Transmedia Game Culture -- Sitzung 6

Spiel als mediale Praxis

"Der Text versucht total verzweifelt, die Game Studies als relevant darzustellen", eröffnet eine meiner Studentinnen die Textdiskussion. "Aber bis zum Fazit fand ich ihn eigentlich ganz gut."
"Na ja, aber ihr habt ja alle schon mal ein Fazit geschrieben", sage ich. "Da ist es relativ normal, die eigene Arbeit als das Relevanteste darzustellen, was der akademische Diskurs derzeit zu bieten hat."
"Ihr hättet mal meine Masterarbeit lesen sollen", ergänzt Kim, die am Tag zuvor eben jene Masterarbeit abgegeben hat, neben mir. "Die war das Relevanteste überhaupt."

Ja, es ist normal, im Fazit ein wenig zu übertreiben. Keiner sagt: "Ich habe die letzten 19 Seiten dies und das erklärt, aber eigentlich ist das alles gar nicht so wichtig." Aber der Text¹, den wir gelesen haben, will genau auf den Punkt heraus, dass das diesmal keine bloße Übertreibung ist, um die eigenen Arbeit zu rechtfertigen. Irgendwas passiert mit unseren Medien und unserem Mediennutzungsverhalten und irgendwie scheint das Spiel, bzw. das Spielen (play im Gegensatz zu game) eine geeignete Maske zu sein, durch die man diesen Wandel betrachten kann.

Die Medienwissenschaften sind schon länger von einer rein gegenstandsorientierten Herangehensweise abgerückt. Gerade in den Fernsehwissenschaften ist die Betrachtung der Mediennutzung als soziale Praxis verbreitet: Interessanter als der Gegenstand an sich ist hier, was die RezipientInnen mit und in Bezug auf Medien machen. Und das geht weit über das Konzept des aktiven Zuschauers hinaus, der in seinem Kopf aus dem Plot die Story rekonstruiert².

Die Aktivität, die aktuelle mediale Angebote ihren Zuschauern nahe legen, erfordert den Wechsel zwischen den Medien, das aktive Suchen nach Hinweisen und die ständige Beschäftigung mit einer fiktionalen Welt. Über Wikis zu Spielen hin zu Social Media Angeboten und Alternative Reality Games (ARG). Transmedia ist ein Marketinginstrument, ja, aber eines, das Spaß machen kann.

In der Konzeptionierung eines transmedialen Angebots lenken die Produzenten die Zuschaueraktivität in gewünschte und ökonomisch verwertbare Bahnen. Es entfaltet sich eine Art Katz-und-Maus-Spiel, da die Produzenten immer mehr an zuvor faniniziierten medialen Praktiken unter ihre Vorherrschaft nehmen und das Publikum die Tendenz behält, in unkommerzielle Winkel des Fandoms zu streben. Transmedia wird in der entsprechenden Literatur häufig als Netzwerk medialer Angebote dargestellt. Dabei stellt die Aktivität der Zuschauer die Kanten des Netzwerks, denn ohne die selbstständige Bewegung des Publikums würden die Knoten außer durch inhaltliche Referenzen nie zusammen finden. Diese Zuschaueraktivität entspricht einer gewissen spielerischen Subjektivität, die den Umgang mit neuen Medien prägt. In anderen Worten: Die mediale Praxis des Spiels ist das, was Transmedia überhaupt ers möglich macht.

Menschliche Aktivität in produktive Bahnen zu lenken und zu steuern ist eine Fähigkeit, die in der Medienlandschaft immer wichtiger wird. Im Web nennt man das Interaktionsdesign, bei Videospielen Gamedesign und bei Fernsehserien und ARGs nennt man es Transmedia Storytelling. Die Konvergenz dieser Denkmuster zeugt nicht nur vom übergeordneten Phänomen der Medienkonvergenz, sondern auch von einer generellen Änderung in unserer Wahrnehmung von und in unserem Denken über Medien.

Die Praxis des Spiels -- der freien Bewegung in einem ansonsten rigiden, geregelten System -- ist ein guter Kandidat, diesen paradigmatischen Wechsel zu bezeichnen. Insofern sind die Game Studies für den Rest der Medienwissenschaften relevant: Sie könnten die Erforschung von Fernsehen und Internet in den nächsten Jahren maßgeblich mitgestalten, da sie sich prominent mit dieser neuen Form der Verschmelzung von Rezipient und medialem Angebot auseinandersetzen.

Quellen & Anmerkungen

¹ Roig, Antoni et. al.: Videogame as Media Practice. An Exploration of the Intersections Between Play and Audiovisual Culture. In: Convergence: The International Journal of Research into New Media Technologies. Vol. 15, 2009. S. 89-103.

² Kurze Erklärung zum russischen Formalismus bzw. Neoformalismus hier.

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