Theorietagebuch #2: Körper als Kontingenzschwelle

"Identität", so Gernot Böhme in Anlehnung an Platon, "ist eigentlich nur für einen Gott gemacht, menschliches Dasein ist charakterisiert durch Nichtidentität."¹ Er spielt damit auf die alte Erkenntnis an, dass die Identität einer Person ständig in der Entwicklung ist, dass Identität im Sinne von "derselbe sein" eigentlich keinen Platz in menschlichem Leben hat. In der Antike wie in der Moderne ist das Konzept, zu bleiben, wer man ist, irgendwie befremdlich. In der Moderne bzw. Postmoderne sogar noch ein kleines bisschen mehr. Denn die Kategorien, über die wir traditionell unsere Identität abgefragt haben (Geschlecht, Beruf, Heimat …) verlieren mehr und mehr an Bedeutung. Aber hebt Platon noch den Körper als offensichtlich Wandelbares (vom Kind zum Greis) hervor, finden wir bei Foucault ein gänzlich anderes Sentiment:

Mein Körper ist das genaue Gegenteil einer Utopie, er ist niemals unter einem anderen Himmel, er ist der absolute Ort, das kleine Stück Raum, mit dem ich buchstäblich eins bin.
Mein Körper ist eine gnadenlose Topie.²

In einer Zeit, in der regionale Kategorien, Familie, Arbeitsrealität und Freizeit frei gewählt und somit gestaltet werden können, wird der vormals so wandelbare Körper zu einer letzten Konstante in unserem Leben. Und somit zum Kultobjekt. Der Körper ist die materielle Realität, die wir nicht ohne weiteres kontingent machen können. Wir können die sozialen Kategorien, die sich um ihn herum scharen, beeinflussen, ja. Aber der Körper an sich ist ein Gegebenes, etwas, das diszipliniert, kontrolliert und optimiert werden muss -- weil es sonst in seiner gnadenlosen Realität nicht zähmbar und zu unberechenbar ist.

Betrachten wir dafür Erzählungen der Verwandlung -- klassische Aschenputtelmärchen. Was transformiert sich im Originalmärchen? Kleider und Schuhe -- Statusobjekte, die Standeszugehörigkeit signalisieren. Was ändert sich in heutigen Make-Over-Narrationen? Schuhe und Kleider auch, keine Frage. Aber der Körper wird in die Transformation miteinbezogen: Fitness, Haltung, Ernährung, Körperbehaarung und Make-Up müssen korrigiert werden, um einen Statuswechsel zu erreichen, der traditionell mit dem Stand verknüpft war. Unser Körper ist von Geburt an gegebenes soziales Kapital -- Erbgut im wahrsten Sinne des Wortes. Dieses soziale Kapital aufzuwerten ist eine der wirkmächtigsten Erzählungen, die wir derzeit haben. Sei es durch Sport, Gesundheit, Ernährung oder Kosmetik. Make-Up-Tutorials, Fitness-Angebote unterschiedlichster Natur und Diätphilosophien mit Geltungsansprüchen zwischen Medizin und Esoterik regen dazu an, sich selbst mit dieser letzten Schwelle der persönlichen Kontingenz auseinanderzusetzen.

Dabei ist der disziplinierte Körper auch eine letzte Verbindung zur "Natur" (die Anführungszeichen sind hierbei wichtig). Er führt uns unsere animalische Biologie vor Augen, ist Krankheiten ausgeliefert und über seine Ernährung setzten wir uns mit unserer Umwelt (d.h. mit Pflanzen und Tieren) in Beziehung. Der Körper ist darum verhaftet in einer Dialektik zweier Narrative: Naturgegebenheit auf der einen und Optimierungsbestreben auf der anderen Seite. Eine Optimierung des Körpers, die gegen seine "Natürlichkeit" vorgeht, wird kritisch betrachtet. So sind z.B. die Körper von Trans*menschen unter ständiger Kritik und Beobachtung, da sie gegen ihre wahrgenommene "Natur" verändert oder inszeniert werden. Ein Körper, der hingegen ohne Optimierungsversuche in z.B. einem "dicken" Zustand belassen wird, ist ebensolcher Kritik ausgesetzt.

Hinzu kommen spezifische Anforderungen an spezifische Arten von Körpern: weibliche Körper, männliche Körper, alte Körper, junge Körper … Für sie alle gibt es eine utopische Vorstellung disziplinierter Naturbelassenheit.

Literatur

¹ Böhme, Gernot: Selbstsein und derselbe sein. Über ethische und sozialtheoretische Voraussetzungen von Identität. In: Barkhaus, Annette et al. (Hrsg.): Identität Leiblichkeit Normativität. Neue Horizonte anthropologischen Denkens. Suhrkamp/Frankfurt a. M. 1999. S. 324.

² Foucault, Michel: Die Heterotopien. Der utopische Körper. Zwei Radiovorträge. Suhrkamp/Frankfurt a. M. 2014 (1966). S. 25.

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