Stadt, Land, Überfluss

Es ist die Woche zwischen Weihnachten und Silvester. Ich sitze bei meinem Vater und eine Freundin von ihm und meiner Stiefmutter kommt vorbei. Der Rotwein wird auf den Tisch gestellt. "Als ich gerade hierher gelaufen bin", sag die Freundin, "habe ich mir gedacht: Wir haben schon großes Glück, die wir hier wohnen. Jeder hat ein Haus, jeder hat einen Weihnachtsbaum."

Ja, habe ich mir gedacht, genau das.

In Deutschland und bestimmt auch in anderen mitteleuropäischen Ländern auf dem Land zu wohnen, ist ein Privileg.
Moment, seid ihr vermutlich geneigt zu sagen, hat auf dem Land zu wohnen nicht auch Nachteile ohne Ende?
Lasst mich erklären, sage ich da. Ich komme mit diesem Statement aus einer sehr weit gewählten Perspektive.

Kurzer Disclaimer: Ich bin selbst in einem ca. 1000-Seelen-Dorf im Niemandsland zwischen dem Schwarzwald und der Schwäbischen Alb aufgewachsen, was natürlich meine Vorstellung von Ländlichkeit geprägt hat. Das heißt, dass diese Beobachtungen nicht überall zutreffen mögen. Dass es größere oder kleinere Vorstellungen von Ländlichkeit gibt. Ich sag nur: Ich weiß, wie es ist, wenn nach 18 Uhr kein Bus mehr fährt.

Zunächst eine kleine Relativierung meines etwas provokant gewählten Einstiegsatzes: Das Leben auf dem Land in Mitteleuropa ist dann ein Privileg, wenn es frei wählbar ist.

Dieser Schluss, zu dem ich gekommen bin, hat zwei Hintergründe. Zum einen die immer wiederkehrende Frage: "Warum Bochum?" Bochum ist hässlich. Große Städte sind hässlich. Warum wohnst du da überhaupt, wenn du nicht musst? Ja, gute Frage. Warum zieht man von den pittoresken Dörfern Süddeutschlands in den Ruhrpott? Man hätte ja auch in Tübingen studieren können. Oder wenigstens in Stuttgart.

Es ist nicht so, dass ich die Schönheit dieser Orte nicht wahrnehme, oder dass ich so sehr auf Autobahnen in olfaktorischer Nähe und Betrunkene stehe, dass ich die Ruhe nicht zu schätzen wüsste. Ich hätte auch gerne einen Garten. Ich kann das alles nachvollziehen. Aber trotzdem würden mich zumindest in dieser Lebensphase keine zehn Pferde zurück aufs Land kriegen. Und was ich hier als Gründe nenne, trifft nicht nur auf echte Dörfer zu, sondern in eingeschränktem Maße auch für die "schönen" Städte, die in so geprägten Landschaften entstehen.

Die Augen geöffnet hat mir ein Vortrag von Saskia Sassen und das Buch The Power of the Machine von Alf Hornborg. In beiden ging es zum Teil um Dead Lands, über die Peripherien unserer Zivilisation, in denen produziert wird und deren Ressourcen ins Zentrum transportiert werden, die aber auch den Müll bekommen, der im Zentrum produziert wird. Wenn das sehr wie The Hunger Games klingt, ist das kein Zufall. Dieser Materialkreislauf ist eng mit der Industrialisierung verbunden. Zunächst war die Peripherie lokal: Industriegebiete und Müllhalden an den Stadträndern. Inzwischen ist sie global: Wir alle kennen die Bilder von Müllkippen voller Elektroschrott in denselben Ländern, die das Obst und Gemüse für Europa anbauen und auch unsere T-Shirts nähen.

Beim Nachdenken über diese Faktoren, ist mir -- insbesondere im Fall meiner Heimat -- etwas aufgefallen: Das Land dort produziert nicht wirklich. Klar, gibt es ein bisschen Landwirtschaft, aber keine so industriellen Riesenbetriebe, wie man sie in Norddeutschland findet. Da wird keine Nahrung für die Massen produziert. Auf den Dörfern gleich gar nicht. Da hat man mal eine Kuh oder eine Obstwiese als Hobby. Aber die Äpfel im Supermarkt kommen aus Neuseeland, die Bohnen aus Ghana und der Spargel aus Bolivien. Und da dort nichts im großen Stil produziert wird, leidet das Land auch nicht so unter der Extraktion von Ressourcen. Jemand hat es im Gespräch mir gegenüber mal so ausgedrückt: "Die Schwaben machen nur deswegen alles Bio, weil die die Industrialisierung übersprungen haben."

In anderen Worten: Da auf dem Land kann es nur so schön sein, weil es anderswo hässlich ist. 

Dasselbe trifft natürlich auch auf so hübsche Städte wie Tübingen oder auch z.B. Münster zu, obwohl das Münsterland zumindest das mit der Landwirtschaft noch einigermaßen hinbekommt. (Münsteraner Markt, du meine große unerfüllte Liebe <3!) Was man sich vor Augen halten muss, ist, dass der Lebensstandard auf dem Land nicht niedriger ist als in der Stadt, wo die Menge an dort lebenden (und produzierenden!) Menschen eine ausgeprägte Infrastruktur und Vielzahl von verfügbaren Gütern nahe legt. Nein, er ist eher höher. In schönen Städten sind die Mieten hoch, auf dem Dorf ist sowas wie ein Mietverhältnis etwas Befremdliches. Es heißt ja schließlich "Schaffa, schaffa, Häusle baua" und nicht "Schaffa, schaffa, Wohnung mieta". 

Die bloßen Kosten, die das Leben in diesen schönen Dörfern und Städtchen verursacht, bewirkt eine soziale Vorauswahl, die maßgeblich mitbestimmt, wer in solchen Siedlungen lebt und überhaupt leben kann. Um an solchen Orten die Lebensqualität und kulturelle Teilhabe, die Städte bieten, nicht zu opfern, braucht man darüberhinaus ein Auto, weil die entsprechenden Angebote weiter im Umfeld verteilt liegen und das, was da als öffentlicher Nahverkehr verkauft wird, eigentlich nur Schüler an die weiterführenden Schulen karrt. 

Dazu kommt der hohe Anteil an Alteingesessenen und Dagebliebenen. Das alles führt zu einer sozialen Homogenität, die in keinster Weise repräsentativ für unsere Gesellschaft ist. Ländliche Gebiete wirken in meiner Erfahrung sehr effektiv als topografische Filter Bubble. Dadurch, dass richtige Großstädte weit, weit entfernt liegen, bilden sich große Landstriche kultureller und sozialer Homogenität, was für marginalisierte Gruppen bedeuten kann, extremer Diskriminierung ausgesetzt zu werden, zumal man als PoC meistens ziemlich alleine dasteht. Das Land ist Kartoffel-Country, wo noch gevolksfestet und geschuhplattlert wird.

Es ist Disneyland da.

Das heißt nicht, dass die Leute dort keine Probleme haben, weiß Gott nicht. Die Verhaltenszwänge sind durch die doch engere Gemeinschaft und damit einhergehende soziale Kontrolle zum Beispiel sehr viel stärker. Die Maßstäbe sind nur anders. Und sie sind in solchem Maße anders, dass ich immer wieder kognitive Dissonanzen erlebe, wenn ich da zu Besuch bin. Vor allem, weil das ja für den Großteil meines Lebens auch meine Welt war. Und klar war es ätzend, als Jugendliche dort gefangen zu sein. Klar, war ich auch gezwungen, einen Haufen Geld für meinen Führerschein zu verdienen, weil sonst einfach kein Sozialleben stattfindet. Und Mann, haben wir lange auf den DSL-Anschluss warten müssen.

Aber mir fällt auch immer wieder auf, wie privilegiert ich aufgewachsen bin. In meiner Familie gab es immer Häuser mit Gärten und all meine Freunde hatten Häuser mit Gärten und jede Familie hatte mindestens ein Auto, wahrscheinlicher waren zwei. Die Bildungsstandards sind hoch, insbesondere in solchen Städten wie Tübingen. Ich bin in einem ländlichen Idyll aufgewachsen, das es -- unseren industriellen Lebensstandard betrachtet -- gar nicht mehr geben sollte. Es gibt einfach zu viele Menschen, als dass alle in schnuckeligen kleinen Dörfern und fachwerkhäusigen Kleinstädten wohnen können. Irgendwo muss das ganze Zeug, das da in die Häuser eingebaut wird, auch herkommen. Die ganzen Dienstleistungen erbracht werden. Der Müll landen.

Als ich in die Stadt gezogen bin, hatte ich einen moralischen Nervenzusammenbruch. Auf einmal war alles, wovon man sonst nur gelesen und gehört hatte, sichtbar. Kriminalität, Abgase, die Unmengen von Konsumgütern und Lebensmitteln, die eine Stadt benötigt und oh Gott, der Müll, überall der Müll. Ich habe zuerst zu meinen ländlichen Gewissensberuhigungsstrategien gegriffen: Alles musste Bio und Fairtrade. Haha. Als Studentin. Nur um mal wieder meine Privilegien zu checken.

Bio und Fairtrade sind zu teuer, als dass sich alle das leisten könnten. Nachhaltig ist nur jenes Verhalten, das alle adaptieren können. Strategien der Regionalität in der Ernährung funktioniert nur dort, wo auch Nahrungsmittel hergestellt werden. Die meisten haben nicht genug Geld, um die Mehrkosten nachhaltiger Herstellung akut zu tragen. Wer Geld von seinen Eltern bekommen kann, ist privilegiert. Wer sich ohne Probleme Wohnraum leisten kann, ist privilegiert. Wer eine Universität besuchen kann, ist privilegiert. Ich bin privilegiert.

Man nimmt das nicht so wahr, wenn alle um einen herum dieselben Privilegien haben. In der Stadt wird sichtbar, was Menschen dem Planeten eigentlich antun. Wie viele es von uns eigentlich gibt. Wie unterschiedlich die Menschen sind. Erst die Dichte von Menschen zeigt die Ausmaße. Und in Europa halten sich Müll und Gesundheitsbelastungen durch verschmutzte Luft und Wasser noch in Grenzen. Und innerhalb Europas sind die gut situierten ländlichen Gebiete noch mehr Zentrum als die Städte: Dort, wo jeder ein Haus und jeder einen Weihnachtsbaum haben kann.

Manche Leute vergessen das. Nicht alle, aber manche. Und diese Menschen, die das Leben auf dem Land als in irgendeiner Weise normal wahrnehmen, kommen zu sehr verdrehten Ideen über den Zustand unserer Welt. Klar, wissen die, dass es woanders nicht so ist, aber warum sollte man etwas ändern, wenn man doch die Wahl hat, auch an diesen hübschen, mülllosen Orten ohne Fabriken und agrarindustriellen Großbetrieben zu wohnen?

Das Landleben ist für viele Menschen das Ideal: Kernfamilie im eigenen Haus, Garten um den Zaun, aber trotzdem auf keine Annehmlichkeiten verzichten müssen. Dabei noch mehr soziale Nähe als in dem anonymen Gewusel einer Stadt. Es ist ein Ideal, das aber nur wenigen von uns vorbehalten ist. Es ist ein Privileg.

Kommentare

(Kein Betreff)

"Wie viele es von uns eigentlich gibt."

Da sagst du was.

(Sorry, für einen qualitätsintensiveren Kommentar hats mir jetzt erst mal nicht gereicht.)

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