Technikutopien -- Technikdeterminismus die 2.

Wenn es nicht gerade auf Twitter ist und in 140 Zeichen passen muss, versuche ich ja immer, differenziert zu sein. Und tatsächlich hat sich ein Anlass ergeben, mal die Gegenseite zu meinem Post über Technikdeterminismus und -pessimismus zu schreiben. Es geht um den Artikel mit dem sprechenden Titel Da hilft auch das Internet nicht, von Martin Klingst auf zeit.de veröffentlicht. Allein der Anreißertext warf schon mit so merkwürdigen Formulierungen um sich, dass ich den Artikel gelesen habe, obwohl ich schon befürchtet habe, dass ich mich hinterher nur darüber aufrege.

Macht das Netz die Menschen offener und toleranter? Nicht unbedingt, zeigt jetzt eine Studie der Weltbank. Und auch die Täter von Köln hatten schließlich Smartphones.

Satz für Satz:

Macht das Netz die Menschen offener und toleranter?
Nein. Man spricht ja nicht umsonst von Filterblasen. Das ist aber schon länger und vor allem doch auch aus dem eigenen Alltag bekannt.

Nicht unbedingt, zeigt jetzt eine Studie der Weltbank.
Zeigt jetzt, jetzt! Vgl. oben.

Und auch die Täter von Köln hatten schließlich Smartphones.
An der Stelle war es bei mir vorbei. Die schiere Zusammenhangslosigkeit zwischen dem zweiten und dem dritten Satz ist erstaunlich.

Was haben Smartphones mit sexualisierter Gewalt zu tun?

Wie Klingst auf diese merkwürdige Mischung kommt, zeigt sich im Text:

Ein Beispiel dafür scheinen mir die Kölner und Hamburger Silvesternacht zu sein und die massenhaften sexuellen Angriffe von überwiegend nordafrikanischen jungen Männern. Denn man fragt sich schon, wie es passieren kann, dass diese Tatverdächtigen so wenig über Deutschland, über seine Gesetze und Kultur, über das Verhältnis der Geschlechter und das gesellschaftliche Zusammenleben im Gastland wissen. 

Aha. Klingst hat also die Vorstellung, dass Kriminalität in irgendeiner Weise mit fehlendem Kulturverständnis zusammenhängt. Spoiler: Tut sie nicht. Kriminelle sind kriminell, egal, wo sie herkommen. Bei einem Mord wird ja auch nicht gefragt, ob der/die Täter/in wohl nicht wusste, dass das in unserem Kulturkreis nicht so üblich ist. Nein, hier wird rassistisch projiziert, dass solche Übergriffe in der Deutschen Kultur™ nicht vorkämen. (*räuspert sich*) Und dass die Täter, wenn sie besser informiert gewesen wären, nicht zu Tätern geworden wären.

Ich glaube, ich nehme hier nichts vorweg, wenn ich die oben gestellte Frage schon mal mit einem energischen "Nichts!" beantworte.

Internet to the rescue!

Informationsmedium Nummer eins ist natürlich das Internet und der Autor stellt sich die Frage: Wie konnte das passieren, wenn die Täter doch Internet hatten?

Dem Internet als dezentraler Kommunikationsstruktur haftet noch immer ein wenig der Mythos an, emanzipatorisch zu wirken und Leute wahnsinnig tolerant zu machen, weil sie im Netz so viele unterschiedliche Meinungen und Informationen zu allem finden können. Das Problem mit dieser Annahme (die übrigens vor dem Internet schon mal der Post anhing -- auch so eine dezentralisierte Kommunikationsstruktur) ist, dass das Netz immer nur in dem Maß bildend und emanzipatorisch wirken kann, das dem Bildungs- und Emanzipationswillen des_der Nutzers_Nutzerin entspricht.

Um den Kernsatz meines ersten Posts zum Technikdeterminismus zu wiederholen: Die sozialen Strukturen, die die Technik nutzbar machen, entscheiden, was genau mit ihr getan wird.

Die sozialen Netzwerke haben eben diese Funktion: Die Abbildung sozialer Strukturen. Sie machen das so gut, dass sie die Informationsfilterblasen der 3D-Welt auf die Onlineplattformen übertragen. Das heißt, dass wir nur dort im Internet Neues und Bewegung sehen werden, wo vorher schon ein Bedürfnis für Neues und Bewegung dagewesen ist und wo bisher nur die Infrastruktur zur Umsetzung gefehlt hat. Und dann entfaltet das Internet all sein Potenzial. Aber wenn kein Wille zu sozialem Fortschritt und Bildung vorhanden ist, kann das Netz ihn auch nicht bedienen.

Die umgekehrte Seite des Bildschirm-Bashings ist der blauäugige Glaube daran, dass eine neue Technologie auf Kurz oder Lang zu sozialem Forschritt führen muss, weil sie rein theoretisch das Potenzial dazu hat. Technikoptimismus oder -utopismus wären Termini, die man hierfür benutzt könnte. Dass im Internet diskriminierende oder kriminelle Sentiments reproduziert werden, wenn es von diskriminierenden oder kriminellen Menschen benutzt wird -- gar unglaublich!

Technikpessimismus ist hemmend und anstrengend und nervig, aber Technikutopismus ist naiv und anstrengend und am Ende immer ernüchternd. Technik ist und bleibt wie Tofu: Grundsätzlich kann er prima schmecken, aber er tut es eben nicht von selber. Man muss sich mit der Marinade schon selber Mühe geben.

Die Idee, das Internet (als Platzhalter für Information) könne Kriminalität vorbeugen, ist herzallerliebst, aber die Probleme sitzen wie immer vor der Tastatur. Die vielfältigen Gründe, aus denen Menschen kriminell handeln, lassen sich leider nicht wegdigitalisieren.

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