Unbequemer Aktivismus

An der RUB haben wir in letzter Zeit ein kleines Problem mit einem sehr unbequemen Teil der Antifa, die Vorlesungen gestürmt, den Campus mit persönlichen Daten eines bekannten Neo-Nazis gepflastert und Propaganda über die Uni-Mailadressen verschickt haben. Ich bin in einem Zwiespalt. Wenn ich meine politischen Ansichten auf dem Spektrum ausbreite, drängen sie sich vornehmend links. Ich finde es wichtig, dass Rechtsradikale auf den gesellschaftlichen Widerstand stoßen, den sie in einem Staat, der sich die Achtung der Menschenrechte auf die Fahne geschrieben hat, zu erwarten haben. Aber ich finde die Methoden der Antifa so abstoßend, so schrecklich, dass ich mich einfach nicht hinter solche Aktionen stellen kann.

Aber muss Aktivismus nicht unbequem sein, um Gehör zu finden?

Ich bin Vegetarierin und Feministin, glaubt mir, ich kenn mich mit unbequemen Themen aus. Und ich weiß auch, wie Leute darauf reagieren. Ich habe deswegen bisher nie das Label "Aktivistin" oder dem zugehörige Tätigkeiten für mich erschlossen. 
Kleiner Test an alle Vegetarier*innen: Was ist die erste Reaktion wenn ihr sagt, ihr ernährt euch vegetarisch oder gar vegan?
"Du bist aber keine dieser *Veggie-Terroristen, oder?"
Nein, ich bin kein "Veggie-Terrorist" und auch kein "Feminazi", ich interessiere mich für Dinge und habe aufgrund von diesen Dingen Konsequenzen für mein eigenes Denken und Handeln gezogen. Wer das nicht schafft, den bekommt man höchstens zu Lippenbekenntnissen. Tiefgreifende Änderungen und Einsichten im eigenen Leben können nur angestoßen werden, müssen aber letztendlich immer aus Introspektion wachsen.

Jetzt hat die Antifa da ja eigentlich eine recht komfortable Situation insofern, als dass keiner in Deutschland, der noch bei Sinnen ist, öffentlich zugeben würde, dass er die Bekämpfung von Rechtsextremismus für eine schlechte Idee hält. Das ist doch ein gemeinsamer Nenner, auf den man sich einlassen kann. (Ganz im Gegensatz zu, oh, ich sage mal "Veggie-Day".) Müsste es nicht also ein Leichtes sein, Leute zu erreichen?

So sehe ich das zumindest, da Feminismus und Vegetarismus von vielen Leuten einfach von vorne herein abgelehnt werden. "Nicht relevant, tangiert mich nicht, sei nicht so überempfindlich", ihr kennt die Litanei. Und ich klatsche manchmal Leuten das Wort "Frauenbild" ins Gesicht und ich erkläre jedem, der will, warum ich vegetarische Ernährung für sinnvoll halte, aber ich werde nicht handgreiflich, nicht ausfallend und ich prangere niemanden öffentlich an -- noch dazu mit seinen privaten Daten. Denn dann bediene ich mich der Methoden, die ich selbst für falsch halte und der Zweck heiligt in dem Fall eben nicht die Mittel!

Aktivismus ist Werbung, muss man mal so pauschal sagen. Und welcher Werbung schenkt ihr mehr Beachtung? Dem Spam oder der gut aufbereiteten Informationsplattform? Dem Schlägertrupp oder dem cleveren Werbespot? Der persönlichen, ehrlichen Darstellung des Problems oder dem Draufhauen?

Wer sich Frieden und Inklusion auf die Fahne schreibt, der kann nicht mit Gewalt auf sich aufmerksam machen. Das macht einem das Image kaputt. Das vergrault sogar Leute, die eigentlich auf derselben Seite stehen. Plakatieren die Tierschutz-Aktivistinnen die RUB mit den Gesichtern der Uni-Mitarbeiter, die die Versuche durchführen? Nein. Sie machen nur auf das Problem aufmerksam. Und dahinter kann ich mich stellen. 

Aber ich werde mich nicht hinter grölende, stänkernde, spammende Trupps stellen, bei denen ich nicht weniger Angst um meine Unversehrtheit habe, als bei denen, die sie anprangern.

Information muss nicht wehtun, sie muss nur präsent und zugänglich sein. Und Überzeugung, dieses seltene Tier, kann nur aus einem Gefühl der Sicherheit erwachsen, nicht aus der unguten Vermutung, dass die Menschen, die man unterstützt, zu halb illegalen Mitteln greifen und anderen Leuten Schaden zufügen.

Wenn man ein Anliegen hat -- egal wie moralisch überlegen und dringend es einem vorkommt -- ruiniert man besser nicht das Image des Anliegens durch hirnlose Pöbelaktionen. Das diskreditiert alle Beteiligten, vor allem aber das Ziel, das verfolgt wird.

Aktivismus darf unbequem sein. Nur nicht dumm.

Kommentare

Aktivismus auf Twitter

Danke für diesen Blogpost. Ich finde ihn sehr wichtig, weil er endlich einen Gedanken festschreibt, den ich schon lange mit mir herumtrage.
Das Phänomen und Problem, was du mit eurer hiesigen Antifa-Gruppierung hast, nehme ich beinahe ständig auf Twitter wahr, wenn es um Themen wie Feminismus, Sexismus, Rassismus (in der Gaming-Szene oder allgemein) und ähnliches geht.
Einige meiner Followings sind recht netzaktivistisch tätig, zumindest auf Twitter, was an sich ja erstmal gut ist. (Inwiefern Twitter wirklich = Netzaktivismus ist, ist eine andere Frage, aber es ist eine verständliche Metapher.)
Nur leider, wenn dann Konflikte aufkommen wegen sexistischer Äußerungen von Leuten aus der Gaming-Industrie/der Gaming-Journalismus-Branche oder Konflikte mit anderen Twitterer-Konsumenten wegen sexistischem Content (Gameplay oder Story) in irgendwelchen Spielen werden ein paar dieser Followings sehr schnell sehr unsachlich. Es entsteht ein Shitstorm, wie man sagen würde.
Kommunikation ist an sich schon schwierig, aufgrund von persönlicher Entwicklung und Erfahrung hat nicht jeder von jedem Begriff die gleiche Vorstellung oder verbindet dieselbe Konnotation mit einem Begriff, Internet-Kommunikation noch schwieriger aufgrund von fehlender Phonetik, Mimik sowie Gestik und die 140-Zeichen-Begrenzung von Twitter macht es nicht einfacher. Wirkliche, ausführliche und tiefgreifende Diskussionen sind kaum bis gar nicht möglich, da man immer nur auf Fragmente aka Einzeltweets eingehen kann und die Diskussionsaspekte dadurch schnell durcheinandergeworfen und die Diskussion selbst unübersichtlich werden kann.
Das sieht dann im Beispielfall so aus, dass sich besagte Followings über alle Maßen empören in 10/20 Tweets und in Konversationen mit anderen Twitter-Usern wird dann nicht einmal richtig diskutiert, sondern es wird sich an Formulierungen aufgehangen oder öffentlich über den Diskussionspartner hergezogen und gerantet (@-Name ans Ende eines Tweets, damit es schön die ganze Timeline sieht, obwohl die Diskussion nur zwischen diesen zwei Personen stattfindet, bestimmte Aussagen aus dem Kontext reißen und überspitzt darstellen) und der Diskussionspartner muss einen Schwall an Beleidigungen und Vorwürfen über sich ergehen lassen. Ob diese Vorwürfe berechtigt sind oder nicht, ist an dieser Stelle unerheblich.
Folgendes Problem dabei: Welcher Mensch hat so ein dickes Fell oder besitzt so wenig Stolz, dass jegliche Beleidigungen einfach an ihm abprallen? Welcher Mensch kann noch sachlich bleiben, wenn er pausenlos persönlich attackiert wird? Welcher Mensch ist denn überhaupt noch bereit zu lernen und etwas an seinem Verhalten und Denken zu ändern, wenn ihm die ganze Zeit nur gesagt wird, was für ein schlechter Mensch und wie scheiße er doch sei? Wer würde da nicht die Schotten dicht und einen auf trotzig machen?
Ja, Ruhe und Wutzügelung ist ein Recht, das eventuell den Privilegierten vorbehalten ist. Ich kann nachvollziehen, dass und warum man ausfallend wird. Ich verstehe auch, dass es ermüdend ist, in Debatten immer wieder dieselben falschen und unsinnigen Pseudo-Argumente hören zu müssen.
Aber simple Empörung und Rage bringt niemandem was. Die eigene Timeline fühlt sich belästigt durch den Schwall an unsachlicher und vulgärer Tweets und der Diskussionspartner fühlt sich persönlich angegriffen, was ich ihm kaum verdenken kann.
Letztlich verläuft der Shitstorm im Sand, der Aktivist hat jede Menge Energie und Zeit tatsächlich vergeudet und der Diskussionspartner wird aus einer nachvollziehbaren Trotzreaktion heraus nichts an seinem Verhalten oder Denken ändern, es vielleicht sogar noch mehr ausleben.
Von solchen "Diskussionen" hat niemand etwas. Debattieren und Diskutieren und zum Umdenken bewegen wollen ja, aber keine hirnlosen Pöbeleien, wie du es bereits treffend formuliert hast.

Gruß~

Schruffi

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