Vegan, feministisch und auch sonst eher unbequem

Zuerst einmal: Yay, ich habe einen Monat vegan gelebt! Mein Fazit ist: Ich fühle mich nicht großartig anders, ich hatte keine Mangelerscheinungen, aber alles ist schwieriger. Die Mensa, Restaurants, Süßigkeiten ... all die kleinen Annehmlichkeiten und Convenience Foods waren schwierig. 

Das führt zu der Frage: Ziehe ich das jetzt durch mit dem Vegansein?
Kurze Antwort: Nein.

Lange Antwort: Ich bin ein schlechter Mensch. Ich bin faul, nostalgieanfällig und ein ziemliches Gewohnheitstier und wenn nicht plötzlich alles andere in meinem Leben läuft wie am Schnürchen, habe ich gerade keine mentalen Kapazitäten für selbst auferlegte Entbehrung frei. Und sich vegan zu Ernähren ist für mich eine Entbehrung. Nicht unbedingt von konkreten Lebensmitteln, aber von Convenience.

Und Convenience ist eigentlich ein guter Aufhänger, um über Themen wie Veganismus oder Feminismus nachzudenken. Wie man an der letzten Hart-aber-fair-Sendung und dem Veggie-Day-Aufschrei vor einigen Jahren gut sehen konnte, sind beides Themen, bei denen die Gefühle hochkochen. Die Gegenseite wirft dann gerne mit Begriffen wie "Biologie", "Natur" und "schon immer" um sich. Der Mensch ist halt ein Raubtier und Frauen von Natur aus eher zahm. Dass die Wissenschaft das anders sieht, ist in dem Fall nicht so wichtig, es geht ja schließlich um das persönliche Empfinden und das stützt sich auf eine kollektiven Annahme davon, was "normal" ist. Dass dieses Empfinden zeitlichen und regionalen Veränderungen unterworfen ist, weiß man eigentlich in irgendeiner Nische des Verstands, denkt aber lieber nicht darüber nach. In derselben Nische liegt wahrscheinlich das Wissen um Massentierhaltung und die sexuelle Orientierung von Oscar Wilde und Alan Turing.

Natürlich ist es bequemer, Fleisch und Milch und Eier zu essen. Natürlich ist es bequemer, sich von Sprache nicht diskriminiert zu fühlen, als sich Gedanken darüber zu machen, wie es besser ginge. Trotzdem ist Bequemlichkeit vielleicht die menschliche Grundverfassung, aber bestimmt nicht sein Naturzustand. Leben ist mühsam und Zivilisation ist noch viel mühsamer.

Ich kann mir gut vorstellen, wie ein Klan zusammensaß, jemand das erste mal das Prinzip von Landwirtschaft erklärte und die Versammlung sagte: "Was? Nein! Das ist nicht natürlich. Wir haben doch alles, was wir brauchen. Und wir haben schon immer gejagt und gesammelt."

Zivilisation wächst in Schichten. Vor hundert Jahren war es "normal", dass Frauen halt Menschen zweiter Klasse waren. Dass Kinder keine Rechte hatten. Im Mittelalter war es "normal", dass man Geflügel im kompletten Federkleid bei Tisch servierte. Hatte man schon immer so gemacht. Heute sind Veganismus und der Gender Gap komisch. Unbequem. Aber es braucht nur ein paar Generationen, die mit einem anderen Empfinden von Normalität aufwachsen und mit ein bisschen Training in kultureller Entfremdung kann man sich vorstellen, was für ein merkwürdiger Anblick diese altbackenen geschlechtergetrennte Toiletten sein können.

Ein bewussterer Umgang mit Tieren und mehr Rücksicht auf Menschen jenseits der Heteronormativität sehe ich als frisch aufgetragene Schichten von Zivilisation, die noch nicht getrocknet sind und vielleicht noch ein paar mal aufgefrischt werden müssen, bevor man sich an den Anblick gewöhnt hat und sie genug Patina ansetzen, dass die Gesellschaft anfängt, Convenience um sie herum zu definieren.

Ich bin ein schlechter Mensch. Ich hänge an meinen altmodischen sozial erlernten Bequemlichkeiten. Aber wenn selbst ich anfange, meine Sprache zu gendern und meinen Kaffee mit Hafermilch zu trinken, besteht eine gute Chance, dass die Farbe langsam trocknet.

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