Theorietagebuch #1: Identität und Wertschätzung

Im Zuge meiner Masterarbeit habe ich drei große Diskurse, die ich mir aneignen möchte, nämlich die über Raum, Identität und Fandom. Fandom ist noch relativ gegenständlich und eingängig, die anderen beiden sind große abstrakte Themen der Soziologie und Philosophie. Denn Raum ist keinesfalls als territorial begrenzte Einheit des physikalischen Raums zu verstehen. Als was dann? Das hoffe ich, mit der Zeit ausdrücken zu können.

Wohin diese Theorieblöcke führen sollen, sage ich noch nicht. :3

Im Theorietagebuch will ich nicht meine eigenen Gedankengänge festhalten, die Eingang in die Arbeit finden, sondern wunderbare Zitate und solche Überlegungen teilen, die gezwungenermaßen bei der Beschäftigung mit so einem Themenkomplex aufkommen, aber irrelevant oder untauglich für die Arbeit sind. Ansonsten käme ich eventuell in die Verlegenheit, mich selbst zu plagiieren und das will ja keiner. Falls die Arbeit gut genug bewertet wird, könnt ihr ohnehin davon ausgehen, dass ich sie hier nach Fertigstellung in Gänze teile.

Mein erstes Zitat stammt von Annette Barkhaus.

Es stammt aus dem Sammelband Identität Leiblichkeit Normativität, genauer aus dem Aufsatz: Differenz und Anerkennung. Sie schreibt mit einem Zitat von Axel Honneth:

Denn solidarisch sollen solche Beziehungen genannt werden, die "nicht nur passive Toleranz gegenüber, sondern affektive Anteilnahme an dem individuell Besonderen der anderen Person wecken: denn nur in dem Maße, in dem ich aktiv dafür Sorge trage, daß sich ihre mir fremden Eigenschaften zu entfalten vermögen, sind die uns gemeinsamen Ziele zu verwirklichen". In anderen Lebensformen begegnen sich Kulturen, die viele Praktiken nicht miteinander teilen und sich daher zunächst als Fremde begegnen.

Dieses Zitat bringt für mich die Problematik vieler öffentlicher Diskurse auf den Punkt. Dass viele sich mit dieser "passiven Toleranz" zufrieden geben. Daraus erwächst keine Solidarität. Sowohl die Debatten über Integration als auch über die Sichtbarkeit nicht-heteronormativer Beziehungen argumentieren, dass die Andersartigkeit geduldet, aber nicht öffentlich praktiziert werden soll. Das Praktizieren macht diese anderen Lebensformen (hier nicht im Sinne von Außerirdischen sondern im Sinne von "Formen, die das persönliche Leben annehmen kann") aber überhaupt erst real und das Verbot der Zurschaustellung identitätsstiftender Praktiken negiert die Existenz dieser anderen Erfahrung. Das Verlangen nach gesellschaftlicher Homogenität, das "unter den Teppich kehren" nichttraditioneller oder fremdartiger Identitäten ist ein Angriff auf die betroffenen Personen, die unter diesen Umständen nicht frei über ihre Identität und Handlungsmöglichkeit verfügen können.

Das alles führt zur Entsolidarisierung der Gesellschaft, meiner Meinung nach eines der größten Probleme unserer Zeit.

Zitat aus:

Barkhaus, Annette: Differenz und Anerkennung. Eine Auseinandersetzung mit Axel Honneths Konzept posttraditionaler Solidarität. In: Barkhaus, Annette et al. (Hrsg.): Identität Leiblichkeit Normativität. Neue Horizonte anthropologischen Denkens. Suhrkamp/1999. S.243.

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