Off-Screen

Off-Screen ist etwas, von dem wir wissen, dass es es in der Diegese gibt, das sich aber nicht in unserem Blickfeld befindet. Off-Screen sind häufig Gesprächspartner, Objekte des Blicks des Protagonisten, um sie zugleich wieder On-Screen zu holen und den Protagonisten ins Off-Screen zu verbannen. Off-Screen ist das Implizierte im Gegensatz zum Gezeigten und Gesagten. Das Off-Screen sind Gedanken und das, was sich zwischen den Zeilen verbirgt. Off-Screen ist dein bester Freund, den der Leser nicht leiden kann.

Bitte verzeiht meine schamlose Adaption eines filmwissenschaftlichen Begriffs für den literarischen Kontext. Sicherlich könnte man für Texte auch Off-Page sagen, aber da Texte genauso auf Bildschirmen wie auf Papier gelesen werden, generalisiere ich einfach mal das cineastische Vokabular.

Es ist verführerisch, dem Leser zu sagen, was passiert. Ich meine: Woher soll er es sonst wissen? 
Es selber rausfinden, du Trottel, schimpfe ich mit mir, wenn mir so ein Gedanke unterkommt.
Es ist nämlich einer dieser Gedanken aus der siebten Schreiberhölle. Jener, die mit Redundanzen und Drögheiten bevölkert ist. Jener, in der einst Captain Obvious seine jenseitige Ewigkeit verbringen wird. Und nicht vergessen: Es gibt einen Unterschied zwischen geplanter Wiederholung und ungeplanter Redundanz. Dieser Unterschied heißt Intention und was er ausmacht, ist Ästhetik. 

Aber kommen wir zurück zum Ausgangsproblem: Es ist eine der schwierigsten Aufgaben überhaupt, eine Balance zwischen "Alles sagen, wie es ist" und "den Text in Anspielungen und Metaphern versumpfen lassen" zu finden. Ich bin mir meistens nicht sicher, ob ich damit erfolgreich bin. Dafür muss man sich sehr weit von seinem Text distanzieren und es ist quasi unmöglich, beim Schreiben selbst den G-Punkt der Informationsvermittlung zu finden. Überarbeitung muss sein und wenn man sich beim erneuten Lesen mit etwas Abstand fragt: "WTF passiert hier eigentlich?!?!?", stehen die Chancen gut, dass man zu viel impliziert und zu wenig gezeigt hat.

Andersherum ist die Überprüfung schwieriger und springt einem nicht direkt mit ihren fragezeichenförmigen Klauen ins Gesicht. Man muss sich aktiv fragen: Ist es nötig, dass ich das hier zeige/sage? Versteht man auch, was passiert ist, wenn ich es nicht ausspreche? Wie sehr wird es den Leser frustrieren, wenn ich ihn von diesem oder jenem ausschließe?

Das gilt nicht nur für diegetisch aktuelles Geschehen, sondern auch für die Vergangenheit der Charaktere. Brauche ich Flashbacks oder reichen Anspielungen? Lasse ich Charaktere offen darüber reden oder reichen Blicke und Gesten, Reaktionen auf bestimme Situationen, um den emotionalen Hintergrund einer Szene zu beleuchten? Man kann die Problematik von der Mikro- bis zur Makroebene durchdeklinieren. Von der Wortebene, über die narrative Ebene bis hin zur Metaebene. Denn was man nie tun sollte ist, die Prämisse des Buchs, das große Thema, um das man es herumgeschrieben hat, dem Leser fein säuberlich formuliert auf dem Silbertablett zu präsentieren. (Es sei denn, es handelt sich um einen Twist am Ende, aber anderes Thema.)

Wichtig ist, das Publikum nicht zu unterschätzen. Lesen an sich ist schon eine geistige Leistung, die man würdigen sollte, denn rein evolutionstheoretisch: Wie wahrscheinlich ist es wohl, dass Wesen die kognitive Fähigkeit entwickeln, aus kodierten Zeichen Sprache zu abstrahieren und aus dieser wiederum komplette fiktionale Welten konstruieren, die reale emotionale Auswirkungen auf uns haben? Wer das kann, dem muss man auch nicht mehr in die Nase reiben, dass ein Charakter tot ist, wenn er ausgeblutet mit gebrochenem Blick auf dem Boden liegt.

In der Semiotik nennt man sowas indexikalische Zeichen: Man erfährt von einer Sache nicht durch die Anwesenheit der Sache selbst, sondern durch ihre Auswirkungen. Die Paradebeispiele sind hier die Abdrücke im Schnee, die auf das Tier verweisen, oder der Rauch, der die Anwesenheit eines Feuers anzeigt. In den Tributen von Panem, um mal ein literarisches Beispiel zu nehmen, sind die Kanonenschläge, die den Tod eines Tributs begleiten, solche indexikalischen Zeichen. Sie hängen in kausalem Zusammenhang, darum bedeutet der Knall den Tod. Vor allem im zweiten Band sterben viele Charaktere Off-Screen und wir wissen das nur, weil es uns durch das akustische Signal vermittelt wird.

Es gibt andere klassische Beispiele für indexikalische Informationsvermittlung. Ein Schrei. Ein Schuss. Dabei spielen Gehör und Geruch eine große Rolle für die Vermittlung aktueller Off-Screen-Geschehnisse. Unsere Fernsinne sind schließlich die einzige Möglichkeit Information außerhalb unseres Blickfeldes und unserer direkten Umgebung wahrzunehmen. Der Geruch von Pfannkuchen. Heimische Gemütlichkeit. Signifikant. Signifikat.

Indexikalische Zeichen sind mächtige Waffen im Kampf Sagen vs. Zeigen (Show, don't tell), aber auf anderer Ebene ist es furchtbar frustrierend für den Leser. Um auf das Beispiel mit den Tributen von Panem zurückzukommen: Im dritten Band findet quasi der gesamte Krieg Off-Screen statt und verliert dadurch seinen Status als Hauptkonflikt, er degradiert in unserer limitierten Perspektive zum Hintergrund, auf dem sich Katniss dominante Innenwelt entfaltet. Manchmal ist es wichtig, Schlüsselereignisse mit dem Leser zu teilen. Ihn teilhaben zu lassen, damit man gemeinsam mit derselben Erfahrung weitergehen kann, verbrüdert durch die rohen Emotionen, die sich in Echtzeit entfaltet haben.

Horror wiederum lebt vom Indexikalischen. Es geht immer darum, das Sichtfeld einzuengen, die Grenzen des eigenen Horizonts schmerzhaft nahe zu rücken und das Off-Screen zum Fokus zu machen. Da draußen ist etwas. Es keucht, es knurrt, es schabt, es stinkt. Und dann das Blut. Oh Gott, überall Blut. Gefahr ist immer am gefährlichsten, wenn man nicht weiß, wovon sie ausgeht. Solche Wahrnehmungsgrenzen können aber auch kognitiv aufgebaut werden: Die Unterscheidung zwischen Realität und Fiktion ist so eine Unsicherheit, die existenziellen Horror auslösen kann. Die Frage, ob man noch klar denkt, oder wahnsinnig wird. Letztendlich führt alles zu Deutungsproblemen: Was lauert da? Ist das echt? Bin ich verrückt?

Ich finde, mit dem Off-Screen und dem Indexikalischen zu arbeiten, ist extrem wichtig, egal in welchem Genre man schreibt. Aber bei all der Macht des Implizierten ist es wichtig, den Leser nicht zu vergessen. Manchmal muss man ihn an der Hand nehmen und in den nächsten Lichtkegel führen. In absoluter Dunkelheit wird er nicht von alleine weitergehen.

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