an dieser Stelle.

Die Weiblichkeit oder zumindest Femininität der geliebten Person wird durch die Tatsache, dass sie selbst die schlimmsten Schnulzen mag, betont.

ist mir alles egal
hauptsache du bist da

Die erste dieser beiden Zeilen, die in meiner Lesart die Kernaussagen dieses lyrischen Meisterwerks ausmachen, scheinen im ersten Moment semantisch zusammenzuhängen, doch ich präferiere die Aufspaltung in zwei separate Sätze: Der erste -- "Ist mir alles egal" -- spiegelt die generelle Lebenseinstellung des Lyrischen Ichs wieder, das in der zuvor geschilderten Toleranz, die an mehreren Stellen die Züge apathischer Gleichgültigkeit annimmt, mitschwingt.
Der zweite -- "Hauptsache du bist da" -- gibt dieser deprimierenden Meinungslosigkeit des lyrischen Ichs einen liebenswerten Twist, der ihn in eine Art Abhängigkeitsverhältnis zur Geliebten setzt und sie so aus seiner generellen Gleichgültigkeit ausnimmt.

ich würde meine Lieblingsplatten
sofort für dich verbrennen

Eine erneute Steigerung der im Refrain etablierten emotionalen Abhängigkeit von Tonträgern. Die Platten zu zerstören ist in der Metapher als Aufgabe der eigenen Gefühlswelt zu versehen. Der Verdacht auf psychologische Misshandlung durch die Geliebte kommt auf.

und wenn es für dich wichtig ist
bis nach Barcelona trampen

Zieht man die vorher bereits geäußerte Unlust zum Verlassen des Hauses in Betracht, so ist "nach Barcelona trampen" was mit a) längerer Sofaabstinenz und b) menschlichem Kontakt einher geht, für das Lyrische Ich das Äquivalent zu exotischen Foltermethoden, die für die Geliebte stoisch ausgehalten werden. Stoizismus scheint ohnehin eine der Charakterstärken des Lyrischen Ichs zu sein.

die Morgenluft ist viel zu kalt
und ich werde langsam heiser
ich seh nur dich im Tunnelblick
und die Stadt wird langsam leiser

Hier werden die körperlichen Konsequenzen des Außerhausseins verbildlicht und quasi mit einem Verlust der Sinnesfunktionen ("Tunnelblick", "die Stadt wird leiser"), vielleicht sogar mit einem Nahtoderlebnis verglichen, denn es ist bekannt, dass beim Sterben zuerst der Seh- und erst dann der Hörsinn die Funktion aufgibt. 

Das ganze Lied beschreibt die Inkaufnahme von alltäglichen, vom Lyrischen Ich zu Zumutungen hochstilisierten Unannehmlichkeiten, an denen er die Liebe zu seiner Partnerin (oder seinem Partner, das wird löblicherweise durch die Ansprache in zweiter Person offen gelassen, sehr fortschrittlich!) festmacht. 

Der Egozentrismus, der dabei an den Tag gelegt wird, exemplifiziert die Problematik einer echten, partnerschaftlichen Beziehung in der postmodernen Fixierung auf die Steigerung der eigenen Lust und die Unmöglichkeit, bedeutsame Verbindungen mit anderen Menschen einzugehen, wenn man sie, anstatt sie wertzuschätzen, nur gerne toleriert.

Vielleicht les ich da aber auch zu viel rein.

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