Theorietagebuch #4: Natur

Spricht man von Raum spricht man automatisch über Grenzen, denn diese geben ihm erst seine Form. Man spricht auch über Dichotomien wie Zentrum und Peripherie, Ost und West, Norden und Süden, Stadt und Land oder noch besser: Kultur (Zivilisation) und Natur. Am Samstag war ich im Ruhrtal wandern, es war warm, sonnig, der Wald war frühlingsgrün und die Vögel haben gesungen. Mit anderen Worten: Die Natur war kitschig ohne Ende. Was mich in meiner Theoriesättigung auf die Frage gebracht hat: Wie haben Menschen die "Natur" früher wahrgenommen?

Die Romantisierung von Natur ist -- Überraschung -- ein Produkt der Romantik und diese lässt sich wiederum als Reaktion auf die Industrialisierung und die einhergehende Urbanisierung begreifen. Die Beschleunigung der Transportation und Kommunikation in dieser Zeit führte zu einem Bruch in der Raum- und Zeitwahrnehmung. Einem Bruch, der zu Entfremdung führte. Entfremdung kennzeichnet die Beziehung zwischen Mensch und Natur sowieso in hohem Maße, weil man irgendwann auf den Trichter gekommen ist, den Mensch getrennt von der Natur zu betrachten.

Dies lässt sich gut daran sehen, wie die Beziehung zwischen Mensch und Tier lange gedacht wurde: Der Mensch teilt sich eine "wilde", animalische Seite mit dem Tier und muss diese durch Kultur im Zaum halten. In dieser Logik werden Natur und Kultur Gegenspieler. Dies ist jedoch die europäisch-westliche Sichtweise. In südamerikanischen Weltbildern wird hingegen die Kultur als gemeinsames imaginiert und es ist lediglich die äußere Form, also die Natur, die Mensch und Tier trennt. Vivieros de Castro hat z.B. darüber geschrieben, dass das Verhalten von Tieren als kulturelle Praxis in anderem Gewand erklärt wird, so ist Blut für den Jaguar Bier, ein Tümpel für einen Tapir ein Tempel usw. Das heißt, dass Kultur und Natur nicht gegeneinanderstehen, sondern eine Inhalt-Form-Beziehung haben. Um es in schöne Fachworthülsen zu zwängen: Bei uns ist Kultur polymorph und Natur monomorph, im Amazonasbecken ist Natur polymorph und Kultur monomorph.

Natur ist bei uns durch diese Idee der Einheit, der Gleichförmigkeit, der Konstanz überfrachtet. Sie rührt an eine ursprüngliche Verbundenheit aller Dinge, wo sie in der oben skizzierten Denkweise eine unüberbrückbare Trennung hervorruft. Im europäischen Denken hat der Mensch diese Trennung jedoch erst durch die Industrialisierung erfahren, weswegen Natur das Bild der verlorenen Unschuld anhaftet.

Ich frage mich: War Natur früher Gegenspieler, weil gefährlich und ungezähmt? Oder war sie einfach ein Hintergrundrauschen, eine ärgerliche bis angenehme Alltäglichkeit wie sie heute das Wetter noch ist? Hatte man vor der Industrialisierung überhaupt ein Konzept von Natur wie wir das heute haben?

Leider hat diese Frage nichts mit meiner Masterarbeit zu tun und muss daher vorerst unbeantwortet bleiben

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