Transmedia Game Culture -- Sitzung 12

Fanfiction

Kennt ihr die Serie Agent Carter? Das ist eine neue Serie von Marvel, die nach dem Verschwinden von Captain America in den USA der 40er Jahre spielt. Die Bösen in dieser Serie haben ein interessantes Kommunikationsmittel: Sie schließen einen UKW-Sender über einen Klinkenstecker an eine mechanische Schreibmaschine, was sie Nachrichten verschicken und empfangen lässt.

Noch mal: Die tippen -- auf Papier -- Nachrichten und pausieren dann, während die mechanischen Tasten der Maschine sich wie von Geisterhand betätigen und die Antwort -- auf Papier -- getippt wird. Was wir hier sehen, ist ein typischer Fall von retrospektivem Bias, einer von der Gegenwart überformten Fantasie der Vergangenheit, in der moderne Technologien in einer liebenswert archaischen Protoform imaginiert werden. Diese wundersame Schreibmaschine wird durch die Kombination mit anderer historisch akkurater Technik zu einem Vorläufer unserer digitaler Kommunikation -- des Chats. Die Sache ist: Der Vorläufer des Chats war keine medial übermittelte schriftliche Kommunikation, sondern -- die Lösung liegt im Namen -- das Gespräch.

Wir Medienwissenschaftlerinnen tun uns manchmal schwer mit unserer Geschichte, weil wir alles in der teleologischen Ausrichtung auf unsere heutige Technologien betrachten. Da wird das Zoeskop zum Protofilm und Wandteppiche werden zum Protocomic und das asiatische Schattenspiel wird zur Protoanimation. Die Sache ist, dass der Erfinder des Zoeskops kein Filmprojektor bauen wollte und der Mensch, der den verdammten Wandteppich geknüpft hat, wollte nicht eigentlich eine Graphic Novel zeichnen und wurde aus Papiermangel daran gehindert. Was hat das alles mit Fanfiction zu tun? Na ja, sagen wir es mal so: Die Odyssee ist keine Fanfiction.

Egal ob Homer die jetzt gedichtet hat oder nicht: Man kann nicht alle medialen Praktiken aus 2000 Jahren Menschheitsgeschichte mit unseren heutigen Begriffen beschreiben, ohne kulturellen Kontext unsichtbar zu machen. Fanfiction ist ein Phänomen, das nicht ohne Massenmedien gedacht werden kann und die gibt es noch nicht allzu lange.

Kurz ein paar Einschränkungen, was Fanfiction ausmacht:

Fanfiction bezieht sich auf Charaktere und/oder Diegesen, deren Urheber- oder Persönlichkeitsrechte nicht bei der Autorin liegen. Damit fällt alles vor dem 18. Jahrhundert schon mal weg.

Fanfiction entsteht aus einem Fandom heraus. Das heißt, dass eine Geschichte ein ausreichend großes Publikum braucht, aus dem sich sowohl AutorInnen als auch ein Publikum für diese AutorInnen herausbilden kann. Das erfordert Kommunikation innerhalb einer großen und vernetzten Gruppe. Wie in dem Artikel über Fandom erwähnt, ist die Herausbildung von Nischenpublika eng mit den digitalen Medien verbunden und … ja. Sagen wir einfach, dass wir vor dem Aufkommen der Zeitung gar nicht erst von einem Massenpublikum und damit nicht von einem Fandom sprechen müssen.

Das heißt nicht, dass Werke davor nicht derivativ waren, weiß Gott nicht. Aber die Vorstellung eines Autors in dem Sinne, dass dieser die Herrschaft über einen Text hat, ist ziemlich neu. Und wer Mediävistik gehabt hat, weiß, dass die Vorstellung eines Originals oder Urtexts auch nicht ganz problemfrei auf eine oral geprägte Gesellschaft übertragbar ist. Wenn alle Abänderungen, Neufassungen und Weiterspinnereien von Stoffen Fanfiction wären, dann kämen wir in den Bereich, dass alle Geschichten Fanfictions des Monomythos sind und Dinge wie Satire, Hommagen und Tropen nicht existieren: All das wäre nur Fanfiction von den Originalinstanzen, auf die sie sich beziehen, die es -- Spoiler -- häufig nicht gibt. In dieser Logik wäre alle Kultur Fanfiction und diese These ist … einfach Nein.

Where was I?

Die etwas … großzügige historische und kulturelle Einordnung von Fanfiction als Phänomen der Referentinnen zeigte eines mehr als deutlich: Fanfiction ist in einer permanenten Legitimationskrise. Das Verlangen, Fanfiction in einer ehrenwerten kulturellen Tradition zu verorten, ist angesichts des Stigmas groß: Fanfiction gilt als minderwertige Literatur, als schlecht geschrieben und inhaltlich bestenfalls trivial. Und wisst ihr was? In vielen Fällen trifft das zu. (Furry porn. Don't google it.)

Die Autorin des großartigen und leider viel zu kurz gekommenen Textes für diese Sitzung, Francesca Coppa, sieht das in einer anderen Tradition, nämlich der des Performativen. Ihre These ist, dass Fanfiction keiner literarischen sondern einer performativen Logik folgt und daher dominant auf das Dirigieren von Körpern ausgelegt ist -- daher die Unmengen an erotischem Inhalt. Das würde auch erklären, warum Fanfiction häufig erst dann einen Boom erlebt, wenn der Ausgangstext in audiovisueller Form vorliegt: Wenn es eine kollektive Vorstellung der in eine neue Handlung geschriebenen Charaktere und ihrer Körper gibt.

Dass es auch Fanfiction zu real existierenden Personen gibt, lässt sich in dieser Argumentationslinie damit begründen, dass Celebrities und andere Personen des öffentlichen Lebens immer in einer medialen Öffentlichkeit erfahren werden -- das heißt meistens auch durch eine audiovisuelle Repräsentation.

Aber … warum sind alle schwul?

Okay, kurze Nacherzählung aus der Sitzung:

Referentin: *zeigt eine Bilderstrecke mit Tentacle-Porn-Fotografie mit full female nudity*
Plenum: *keinerlei Reaktion*
Referentin: *zeigt ein Deadpool/Spiderman Fanart in dem ein sehr diskreter Penis zu sehen ist*
Plenum: *stöhn* *ächz* *traumatisierte Geräusche*

[15 Minuten später]

Referentin: "Ich meine … heutzutage kommt ja in fast jeder Serie mindestens ein Schwuler vor, das ist ja vollkommen normal."

Um es in der Sprache des Internets zu sagen:

Skeptical Britney Spears

Fanfiction ist ein dominant weibliches Genre und bekannt dafür, Harry mit jedem männlichen Charakter in Hogwarts zu shippen. Tatsächlich ist Fanfiction eine Möglichkeit für marginalisierte Gruppen, sich selbst und die Beziehungen, die sie gerne sehen würden, in Mainstreamtexte hineinzuimaginieren.

Fanfiction hat -- gerade weil es von kommerziellen Zielen losgelöst ist und nicht etwa ein Plagiat oder Abklatsch ist -- subversives Potenzial in der Möglichkeit, dass wirklich jede mit Stift oder Laptop zur Autorin werden und ihre eigene Geschichte schreiben kann. Mit sich selbst in idealisierter Form (Mary Sue), mit Beziehungen zwischen zwei weiblichen Charakteren, die einfach wunderbar zusammen passen, oder auch einfach auch nur mit einer den Hormonsturm eines Teenagers befriedigenden Menge an Geschlechtsverkehr.

Es ist eine Aneignung medialer Texte und die Umformung dieser, um vom Mainstream nicht bediente Nischen zu füllen.

Und das kann man ganz wertfrei sagen, ohne zu behaupten, dass Homer und Furry Porn in gewissem Sinne dasselbe sind.

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