Theorietagebuch #3: Raum produzieren, nutzen, sein

Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts war Raum im Vergleich zur Zeit -- genauer gesagt zur Geschichte -- eine zu vernachlässigende Größe im sozialkritischen Diskurs. Henri Lefebvre und nach ihm eine ganze Riege von Theoretikern haben ihn als Analysekategorie wieder in den Mittelpunkt gerückt. Lefebvres Production de l'espace (engl.: The Production of Space) kritisiert diese "Raumvergessenheit" scharf. Er sieht im Raum sowohl Produktionsmittel als auch Produkt von Arbeit und Machtverhältnissen im marxistischen Sinn. Er strukturiert unsere Wahrnehmung, Handlung und Denkweise. Er fragt: "has state socialism produced a space of its own?"

The question is not unimportant. A revolution that does not produce a new space has not realized its full potential; indeed it has failed in that is has not changed life itself, but has merely changed ideological superstructures, institutions or political apparatuses. A social transformation, to be truly revolutionary in character, must manifest a creative capacity in its effects on daily life, on language and on space -- though its impact need not occur at the same rate, or with equal force, in each of these areas.¹

Er bekräftigt damit eine Meinung, die ich schon lange hege: Man kann nichts ändern, indem man sich derselben Mittel/Räume bedient, die das bestehende System hervorgebracht und besetzt hat. Ein ideologischer Überbau ist schön und gut, wird aber nicht den Alltag und damit nicht die de facto Praxis ändern. Darum ist "nachhaltiger Konsum" auch so eine hohle Phrase. Produktion und Tausch von Waren kann nachhaltig sein. Das bloße Wort "Konsum" transportiert eine Trennung von Produzenten und Konsumenten oder besser gesagt eine Trennung von den Produktionsmitteln von jenen, die die Waren produzieren und konsumieren sollen. (Channeling Marx here real hard.)

Wenn eine Revolution nicht die Art und Weise ändert, wie man mit (insbesondere öffentlichen) Räumen umgeht, kann sie nichts wirklich umstrukturieren. So spricht meine liebste Aufforderung zur Revolution, The Coming Insurection des Unsichtbaren Komitees, davon, Räume für die Autoritäten unlesbar zu machen:

Today's territory is the product of many centuries of police operations. People have been pushed out of their fields, then their streets, then their neighborhoods, and finally from the hallways of their buildings, in the demented hope of containing all life between the four sweating walls of privacy. The territorial question isn't the same for us as it is for the state. For us it's not about possessing territory. Rather, it's a matter of increasing the density of the communes, of circulation, and of solidarities to the point that the territory becomes unreadable, opaque to all quthority. We don't want to occupy the territory, we want to be the territory.²

Der kommende Aufstand operiert hier mit einem Verständnis von Raum (bzw. "Territorium", was immer schon die Machtstrukturen des Nationalstaates mitdenkt), das dem sozial produzierten von Lefebvres entspricht. Er plädiert aber dafür, den bestehenden Geografien eine eigene Raumlogik aufzuzwingen, sodass Raum seine Funktion als hegemoniales Herrschaftsinstrument verliert, uneindeutig und damit unkontrollierbar wird.

In anderen Worten: Wer die Gesellschaft ändern will, muss ändern, wie sie mit und im und als Raum agiert.

Literatur

¹ Lefebvre, Henri: The Production of Space. Blackwell Publishing/Oxford. 1991(1974). S. 54.

² The Invisible Committee: The Coming Insurrection. 2009. S. 72.

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