Schreiben als P2P-Prozess?

Unsere Ansichten von kreativen Objekten -- seien es Bilder, Lieder oder eben auch Geschichten -- ist seit Jahrzehnten von einem im neutralsten Wortsinn kapitalistischen Konzept vom geistigen Eigentum geprägt. Der Autor besitzt seine Geschichte, seine Charaktere und seine Welt. Nirgends wird die Absurdität dessen einem besser bewusst als in Disclaimern von FanFictions, in denen sich die Autoren geradezu dafür entschuldigen, sich des Eigentums eines anderen bedient zu haben. Obwohl sie den darauf folgenden Text ganz offensichtlich selbst produziert haben.

Sind Ideen wirklich das Kapital eines Autors? Ideen sind, wenn man darüber nachdenkt, die üppigste und billigste Resource, die es auf diesem Planeten derzeit gibt. Noch dazu ist kein Werk ein völliges Original. Ideen sind wie Übungen und Figuren im Sport: Dass sie in der Kür sind, sagt noch nichts über die Wertung aus. Auf die Ausführung kommt es an.

Ist es also denkbar, das "Produktionsmittel Idee" zu verteilen und gemeinsam an einer Welt oder einer Geschichte zu arbeiten? Schaut euch mal Wikipedia an! Die können sich nicht mal auf eine Version der Wirklichkeit einigen. Wie sollte bei so einem Rumgemurkse, bei dem jeder seinen Senf dazu geben kann, eine kohärente Welt oder Geschichte entstehen? Die einfache Antwort lautet: Gar nicht.

Es lohnt sich scheinbar nicht, weiter darüber nachzudenken, wenn man sich nicht in Erinnerung ruft, dass die Welt trotzdem existiert. Es interessiert sie nicht, wie sie von Hinz und Kunz und deren Katze interpretiert und in der Wikipedia niedergelegt wird. Und das Schönste ist: Eine Idee von der Welt beeinträchtigt die andere nicht. Ein originärer Gedanke geht nicht kaputt, weil jemand einen zweiten daneben gestellt hat.

In Owesys gibt es daher Gerüchte. Ferne Länder, in denen andere Regeln gelten. Es gibt keine singuläre Wahrheit. Die gibt es nicht mal in der Realität, warum sollten wir sie also in der Fiktion anstreben? Kreative Inhalte haben hier eine Ähnlichkeit mit digitalen Inhalten. (Gott bewahre, wenn Content beides ist: Sodom und Gomorrah!) Das Original wird durch Derivate nicht beschädigt. Es existiert einfach weiter.

Und wer sagt, dass die Geschichten, die in einem P2P-Modell entwickelt werden, nur in einer Version existieren müssen? Wir schreiben nicht mehr auf Papier. Warum eine stehende Geschichte nicht als Repository ansehen und einen Fork aufmachen?

Ich bin der Überzeugung, dass P2P-Modelle fürs Schreibem funktionieren können. Wir müssen uns dafür nur von dem Gedanken verabschieden, dass Ideen jemandem gehören. Auch wenn dies bei der vorherrschenden Autorenhybris ein schwieriger Schritt ist.

Herr der Ringe stirbt nicht, weil es miese Nachahmer gibt. Literatur stirbt nicht, weil es einen haufen Schund gibt. Deine Gedanken sterben nicht, weil ein anderer auch einen hat.

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¹Über dieses schöne Wort schreibe ich mal einen eigenen Artikel.

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