Spät'sche Kapitalismuskritik

Ich hab die letzten Wochen Und, was machst du so? und Die Freiheit nehm ich dir von Patrick Spät gelesen, beides Kritiken des Kapitalismus. Dabei hätte ich mir ersteres auch sparen können: Die Freiheit nehm ich dir ist eigentlich eine erweiterte und im Tonfall etwas verschärfte Fassung von Und, was machst du so? Aus historischer Perspektive und mit Blick für die Unstimmigkeiten im derzeitigen System führt Spät der_m Leser_in vor Augen, was Kapitalismus eigentlich bedeutet – sowohl für die Industrienationen als auch andere Teile der Welt. Auch wenn die Kritikpunkte mir nicht neu waren, waren es doch viele der Beispiele und geschichtlichen Anekdoten.

Das Kapitalistische Wirtschaftssystem ist ein Absurditätenkabinett sonder gleichen. Neben dem von der Realität vollkommen entkoppelten Finanzmarkt dürfte der Arbeitsfetisch eines der bei näherer Betrachtung unverständlichsten Phänomene sein – zumindest für Spät. Er geht den Spuren der systematischen Selbstausbeutung ganzer Erdteile nach bis zur unzeitgemäßen Auslegung von Bibelpassagen. Die Rolle der protestantischen Moralauffassung in der Entstehung des Kapitalismus hatte ich zwar auf dem Schirm, aber nicht in der Tiefe, in der er sie aufbereitet. Die quasi-religiöse Hofierung von Arbeit ist nur der Gipfel einer langen Entwicklung.

Auch der Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Gewalt stellt Spät allgemeinverständlich und fast ohne Foucault dar. Gewalt ist dabei die treibende Kraft sowohl hinter der Entstehung als auch der Aufrechterhaltung des Kapitalismus. Dabei gerät wiederholt die Allianz zwischen Kapital und Staat in Späts Visier: Anstatt eines starken Nationalstaats zeichnet er als Utopie ein Bild eines Anarcho-Sozialismus, für den er sogar einige funktionierende Beispiele anreißt.

Was mir gefehlt hat, ist eine ausgiebigere Kritik des Patriarchats, die erst anklang, dann aber in Nebensätzen und der Kritik der Bevorzugung von Lohn- über Reproduktionsarbeit abgehandelt wurde. Frauen* haben einfach eine vollkommen andere Position im Arbeitsmarkt als Männer* und eine Arbeitskritik ohne Blick auf Doppelbelastung und Wiedereinstiegsdramen nach der Erziehungszeit ist für mich nicht komplett. Ist aber Ansichtssache, schätze ich.

Das Buch lohnt sich sowohl für Leute, die noch unbedarft in puncto Kapitalismuskritik sind, als auch für jene, die sich die Unstimmigkeiten mal wieder auf unterhaltsame Art und Weise ins Gedächtnis rufen wollen. Denn ganz ehrlich: Im Hamsterrad vergisst man – oder ich zumindest – viel zu schnell, an was für einem Zirkus man eigentlich teilnimmt. Ab und zu ist eine Erinnerung daran, dass es ein Menschsein neben der Arbeit gibt, einfach notwendig. Und Späts Texte sind dafür eine passende und erfreulich unverschwurbelte Freizeitlektüre, wenn sein Ton auch ab und zu ein wenig ins Feuilletoneske abrutscht.

Kommentare

Haben will!

Wenn du es mir schickst, schreib ich dir nen Blogartikel, wie ich das Ding sehe (deinem Rat folgend bitte nur Buch2).

Na? :)

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